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Swiss Observer

Wild lebende Honigbienen als «vom Aussterben bedroht» neu eingestuft, Naturschutzforderungen werden laut

Eine neue Studie hat Honigbienen in Europa, die in freier Wildbahn leben, als «vom Aussterben bedroht» eingestuft und damit von bewirtschafteten Bienenpopulationen unterschieden. Schweizer Naturschutzorganisationen fordern nun eine systematische Überwachung und den Schutz von Lebensräumen, um dieser dringenden Bedrohung der Biodiversität zu begegnen.

Wild lebende Honigbienen als «vom Aussterben bedroht» neu eingestuft, Naturschutzforderungen werden laut
AISWI swissinfo.ch

Europas wild lebende Honigbienen stehen offiziell am Rande des vollständigen Zusammenbruchs. Eine bahnbrechende Studie von Agroscope Zürich und der Universität Hohenheim hat eine grundlegende Neueinstufung ausgelöst: Diese wichtigen Bestäuber gelten nun als «vom Aussterben bedroht». Das ist kein Fehlalarm, sondern ein biologischer Notfall. Während bewirtschaftete Bienenstöcke oft die öffentliche Wahrnehmung dominieren, sind wild lebende Völker, die erstaunliche ein Sechstel der europäischen Honigbienenpopulation ausmachen, einem stillen und raschen Verschwinden ausgesetzt. Die Kriterien der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) bestätigen nun, was Naturschützerinnen und Naturschützer seit Langem befürchten: Der genetische Vorrat unserer wichtigsten Bestäuber schwindet. Diese Neueinstufung zerstört die Illusion, Honigbienen seien allein deshalb sicher, weil die Imkerei beliebt ist. In Wirklichkeit stirbt die wild lebende Linie, die durch natürliche Selektion widerstandsfähig geworden und für robuste Ökosysteme unverzichtbar ist, vor unseren Augen aus. Die Schweiz steht nun an einem entscheidenden Punkt: Die Unterscheidung zwischen «Nutztier»-Bienen und wild lebender Biodiversität entscheidet über das Überleben der Art.

Schwindende Lebensräume vernichten wild lebende Völker

Die Schweizer Landschaft wird für genau jene Lebewesen, die sie erhalten, zunehmend zur Wüste. Wild lebende Honigbienen leiden unter einem katastrophalen Mangel an «naturnahen» Strukturen, denn moderne Forstwirtschaft und die Ausdehnung der Siedlungen lassen alte Bäume mit Höhlen verschwinden. Das sind nicht einfach nur Bäume, sondern unverzichtbare Schutzräume für das Überleben wild lebender Völker. Ohne solche Höhlen haben die Bienen weder einen Ort zum Überwintern noch Schutz vor Fressfeinden. Die Zahlen sind alarmierend: 45 % aller einheimischen Wildbienenarten in der Schweiz sind bedroht. Das ist kein lokales Problem, sondern ein systemisches Versagen beim Management von Lebensräumen. Von den 615 Bienenarten, die in der Schweiz heimisch sind, sind fast 10 %, nämlich 59 Arten, bereits ausgestorben. Weitere 24 Arten gelten als vom Aussterben bedroht, ähnlich wie die wild lebende Honigbiene. Wir erleben, wie das biologische Gefüge, auf dem die Schweizer Landwirtschaft und die alpine Flora beruhen, dramatisch ausdünnt. Der Mangel an vielfältigen Nahrungsquellen und die Bereinigung unserer Wälder haben ehemals artenreiche Lebensräume in ökologische Todeszonen verwandelt.

Chemische Kriegsführung auf dem Schweizer Land

Giftige Eingriffe beschleunigen den Rückgang, denn Schweizer Bienenvölker geraten zunehmend ins Kreuzfeuer der industriellen Agrarwirtschaft. Bei einem erschütternden Vorfall in der Region Landquart wurden nicht weniger als 45 Bienenvölker durch Insektizide zum Schutz von Pflanzen dezimiert. Dieser chemische Angriff zeigt, dass nicht einmal bewirtschaftete Bienen sicher sind, geschweige denn ihre wild lebenden Artgenossen, denen die schützende Betreuung durch Imkerinnen und Imker fehlt. Neurotoxine in der Umwelt bilden für sammelnde Bienen einen tödlichen Hindernisparcours. Die Landwirtschaft ist zwar weiterhin eine tragende Säule der Schweizer Wirtschaft, doch der Preis für den intensiven Einsatz von Pestiziden wird immer höher. Der Gegensatz ist offensichtlich: Wir sind auf diese Insekten angewiesen, damit sie unsere Nutzpflanzen bestäuben, während wir ihre Umgebung gleichzeitig mit Stoffen durchtränken, die sie töten sollen. Diese «chemische Kriegsführung» tötet nicht nur einzelne Bienen, sondern schwächt auch das Immunsystem ganzer Völker und macht sie anfällig für Parasiten und Klimaschwankungen, die sie sonst möglicherweise überstehen würden.

Eine nationale Verteidigung der Biodiversität mobilisieren

Die Zeit des passiven Beobachtens ist vorbei. Die Schweiz muss nun zu einem entschlossenen Naturschutz übergehen. Die Organisation FreeTheBees treibt eine Bewegung voran, die wild lebende Honigbienen als offiziellen Bestandteil der nationalen Biodiversität anerkennen lassen will. Sie fordert eine systematische Überwachung, die ebenso intensiv ist wie die Erfassung landwirtschaftlicher Aktivitäten. Was wir nicht messen, können wir nicht schützen. Die Aktualisierung der Roten Liste des Bundesamts für Umwelt (BAFU) von 2024 ist eine letzte Warnung: 112 Arten gelten als «verletzlich» und 84 als «stark gefährdet». Das Zeitfenster zum Handeln schliesst sich. Naturschützerinnen und Naturschützer fordern ein landesweites Netz geschützter «Bienenkorridore» sowie den obligatorischen Erhalt alter Bäume in jedem Kanton. Es geht um mehr als nur Honig, nämlich um die grundlegende Stabilität des Schweizer Ökosystems. Wenn es uns nicht gelingt, den Schutz wild lebender Bienen jetzt in die nationale Umweltpolitik aufzunehmen, verlieren wir nicht einfach ein Insekt, sondern den wichtigsten Motor unserer natürlichen Welt. Die Zukunft der Schweizer Biodiversität hängt davon ab, ob wir wild lebende Honigbienen als Relikt der Vergangenheit oder als Grundpfeiler unserer Zukunft betrachten.