Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Nestlés Russlandgeschäft in Gefahr, während Moskau staatliche Kontrolle erwägt

Der Schweizer Nahrungsmittelriese Nestlé droht die Kontrolle über fünf russische Tochtergesellschaften zu verlieren, nachdem ein lokales Logistikunternehmen Präsident Putin ersucht hat, sie «vorübergehend unter staatliche Verwaltung» zu stellen. Der Schritt, begründet mit der mangelnden Expansion Nestlés, hat auf dem Schweizer Markt für Unruhe gesorgt und die zunehmenden Risiken für ausländische Unternehmen in Russland verdeutlicht.

Nestlés Russlandgeschäft in Gefahr, während Moskau staatliche Kontrolle erwägt
AISWI swissinfo.ch

Russland zieht die Schlinge um westliche Unternehmen enger, und Nestlé ist der jüngste Grosskonzern im Visier. Das lokale Logistikunternehmen KS Logistika hat die üblichen behördlichen Kanäle umgangen und sich direkt an Präsident Wladimir Putin gewandt, mit dem Antrag, fünf russische Tochtergesellschaften von Nestlé «vorübergehend unter staatliche Verwaltung» zu stellen. Dieses aggressive Vorgehen, über das die russische Zeitung Kommersant berichtete, markiert eine erhebliche Eskalation der Strategie des Kremls, die Kontrolle über ausländische Vermögenswerte zu übernehmen. Die Begründung ist ebenso unverblümt wie alarmierend: Nestlé wird vorgeworfen, die Produktionskapazitäten nicht ausgebaut und den Export in Russland hergestellter Waren eingestellt zu haben. Nestlé betont zwar, dass seine sechs Produktionsstätten, in denen alles von Nescafé bis Tiernahrung hergestellt wird, normal in Betrieb seien. Die Gefahr eines erzwungenen Eigentümerwechsels ist jedoch keine theoretische Möglichkeit mehr, sondern steht unmittelbar bevor. Berichten zufolge will die russische Regierung die Prüfung des Antrags auf Beschlagnahmung bis Ende Jahr abschliessen. Damit befindet sich der in Vevey ansässige Konzern in einem Wettlauf gegen die Zeit, bei dem viel auf dem Spiel steht.

Märkte erschüttert, Aktienkurs stürzt ab

Die Anleger reagierten sofort besorgt und schickten die Nestlé-Aktie auf Talfahrt. Am Montag fiel der Kurs um 1,6 Prozent auf CHF 79.70 (98.30 US-Dollar). Damit war der Nahrungsmittelriese der schwächste Wert im Swiss Market Index (SMI). Das ist keine geringfügige Schwankung, sondern ein deutliches Signal für die Nervosität am Markt angesichts der Tatsache, dass Nestlé 2 Prozent seines Konzernumsatzes in Russland erzielt. 2 Prozent mögen wenig erscheinen, doch die Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis könnten erheblich sein. Analysten von JPMorgan warnten eindringlich: Ein erzwungener Rückzug mit minimalen Erlösen könnte den Gewinn je Aktie um beachtliche 3 bis 4 Prozent schmälern. Die Finanzwelt muss sich nun mit der Realität auseinandersetzen, dass Nestlés Strategie mit «lebensnotwendigen Gütern», die das Unternehmen vor den schlimmsten geopolitischen Folgen schützen sollte, es stattdessen zu einem vorrangigen Ziel staatlich veranlasster Enteignungen gemacht haben könnte. Der Schweizer Leitindex bekommt die Auswirkungen dieser Unsicherheit zu spüren, während einer seiner stabilsten Blue Chips einer beispiellosen Bedrohung seines internationalen Portfolios gegenübersteht.

Der Schatten von Danone reicht bis nach Vevey

Nestlés derzeitige Lage ist ein düsteres Echo der Unternehmensverluste, die 2023 zu beobachten waren. Das Beispiel des französischen Molkereikonzerns Danone zeigt auf beunruhigende Weise, was als Nächstes geschehen könnte. Danone verlor die vollständige Kontrolle über sein Russlandgeschäft, nachdem der Kreml dieses unter staatliche Verwaltung gestellt hatte. 2024 wurde das Geschäft schliesslich für gerade einmal 180 Millionen Euro verkauft, ein Bruchteil des Verlusts von 1,2 Milliarden Euro, den das Unternehmen verbuchen musste. Auch dem dänischen Brauereikonzern Carlsberg wurden Vermögenswerte beschlagnahmt, bevor ihm ein verzweifelter Management-Buy-out zu einem Bruchteil ihres Werts gelang. Selbst Heineken musste seine gesamte russische Tochtergesellschaft für den symbolischen Preis von nur 1 Euro verkaufen. Das sind keine gewöhnlichen Geschäftstransaktionen, sondern warnende Beispiele für den vollständigen Verlust von Vermögenswerten. Während Moskau den Antrag von KS Logistika prüft, droht Nestlé ganz konkret, sich in diese Liste westlicher Unternehmen einzureihen, die Verluste erlitten haben. Das zeigt, dass im heutigen Russland selbst der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern nicht «zu gross zum Scheitern» ist.

Der geopolitische Balanceakt gerät ins Wanken

Die Zeit des «business as usual» für Schweizer Unternehmen in Russland ist offiziell vorbei. Mehr als zwei Jahre lang bewegte sich Nestlé auf einem schmalen Grat und rechtfertigte seine fortgesetzte Präsenz mit der humanitären Notwendigkeit, die russische Bevölkerung mit «lebensnotwendigen» Produkten wie Babynahrung und Kaffee zu versorgen. Moskaus jüngster Schritt zeigt jedoch, wie brüchig diese Neutralität ist. Während andere Schweizer Grossunternehmen, etwa in der Pharmabranche, weiterhin nach Russland exportieren, gerät die Industrieproduktion zunehmend unter Druck. Der Druck auf Nestlé, sich vollständig zurückzuziehen, erreicht einen Siedepunkt. Doch die Kosten eines Rückzugs könnten nun ebenso hoch sein wie die Kosten eines Verbleibs. Diese Krise geht über die Bilanz hinaus: Sie stellt das Konzept der Schweizer Unternehmensneutralität in einer polarisierten Welt grundsätzlich infrage. Während die Frist bis Ende Jahr für den Entscheid des Kremls näher rückt, blickt die globale Geschäftswelt auf Vevey. Der Ausgang wird die Zukunft ausländischer Investitionen in feindseligen Gebieten prägen und zeigen, ob Schweizer Grosskonzerne sich jemals wirklich von den Kriegswirren fernhalten können.