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Swiss Observer

Nestlé droht nach Petition an Putin die Kontrolle über Russlandgeschäft zu verlieren

Dem Schweizer Lebensmittelkonzern droht die staatliche Übernahme von fünf russischen Tochtergesellschaften, nachdem ein lokales Logistikunternehmen Präsident Wladimir Putin eine entsprechende Petition eingereicht hat. Der Schritt, dem ein Eigentümerwechsel folgen könnte, verdeutlicht die zunehmenden Risiken für Schweizer Unternehmen, die weiterhin in Russland tätig sind.

Nestlé droht nach Petition an Putin die Kontrolle über Russlandgeschäft zu verlieren
AISWI swissinfo.ch

Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé sieht sich derzeit einer existenziellen Bedrohung seiner Geschäftstätigkeit in Russland gegenüber. Das lokale Logistikunternehmen KS Logistika hat die üblichen Rechtswege umgangen und sich mit einer Petition direkt an Präsident Wladimir Putin gewandt. Es fordert, fünf Nestlé-Tochtergesellschaften unter vorübergehende staatliche Verwaltung zu stellen. Dieses aggressive Vorgehen ist nicht bloss eine regulatorische Hürde, sondern ein gezielter Schlag, der dem multinationalen Konzern mit Sitz in Vevey seine Vermögenswerte entziehen könnte. Das russische Unternehmen begründet seine Forderung damit, Nestlé habe die Produktionskapazitäten nicht ausgebaut und den Export lokal hergestellter Waren eingestellt. Nestlé betont zwar, dass seine Fabriken und Büros weiterhin normal betrieben würden, doch der Schatten des Kremls liegt schwerer denn je über den sechs Produktionsstandorten des Unternehmens. Diese Entwicklung markiert eine dramatische Verschärfung der Risiken für westliche Unternehmen, die sich nach dem Einmarsch in die Ukraine 2022 entschieden hatten, in Russland zu bleiben.

Markterschütterung: Aktienkurs stürzt ab, geopolitisches Risiko erreicht Höchststand

Die Anleger reagierten umgehend alarmiert und liessen die Nestlé-Aktien am Montag um 1,6 Prozent auf 79.70 Franken (98.30 Dollar) fallen. Damit war Nestlé der schwächste Wert unter den Blue Chips im Swiss Market Index (SMI). Auf dem Spiel steht viel: Auf Russland entfallen beachtliche 2 Prozent des gesamten Konzernumsatzes von Nestlé. Analysten von JPMorgan haben bereits Alarm geschlagen und erklärt, ein erzwungener Kontrollverlust sei inzwischen eine konkrete Möglichkeit. Sollte der Schweizer Konzern zu einem Notverkauf gezwungen werden oder seine Vermögenswerte ganz verlieren, wären die Folgen für das Ergebnis gravierend. Der Gewinn je Aktie könnte um bis zu 4 Prozent sinken. Die Volatilität am Markt unterstreicht eine bittere Realität für die Schweizer Industrie: In einer polarisierten Weltwirtschaft wird geschäftliche Neutralität zunehmend zu einem unmöglichen Luxus.

Der Präzedenzfall Danone: Eine Warnung in Milliardenhöhe

Nestlé ist nicht der erste westliche Grosskonzern, der in die russische Mühle gerät. Der Fall Danone wirft einen langen Schatten auf die jüngsten Entwicklungen. 2023 wurde das Russlandgeschäft des französischen Lebensmittelkonzerns von den Behörden beschlagnahmt und unter staatliche Verwaltung gestellt. Der spätere Rückzug endete katastrophal: Ein einst Milliarden wertvolles Unternehmen wurde für gerade einmal 180 Millionen Euro verkauft, was zu einem Gesamtverlust von 1,2 Milliarden Euro führte. Auch Carlsberg und Heineken mussten bei ihren Russlandinvestitionen beinahe vollständige Abschreibungen hinnehmen. Heineken stieg bekanntlich für den symbolischen Betrag von einem Euro aus. Diese Fälle zeigen, dass der Weg zu einem Ausstieg zu einem fairen Marktpreis praktisch versperrt ist, sobald der russische Staat eingreift. Nestlé steht nun vor demselben Drehbuch, in dem «vorübergehende Verwaltung» oft als Euphemismus für dauerhafte Enteignung dient.

Das Dilemma von Vevey: Lebensnotwendige Güter oder ethisch vertretbarer Rückzug

Seit Jahren verteidigt Nestlé seine Präsenz in Russland mit dem Hinweis auf seine Verantwortung, die Zivilbevölkerung mit «lebensnotwendigen» Gütern wie Babymilch und Kaffee zu versorgen. Diese humanitäre Begründung gerät jedoch unter Beschuss, nachdem Berichte aufgetaucht sind, wonach die Supermarktregale in Moskau mit dem gesamten Nescafé-Sortiment gefüllt sind. Der Druck auf den Schweizer Hauptsitz, einen vollständigen Rückzug einzuleiten, steigt auf einen Höhepunkt. Das Unternehmen beteuert zwar, «ein Rückzug stehe nicht zur Debatte», doch der Plan der russischen Regierung, bis Ende Jahr über das Gesuch zur Beschlagnahmung zu entscheiden, könnte Nestlé diese Entscheidung aus der Hand nehmen. Während die Schweizer Pharmaexporte nach Russland stabil bleiben, verdeutlicht Nestlés schwierige Lage die zunehmend prekäre Position der Schweizer Wirtschaftsgiganten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Nestlé dieses geopolitische Minenfeld meistern kann oder zum jüngsten Opfer einer staatlich unterstützten Aneignung von Vermögenswerten wird.