Wirtschaft
Überblick zur Schweizer Wirtschaft: 225'000 offene Stellen und Bemühungen um eine höhere steuerliche Attraktivität
Der Schweizer Arbeitsmarkt weist eine starke Nachfrage auf: Landesweit sind derzeit über 225'000 offene Stellen ausgeschrieben. Gleichzeitig senken die Schweizer Kantone aktiv die Unternehmenssteuern, um ihre Attraktivität für Unternehmen zu stärken und die Position des Landes als attraktiver Wirtschaftsstandort im Jahr 2026 weiter auszubauen.

Die Schweiz trotzt den wirtschaftlichen Gesetzen der Schwerkraft. Landesweit sind derzeit erstaunliche 225'358 Stellen ausgeschrieben. Das signalisiert eine enorme Nachfrage nach Fachkräften und steht im Widerspruch zu den düsteren Prognosen von Ende 2025. Während Analystinnen und Analysten für 2026 einen leichten Anstieg der Arbeitslosenquote erwarten, erzählt die schiere Zahl der offenen Stellen eine andere, dringlichere Geschichte: Schweizer Unternehmen sind bereit zu wachsen, brauchen dafür aber Arbeitskräfte.
Dieser Nachfrageanstieg folgt auf ein turbulentes Jahr, in dem Entlassungen die Schlagzeilen beherrschten. Der Markt hat sich jedoch mit bemerkenswerter Widerstandsfähigkeit neu ausgerichtet. Die Lage ist nicht nur dynamisch, sondern äusserst wettbewerbsintensiv. Unternehmen bemühen sich fieberhaft, Stellen zu besetzen. Dadurch ist ein Arbeitsmarkt entstanden, auf dem Stellensuchende so viel Einfluss haben wie noch nie. Die Frage lautet nicht mehr «Wird sich der Markt erholen?», sondern «Wie schnell können wir einstellen?». Diese Diskrepanz zwischen steigenden Arbeitslosenzahlen und einer grossen Zahl offener Stellen deutet auf eine kritische Diskrepanz zwischen den vorhandenen und den benötigten Kompetenzen hin, die das Land sofort angehen muss, um seine wirtschaftliche Dynamik zu erhalten.
Die Suche nach Fachkräften: Branchen in der Krise
Nirgends ist der Fachkräftemangel so kritisch wie im Gesundheitswesen. Die Nachfrage nach medizinischem Fachpersonal, insbesondere nach Pflegefachpersonen, hat einen Höhepunkt erreicht und legt eine strukturelle Schwachstelle in der Grundversorgung der Schweiz offen. Die Gesamtzahl von 225'000 offenen Stellen ist zwar beeindruckend, doch die Zusammensetzung dieser Stellen zeigt eine dringende Suche nach Spezialkenntnissen, die sich weder automatisieren noch einfach ins Ausland verlagern lassen.
Dabei handelt es sich nicht bloss um einen Einstellungszyklus, sondern um einen systemischen Stresstest. Nach der Welle von Unternehmensumstrukturierungen im Jahr 2025 hat sich der Arbeitsmarkt aufgespalten. Während einige administrative Funktionen stagnieren, herrscht im Pflegebereich und in spezialisierten technischen Berufen ein akuter Personalmangel. Die Intensität der Nachfrage deutet darauf hin, dass qualifizierte Fachkräfte 2026 bei Lohnverhandlungen und Arbeitsbedingungen eine beispiellose Verhandlungsposition haben. Die Botschaft an die Arbeitskräfte ist klar: Wer über die richtigen Kompetenzen verfügt, wird in der Schweiz nicht nur eingestellt, sondern ist stark umworben.
Steuerstrategie: Gegen den globalen Trend
Während der Rest der Welt die Steuern erhöht, um Haushaltsdefizite zu decken, geht die Schweiz entschlossen in die entgegengesetzte Richtung. Die neuesten Daten des BAK Taxation Index zeigen einen deutlichen Wettbewerbsvorteil: Die effektive Unternehmenssteuerbelastung in der Schweiz beträgt 2025 lediglich 13,4 Prozent. Verglichen mit dem internationalen Durchschnitt von 24 Prozent wird die Schweizer Strategie deutlich: Mit tieferen Steuern als die globale Konkurrenz sollen ausländische Investitionen gesichert werden.
Das ist ein kalkulierter Schachzug. Mit einer Steuerbelastung, die 10,6 Prozentpunkte unter dem globalen Durchschnitt liegt, schirmt sich die Schweiz faktisch gegen die in Europa und den USA zunehmende fiskalische Straffung ab. Die Botschaft an multinationale Unternehmen ist unmissverständlich: Die Schweiz bleibt ein sicherer Hafen für Kapital. Während andere Staaten versuchen, ihre Schulden mit höheren Abgaben zu finanzieren, setzt die Schweizerische Eidgenossenschaft noch stärker auf ihre unternehmensfreundliche Ausrichtung. Damit soll sie auch 2026 ein bevorzugter Standort für Unternehmenssitze bleiben.
Kantonaler Wettstreit: Gewinner und Verlierer
Innerhalb der Schweiz verändert ein intensiver Wettbewerb die Wirtschaftslandkarte. Die Kantone Schwyz und Luzern haben ihre Steuerbelastung entschlossen um 0,4 beziehungsweise 0,3 Prozentpunkte gesenkt und positionieren sich damit als neue Spitzenreiter in Sachen steuerlicher Attraktivität. Sie warten nicht auf Vorgaben des Bundes, sondern gestalten ihre lokale Wirtschaft aktiv, um Unternehmen aus Kantonen mit höheren Steuern anzulocken.
Doch nicht jeder Kanton gewinnt diesen Wettlauf. Schaffhausen musste seine Steuerbelastung um 1,1 Prozentpunkte erhöhen, um der OECD-Mindeststeuer zu entsprechen. Dieser Schritt könnte den Wettbewerbsvorteil des Kantons schmälern. Auch in Zürich stieg die Belastung um 0,5 Prozentpunkte, bedingt durch Anpassungen bei den Abzügen für die Selbstfinanzierung. Dadurch entsteht eine uneinheitliche Landschaft, in der die Standortwahl für Unternehmen entscheidend wird. Der «Schweiz-Vorteil» ist nicht mehr überall derselbe, sondern besteht aus einem Flickenteppich aggressiver Anreize. Unternehmen müssen ihren Hauptsitz daher sorgfältig wählen.
Ausblick 2026: Eine gefestigte Wirtschaft
Im weiteren Verlauf des Jahres 2026 baut die Schweiz ihre Festungswirtschaft weiter aus. Die beiden Triebkräfte eines umkämpften Arbeitsmarkts und eines äusserst wettbewerbsfähigen Steuersystems wirken zusammen. Mit über 225'000 offenen Stellen und einem Unternehmenssteuersatz, der deutlich unter dem globalen Durchschnitt liegt, ist das Land gut positioniert, um sowohl hochqualifizierte Fachkräfte als auch umfangreiche Kapitalinvestitionen anzuziehen.
Die Herausforderungen durch die steigende Arbeitslosigkeit und die Einhaltung der OECD-Vorgaben sind real, werden aber von der Durchsetzungskraft des Schweizer Modells überlagert. Das Land übersteht die globalen wirtschaftlichen Veränderungen nicht bloss, sondern nutzt sie zu seinem Vorteil. Für Investorinnen und Investoren wie auch für Arbeitskräfte ist das Signal klar: Die Schweiz setzt noch stärker auf ihren Status als einer der attraktivsten Wirtschaftsstandorte der Welt. Die Frage für den Rest des Jahres ist nicht, ob die Wirtschaft wachsen wird, sondern wer schnell genug ist, davon zu profitieren.