Umwelt
In Schweizer Seen liegen 8’000 Tonnen Munition, nun gibt es Bergungspläne
Ein öffentlicher Aufruf bringt 100 Vorschläge für die sichere Bergung versenkter Munition aus Schweizer Seen hervor. Expertinnen und Experten sollen die Lösungen bis Mai beurteilen.

Die Schweiz mobilisiert sich endlich, um sich ihrer versenkten Militärgeschichte zu stellen. Als Reaktion auf einen eindringlichen Aufruf des Bundes sind beim Bundesamt für Rüstung armasuisse erstaunliche 100 Vorschläge eingegangen. Sie bieten mögliche Durchbrüche bei der Bergung von Munition aus den tiefen Seen des Landes. Dabei handelt es sich nicht einfach um eine Ausschreibung des Bundes, sondern um einen gemeinschaftlichen Versuch, ein hundertjähriges Umwelträtsel zu lösen.
Viel steht auf dem Spiel, und der Zeitplan ist eng. Eine Expertengruppe soll die Eingaben bis Mai beurteilen und die drei vielversprechendsten Konzepte auswählen. Diese Gewinner werden nicht nur die Zukunft der ökologischen Sanierung der Schweiz mitgestalten, sondern sich auch ein Preisgeld von 50’000 CHF teilen. Das Preisgeld ist bescheiden, die Bedeutung jedoch enorm: Die ausgewählten Projekte könnten als grundlegende Blaupause für eine der komplexesten Bergungsaktionen der europäischen Geschichte dienen. Die Zeit drängt, und der Druck wächst, aus den theoretischen Eingaben umsetzbare technische Meisterleistungen zu machen.
Der 8’000-Tonnen-Gigant unter der Oberfläche
Unter den friedlichen, postkartentauglichen Oberflächen der Seen Thun, Brienz und Luzern liegt ein schlafender Industriegigant: mehr als 8’000 Tonnen Militärmunition. Zwischen 1918 und 1964 systematisch versenkt, reicht das Arsenal von winzigen 4-mm-Patronen bis zu gewaltigen 50-kg-Fliegerbomben. Jahrzehntelang nutzte das Militär diese unberührten Gewässer als praktische Entsorgungsorte. Zurück blieb eine gewaltige Menge Sprengstoff, die auf dem Seegrund vor sich hin rostet.
Das Ausmass dieses Unterwasser-Friedhofs ist schwer zu begreifen. Tausende Tonnen Eisen, Kupfer, Messing und Aluminium liegen still in der kalten Dunkelheit. Zwar hielt ein Überwachungsbericht des Eidgenössischen Departements für Verteidigung von 2019 fest, dass diese Ablagerungen die Wasserqualität derzeit nicht gefährden. Die gewaltige Menge an Munition wirft jedoch eine drängende ökologische Frage auf. Statt passiver Überwachung steht nun die aktive Besorgnis im Vordergrund, denn die Realität von 8’000 Tonnen verrottendem Sprengstoff lässt sich nicht länger ignorieren.
Im Abgrund: Technische Herausforderungen
Jeder Bergungseinsatz steht vor logistischen Hürden, die beinahe unüberwindbar sind. Die Munition liegt nicht ordentlich aufgereiht, sondern ist in erdrückenden Tiefen von 150 bis 220 Metern verstreut. Dort ist die Sicht nahezu null, und der Wasserdruck enorm. Erschwerend kommt hinzu, dass die Munition von bis zu zwei Meter dicken Feinsedimentschichten bedeckt ist. Jeder Versuch, diesen Schlamm aufzuwirbeln, könnte das Wasser sofort in eine undurchdringliche trübe Brühe verwandeln und Bergungsteams sowie ferngesteuerte Fahrzeuge gleichermassen die Sicht nehmen.
Die unterschiedliche Beschaffenheit der Fundstücke bringt eine zusätzliche Gefahr mit sich. Die meisten Bestandteile bestehen zwar aus magnetischem Eisen, doch wichtige Zünder sind oft aus nicht magnetischem Kupfer oder Aluminium gefertigt. Damit sind herkömmliche magnetische Bergungsgeräte nutzlos. Die Gefahr einer versehentlichen Explosion bleibt eine zentrale Bedrohung. Die Bergungsteams müssen sich mit unberechenbaren Strömungen, unterschiedlich grossen Objekten von 4-mm-Geschossen bis zu 20-cm-Granaten und der Unberechenbarkeit von Sprengstoff auseinandersetzen, der bis zu einem Jahrhundert unter Wasser lag. Diese technische Herausforderung erfordert Präzision, Innovation und Nerven aus Stahl.
Eine finanzielle und reputationsbezogene Zeitbombe
Die Kosten für die Behebung dieses historischen Fehlers dürften auf Hunderte Millionen Franken steigen. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) nahm kein Blatt vor den Mund: Im Juni 2022 kam sie zum Schluss, die Situation stelle für den Bund ein schwerwiegendes «finanzielles wie auch reputationsbezogenes Risiko» dar. Die Zeit des Wegschauens ist vorbei. Der drohende Reputationsschaden durch Untätigkeit wird nun gegen die enormen Kosten der Sanierung abgewogen.
Das Bundesamt für Umwelt hat als Ziel für die Bereinigung das Jahr 2040 festgelegt, doch die Zeit läuft bereits. Es geht nicht mehr nur um die Sicherheit der Umwelt, sondern auch um Rechenschaft. Der Bund steht vor einer entscheidenden Prüfung: Kann er die nötigen Mittel und Technologien mobilisieren, um die vor mehr als einem halben Jahrhundert verursachte Verschmutzung zu beseitigen? Während die Entscheidung im Mai näher rückt, steht die Schweiz an einem Scheideweg. Sie muss entscheiden, ob sie den Preis für die Wiederherstellung ihrer Seen zahlen oder das Problem und das damit verbundene Risiko weiter schwelen lassen will.