Umwelt
Wilde Honigbienen nach Schweizer Studie neu als «vom Aussterben bedroht» eingestuft
Eine Studie von Agroscope Zürich und der Universität Hohenheim hat dazu geführt, dass wilde Honigbienen neu als «vom Aussterben bedroht» eingestuft werden. Naturschutzorganisationen fordern daraufhin eine systematische Überwachung und den Schutz ihrer Lebensräume.

Ein dramatischer Rückgang der wild lebenden Honigbienenvölker hat die Wissenschaft dazu veranlasst, höchsten Alarm zu schlagen. Nach einer gründlichen gemeinsamen Studie von Agroscope Zürich und der Universität Hohenheim wird die wilde Honigbiene nun offiziell neu als «vom Aussterben bedroht» eingestuft. Das ist kein Fehlalarm, sondern ein biologischer Notfall. Die Schweizer Organisation FreeTheBees gab diese Woche bekannt, dass die Weltnaturschutzunion (IUCN) die Art in ihre höchste Gefährdungskategorie aufgenommen hat. Während bewirtschaftete Bienenstöcke oft die öffentliche Wahrnehmung prägen, bilden diese wilden Vorfahren das eigentliche Rückgrat unseres Ökosystems. Sie machen einen wichtigen Sechstel der Honigbienenpopulation Europas aus. Ihr plötzlicher Absturz in Richtung Aussterben signalisiert ein katastrophales Versagen unserer bisherigen Verantwortung für die Umwelt. Wir erleben möglicherweise den Zusammenbruch einer seit Jahrtausenden bestehenden Linie, die nun unter dem Druck der modernen Industriegesellschaft nachgibt. Die Zeit der passiven Beobachtung ist vorbei. Die Daten verlangen sofortige und entschlossene Massnahmen, um die Bestäuber vor der vollständigen Auslöschung zu bewahren.
Schwindende Lebensräume dezimieren wilde Bienenvölker
Der Verlust von Lebensräumen ist keine drohende Gefahr mehr, sondern bereits ein aktiver Vernichter. Wilde Honigbienen leiden unter einem gravierenden Mangel an «natürlichem Wohnraum», insbesondere an alten Bäumen mit Höhlen, die ihnen als wichtigste Nistplätze dienen. Im Streben nach aufgeräumten und bewirtschafteten Wäldern haben wir genau jene Strukturen beseitigt, die diese Bienen zum Überleben brauchen. Neben fehlenden Nistplätzen lässt auch der akute Mangel an Nahrung und naturnahen Strukturen die Völker aussterben. Während Honigbienen in menschlicher Obhut von Imkerinnen und Imkern unterstützt werden, müssen sich wilde Völker in einer zunehmend lebensfeindlichen und kargen Landschaft selbst behaupten. Der Kontrast ist deutlich: Wir feiern unsere landwirtschaftliche Produktion und beseitigen gleichzeitig systematisch die biologische Grundlage, die sie ermöglicht. Naturschützerinnen und Naturschützer fordern nun, wilde Honigbienen als festen Bestandteil der Schweizer Biodiversität anzuerkennen und sie landesweit systematisch zu überwachen. Ohne alte Bäume und vielfältige Pflanzenwelt wird die Einstufung «vom Aussterben bedroht» bald zu «ausgestorben».
Chemische Belastung bedroht die Schweizer Biodiversität
Die Krise betrifft weit mehr als eine einzelne Art: Ein giftiger Cocktail aus Insektiziden vergiftet die Schweizer Landschaft. In der Schweiz leben insgesamt 615 Bienenarten, doch erschreckende 45 Prozent der einheimischen Wildbienen sind inzwischen bedroht. Die Aktualisierung der Roten Liste des Bundesamts für Umwelt (BAFU) für 2024 zeichnet ein düsteres Bild: 59 Arten gelten innerhalb der Landesgrenzen bereits als ausgestorben. Das ist nicht bloss ein statistischer Rückgang, sondern ein Massensterben. Erst im vergangenen Monat wurden in der Region Landquart 45 Bienenvölker durch Pflanzenschutzmittel vergiftet. Das zeigt, dass die Bedrohung unmittelbar und tödlich ist. Fast 10 Prozent der einheimischen Bienenvielfalt sind bereits verschwunden, und weitere 24 Arten stehen als «vom Aussterben bedroht» am Abgrund. Die Abhängigkeit der Landwirtschaft von aggressiven chemischen Eingriffen steht in direktem Widerspruch zum Überleben dieser wichtigen Insekten. Wir tauschen langfristige ökologische Stabilität gegen kurzfristige Ernteerträge ein, und nun wird die Rechnung fällig.
Die Zukunft der Schweizer Bestäubung sichern
Die Schweiz steht an einem Wendepunkt: Entweder entwickeln wir unsere Naturschutzstrategien weiter, oder wir verlieren unser Naturerbe für immer. Die Neueinstufung der wilden Honigbiene muss als Auslöser für grundlegende politische Veränderungen dienen. Fachleute betonen, dass wir nicht länger nur «nützliche» Insekten schützen dürfen, sondern das gesamte Ökosystem. Dazu gehören der Erhalt alter Wälder, die Schaffung von «Wildtierkorridoren» für die Wanderung und strengere Verbote von Insektiziden, die unsere Wiesen in Friedhöfe verwandeln. Die Folgen sind klar: Verschwindet die wilde Honigbiene, leidet die Widerstandsfähigkeit unseres gesamten Landwirtschaftssystems. Bewirtschaftete Honigbienen können die ökologische Lücke, die ihre wilden Artgenossen hinterlassen, nicht schliessen. Mit Blick auf die Zukunft ist es nicht bloss eine Empfehlung, die Überwachung der Wildbienen in die nationale Umweltpolitik aufzunehmen, sondern eine Überlebensnotwendigkeit. Die Schweizer Bevölkerung und die politischen Entscheidungsträger müssen sich dieser Realität jetzt stellen, bevor das Summen der Wildbienen endgültig verstummt. Unsere Biodiversität ist unser wertvollstes Gut. Es ist Zeit, ihr mit der gebotenen Dringlichkeit Sorge zu tragen.