Migration
Schweiz nimmt diesen Monat Überstellungen von Asylsuchenden nach Italien wieder auf
Nach einer fast vierjährigen Unterbrechung nimmt die Schweiz Ende August die Überstellungen von Asylsuchenden nach Italien wieder auf. Dieser Schritt folgt auf eine Vereinbarung, das Verfahren im Rahmen der Dublin-Verordnung schrittweise wieder aufzunehmen, und markiert einen bedeutenden Wandel im Umgang mit den Migrationsbewegungen an der Südgrenze.

Eine fast vierjährige diplomatische Blockade geht zu Ende: Die Schweiz bereitet sich darauf vor, bis Ende dieses Monats die ersten Rückführungsflüge nach Italien durchzuführen. Dabei handelt es sich nicht um eine blosse administrative Aktualisierung, sondern um einen grundlegenden Wandel in der Schweizer Migrationspolitik. Nachdem die Schweiz jahrelang gezwungen war, Asylsuchende unterzubringen, die nach internationalem Recht in Italien hätten behandelt werden müssen, nimmt Bern nun endlich seine Rechte gemäss der Dublin-Verordnung wieder wahr. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat bestätigt, dass die «ersten Flüge gebucht sind». Damit wird das Ende des bisherigen Zustands eingeläutet. Dieser Schritt führt die Realität eines Migrationssystems vor Augen, das an seine Belastungsgrenze gestossen ist. Die Schweizer Behörden handeln nun mit beispielloser Geschwindigkeit, um den Rückstand bei den Fällen abzubauen, der sich seit der faktischen Schliessung der Südgrenze im Jahr 2022 angesammelt hat.
Der Stopp unter Meloni: Ende einer zweijährigen diplomatischen Pattsituation
Italiens einseitiger Entscheid, die Rückübernahmen im Dezember 2022 auszusetzen, löste im Schengen-Raum Schockwellen aus und brachte die Schweiz in eine prekäre Lage. Über 600 Tage lang verletzte Rom die Dublin-Verordnung und verwies auf das «überlastete» Aufnahmesystem unter der neu gebildeten Regierung von Giorgia Meloni. Diese Blockade zwang die Schweiz, Tausende Asylgesuche zu bearbeiten, für die eigentlich Italien zuständig war. Doch das Blatt hat sich gewendet. Die Beharrlichkeit der Schweizer Regierung auf diplomatischem Weg hat nun endlich einen Durchbruch gebracht. Die Unterbrechung dauerte über verschiedene Ebenen der Zusammenarbeit insgesamt fast vier Jahre. Der jüngste vollständige Stopp durch Rom stellte jedoch die grösste Herausforderung für das Schweizer Migrationsmanagement seit einem Jahrzehnt dar. Die Schweiz wechselt nun von einer defensiven zu einer aktiven Haltung und stellt sicher, dass internationale Vereinbarungen nicht nur unterzeichnet, sondern auch umgesetzt werden.
Der Europäische Pakt: Finanzielle Hebel verändern die Lage an der Südgrenze
Geld und Verpflichtungen sind die Hauptgründe für Italiens plötzlichen Sinneswandel. Der neue Europäische Pakt zu Migration und Asyl, der am 12. Juni in Kraft trat, bildet den Grundstein für die Wiederaufnahme. Dieser Pakt verändert die Ausgangslage grundlegend: Er bietet Italien erhebliche finanzielle Unterstützung und logistische Entlastung, ist jedoch an eine nicht verhandelbare Bedingung geknüpft: Rom muss seinen Verpflichtungen zur Rückübernahme nachkommen. Die Schweiz ist zwar kein EU-Mitglied, aber eine wichtige Partnerin in diesem Rahmen. Das SEM nutzt diese neue kontinentale Vereinbarung, um sicherzustellen, dass das Dublin-System langfristig wirksam funktioniert. Damit soll verhindert werden, dass das Schweizer Asylsystem «überlastet» wird, wie es SEM-Sprecherin Magdalena Baker häufig formuliert. Indem sich die Schweiz am Stichtag des 12. Juni der EU orientiert, stimmt sie ihre Abläufe mit dem übrigen Europa ab, damit kein einzelnes Land überproportional belastet wird.
Schrittweise Umsetzung: Erprobung einer fragilen Vereinbarung
Die Wiederaufnahme wird nicht über Nacht zu einer Flut von Überstellungen führen, sondern schrittweise und sorgfältig erfolgen, um die Belastbarkeit der neuen Vereinbarung zu prüfen. Die Schweiz beginnt mit «Einzelfällen», vor allem mit Personen, die nach Inkrafttreten des Pakts am 12. Juni eingereist sind. Bern hält jedoch an einer klaren Linie fest: Es gibt keine formelle Vereinbarung, die Personen ausschliesst, die vor diesem Datum eingereist sind. Daraus ergibt sich eine strategische Spannung. Das SEM prüft derzeit die Abläufe, um sicherzustellen, dass sie «für beide Seiten nachhaltig» sind. Hält das System stand, dürfte die Zahl der Überstellungen stark steigen, sobald das Verfahren standardisiert ist. Für die Schweizer Bevölkerung bedeutet dies eine Rückkehr zu einer Ordnung, die auf Regeln beruht. Der Erfolg dieser ersten Flüge wird zeigen, ob die Schweiz den Migrationsengpass, der ihre Politik gegenüber dem Süden seit Jahren prägt, endlich beheben kann. Die Botschaft aus Bern ist klar: Die Ära einseitiger Aussetzungen ist vorbei, die Ära der Durchsetzung hat begonnen.