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Swiss Observer

Novartis-Aktien brechen nach jüngstem Rückschlag bei klinischer Studie ein

Die Novartis-Aktien fielen stark, nachdem eine klinische Studie zu einer Behandlung von Muskelerkrankungen gescheitert war. Dies veranlasste Analysten, das Vertrauen in die kürzlich erworbene Medikamentenpipeline des Unternehmens infrage zu stellen. Der Rückschlag verdeutlicht die finanziellen und wissenschaftlichen Risiken grosser Übernahmen in der Pharmaindustrie.

Novartis-Aktien brechen nach jüngstem Rückschlag bei klinischer Studie ein
AISWI swissinfo.ch

Die Novartis-Aktien fielen am Dienstag, 8. September 2026, gegen 9.15 Uhr um 9,6 % auf CHF 113.42, nachdem Anleger auf das Scheitern einer klinischen Studie zu Del-desiran reagiert hatten, einer experimentellen Behandlung der myotonen Dystrophie Typ 1. Der Rückgang folgte einen Tag, nachdem das Unternehmen bekannt gegeben hatte, dass auch sein Herzmedikament Pelacarsen den primären Endpunkt verfehlt hatte. Daraufhin war die Aktie um 3,2 % gefallen.

Die beiden Ergebnisse setzen ein Unternehmen unmittelbar unter Druck, dessen Aktienkurs erst eine Woche zuvor einen Rekordstand von CHF 132.68 erreicht hatte. Novartis ist eines der grössten börsenkotierten Unternehmen am Schweizer Markt. Der Ausverkauf betrifft daher nicht nur die Labors und die Führungsetage des Unternehmens. Betroffen sind auch Pensionskassen, institutionelle Anleger und private Aktionäre, für die der Pharmakonzern eine Kernanlage darstellt.

Del-desiran wurde in der Harbor-Studie mit rund 150 Patientinnen und Patienten über 54 Wochen untersucht. In der Studie wurde gemessen, ob die Teilnehmenden ihre Hände schneller öffnen konnten, ein klinisches Mass für die durch die Krankheit verursachte Muskelsteifheit. Das Medikament erreichte diesen primären Endpunkt nicht. Novartis erklärte, die Ergebnisse deuteten bei anderen Kriterien auf eine Wirkung hin. Die Reaktion des Marktes konnten sie jedoch nicht verhindern. Analysten bewerten nun den Wert und die Zuverlässigkeit der kürzlich erweiterten Medikamentenpipeline des Unternehmens neu.

Die Harbor-Studie verfehlt ihr Hauptziel

Del-desiran verfehlte nach 54 Wochen in der Harbor-Studie den primären Endpunkt. Im Mittelpunkt stand die myotone Dystrophie Typ 1, eine fortschreitende Muskelerkrankung, die Steifheit und Bewegungseinschränkungen verursachen kann. Als wichtigstes Mass für die Wirksamkeit der Behandlung erfassten die Forschenden, wie lange die Patientinnen und Patienten zum Öffnen ihrer Hände benötigten.

Der Endpunkt bot Anlegern einen klaren Massstab dafür, ob die Behandlung ein zentrales Krankheitssymptom linderte. Novartis erklärte, der Wirkstoff habe bei anderen während der Studie untersuchten Kriterien Anzeichen einer Wirkung gezeigt. Diese sekundären Signale könnten eine weitere Analyse rechtfertigen. Das Verfehlen des primären Endpunkts schmälert jedoch das Vertrauen in die regulatorischen und kommerziellen Aussichten der Behandlung erheblich.

Das Ergebnis ist bedeutsam, weil die Erwartungen an Del-desiran hoch waren. Vor der Bekanntgabe schätzte Vontobel den möglichen Spitzenumsatz des Medikaments auf 3 Milliarden US-Dollar, entsprechend CHF 2,43 Milliarden, nachdem das Ausfallrisiko berücksichtigt worden war. UBS hatte das mögliche Umsatzpotenzial auf vergleichbarer Basis auf bis zu 2 Milliarden US-Dollar beziffert. Vontobel hat seine Umsatzprognose nun aus dem Bewertungsmodell gestrichen.

Klinische Studien liefern häufig uneinheitliche Daten, insbesondere bei seltenen und komplexen Krankheiten. Für Anleger bedeutet ein verfehlter primärer Endpunkt jedoch in der Regel, dass Entwicklungszeitpläne, Zulassungsaussichten und der für den zugrunde liegenden Wirkstoff bezahlte Preis neu beurteilt werden müssen.

Avidity-Pipeline steht auf dem Prüfstand

Analysten stellen das Vertrauen in die Medikamentenpipeline infrage, die Novartis von Avidity Biosciences übernommen hat. Die Zürcher Kantonalbank erklärte, das Ergebnis zu Del-desiran habe das Vertrauen in die gesamte Gruppe der durch die Übernahme des US-Biotechunternehmens erworbenen Medikamentenkandidaten beschädigt. Die Einschätzung der Bank geht über einen einzelnen Wirkstoff hinaus und richtet den Blick darauf, wie Anleger die Übernahme als Ganzes beurteilen.

Vontobel bezeichnete das Ergebnis als erheblichen Rückschlag für die Pipeline von Novartis. Die Bedenken betreffen sowohl finanzielle als auch wissenschaftliche Aspekte. Bei grossen Übernahmen in der Pharmaindustrie stützen sich die Kaufpreise auf eine Reihe künftiger Zulassungen und Produkteinführungen. Scheitert ein führender Kandidat, können Anleger den übrigen Programmen einen geringeren Wert beimessen, selbst wenn diese positive Ergebnisse erzielt haben.

Keystone-SDA berichtete, dass andere Wirkstoffe aus der Avidity-Übernahme bisher positive Studienergebnisse gezeigt hätten. Diese Ergebnisse stützen das Portfolio teilweise, konnten aber die Reaktion des Marktes darauf, dass die Rückschläge bei Del-desiran und Pelacarsen nur wenige Tage auseinanderlagen, nicht ausgleichen.

Der Vorfall macht auch das zeitliche Risiko sichtbar, das Biotech-Übernahmen innewohnt. Novartis übernimmt Forschungsprogramme, bevor die Aufsichtsbehörden deren Nutzen bestätigen und bevor die kommerzielle Nachfrage feststeht. Das Unternehmen erhält Zugang zu möglichem Wachstum, während die Aktionäre die Kosten eines Scheiterns tragen. Dieses Verhältnis ist zentral für die Beurteilung der Avidity-Transaktion durch den Markt geworden.

Zwei Rückschläge verstärken den Druck

Novartis hat in zwei aufeinanderfolgenden Börsensitzungen primäre Endpunkte verfehlt. Beim ersten Fall ging es um Pelacarsen, ein Herzmedikament, dessen Studienergebnis am Montag, 7. September, bekannt wurde. Die Aktien fielen an diesem Tag um 3,2 %. Der zweite Fall betraf Del-desiran und löste am Dienstagmorgen einen weiteren Rückgang um 9,6 % aus.

Die Abfolge verstärkte die Reaktion des Marktes. Den Anlegern blieb wenig Zeit, die beiden Programme voneinander zu trennen oder einzuschätzen, ob es sich um Einzelfälle handelte. Der Aktienkurs fiel vom Rekordstand von CHF 132.68, der in der Vorwoche erreicht worden war, bis am Dienstagmorgen auf CHF 113.42. Damit lag er mehr als CHF 19 unter dem jüngsten Höchststand.

Ende August war Novartis zudem mit einer separaten Entwicklung im Bereich Sicherheit konfrontiert: Das Unternehmen stoppte mehrere klinische Studien zu experimentellen Zelltherapien für Autoimmunerkrankungen in der Immunologie und Neurowissenschaften, nachdem drei Patientinnen und Patienten gestorben waren. Diese Massnahme betraf andere Programme als die Studien zu Del-desiran und Pelacarsen, verstärkt aber die Aufmerksamkeit für die Forschungsaktivitäten des Unternehmens.

Der finanzielle Druck spiegelt die wirtschaftlichen Bedingungen der Medikamentenentwicklung wider. Ein Wirkstoffkandidat kann jahrelange Laborarbeit, klinische Tests und Investitionen erfordern, bevor ein einziges Studienergebnis seine Aussichten verändert. Bei einem globalen Pharmakonzern verteilt ein breites Portfolio dieses Risiko. Die Reaktion des Marktes zeigt, dass Anleger bei jedem Scheitern weiterhin genau darauf achten, was es über die Stärke der gesamten Pipeline aussagt.

Anleger warten auf das nächste Signal aus der Pipeline

Novartis muss nun entscheiden, wie stark das Unternehmen die sekundären Signale zu Del-desiran gewichtet und wie rasch es seine Pipeline-Strategie anpasst. Das Unternehmen hat nicht erklärt, dass sämtliche Entwicklungsprogramme im Zusammenhang mit der Avidity-Übernahme gescheitert seien. Andere Wirkstoffe haben positive Studienergebnisse erzielt. Anleger werden diese Programme genau beobachten und nach Hinweisen suchen, dass der jüngste Rückschlag auf eine einzelne Behandlung begrenzt ist.

Im unmittelbaren Fokus stehen die Interpretation der Harbor-Daten durch das Unternehmen, seine Gespräche mit den Aufsichtsbehörden und ein allfälliger Entscheid darüber, ob weitere Studien die Ergebnisse klären können. Der verfehlte primäre Endpunkt erschwert den weiteren Weg, während die gemeldeten Wirkungen bei anderen Messgrössen den nächsten Schritt beeinflussen könnten.

Schweizer Anleger werden den Verlust an Börsenwert auch im Verhältnis zum übrigen Geschäft von Novartis beurteilen und den Konzern nicht allein an einem Programm messen. Dass Vontobel seine Umsatzschätzung von 3 Milliarden US-Dollar gestrichen hat und UBS zuvor ein Potenzial von bis zu 2 Milliarden US-Dollar prognostizierte, zeigt jedoch, wie rasch ein klinisches Ergebnis die finanziellen Erwartungen verändern kann.

Für die Schweizer Pharmaindustrie ist der Vorfall eine deutliche Erinnerung an die Risiken, die mit der Konsolidierung im Biotechbereich verbunden sind. Übernahmen können vielversprechende Wissenschaft in etablierte Unternehmen bringen, die Unsicherheit klinischer Studien am Menschen aber nicht beseitigen. Die nächsten Mitteilungen von Novartis werden zeigen, ob das Vertrauen in das Avidity-Portfolio zurückkehrt oder ob Analysten den Wert künftiger Medikamente weiter nach unten korrigieren.