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Swiss Observer

Wisentvorfall verdeutlicht die Risiken von Wiederansiedlungsprojekten in der Schweiz

Ein Wisent verletzte in einem Gehege im Kanton Solothurn einen Wildhüter, nachdem man sich dem Tier zu stark genähert hatte und es in die Enge getrieben worden war.

Wisentvorfall verdeutlicht die Risiken von Wiederansiedlungsprojekten in der Schweiz
AISWI swissinfo.ch

Ein Wisentbulle verletzte am Montagnachmittag in Welschenrohr einen Wildhüter, wodurch die praktischen Gefahren der Schweizer Debatte über die Wiederansiedlung wilder Tierarten deutlich zutage traten. Der Mann näherte sich dem Tier im Testgehege und versuchte, es zu vertreiben. Die Rega flog ihn anschliessend ins Spital.

Laut dem Verein Wisent im Thal kam der Wildhüter bis auf ein oder zwei Meter an den Bullen heran. Damit unterschritt er den im Verhaltenskodex des Projekts festgelegten Mindestabstand. Das Tier wich nicht zurück. Es fühlte sich in die Enge getrieben und stiess den Wildhüter um, als es sich zu befreien versuchte.

Der Vorfall ereignete sich in Sollmatt, einem eingezäunten Gelände von rund 100 Hektaren im Kanton Solothurn. Das Gehege ist Teil eines laufenden Artenschutzversuchs und kein gewöhnlicher Zoo. Menschen können das Gebiet weiterhin uneingeschränkt betreten, und die Land- und Forstwirtschaft wird dort fortgeführt.

Diese Regelung bringt das Verhalten von Wildtieren mit alltäglichen Aktivitäten im ländlichen Raum zusammen. Die Verletzung hat deshalb eine praktische Frage für das Projekt aufgeworfen: Können Sicherheitsregeln Menschen schützen, wenn ein kräftiger, frei beweglicher Pflanzenfresser eine Landschaft mit Wildhütern, Landwirten, Forstleuten und Spaziergängern teilt?

Abstandsregeln treffen auf den Instinkt des Tiers

Das Sicherheitsprotokoll des Projekts legt einen Mindestabstand zwischen Menschen und Wisenten fest, und der Wildhüter verstiess gegen diese Regel. Der Verein erklärte, der erfahrene Wildhüter habe den Bullen vertreiben wollen. Damit begab er sich in die unmittelbare Nähe des Tiers.

Der Ablauf ist entscheidend. Der Bulle stürmte nicht aus der Distanz zu einem unerklärlichen Angriff heran. Als man sich ihm näherte, blieb er stehen, fühlte sich in die Enge getrieben und stiess zu, als er zu entkommen versuchte. Der Verein bezeichnete die Reaktion als Abwehr und sagte, Wisente verhielten sich Menschen gegenüber normalerweise nicht aggressiv.

Diese Erklärung ändert nichts an der Schwere der Verletzung. Sie zeigt, weshalb Abstandsregeln auch dann das Handeln bestimmen müssen, wenn Mitarbeitende die Tiere gut kennen. Ein Wisent kann mehrere Hundert Kilogramm wiegen und sich auf kurze Distanz schnell bewegen. Wer versucht, seine Bewegung zu kontrollieren, hat kaum Spielraum für Fehler, sobald das Tier keinen Fluchtweg mehr hat.

Der Vorfall stellt auch auf die Probe, wie der Verhaltenskodex im Gelände funktioniert. Regeln müssen klar genug sein, um sie auch unter Druck einzuhalten. Alle Personen, die im Gehege arbeiten, müssen wissen, wer befugt ist, Tiere zu bewegen, wann der Zugang gesperrt werden soll und wie Menschen das Gebiet verlassen können, ohne einen Wisent in die Enge zu treiben. Im Ausgangsbericht steht nicht, ob das Projekt nach dem Vorfall seine Abläufe ändern wird.

Der Jura wird zum Prüfstein

Die Schweiz verlor den Wisent im Mittelalter, und die Herde in Welschenrohr soll zeigen, ob die Art als wild lebendes Tier in den Jura zurückkehren kann. Der Verein Wisent im Thal begann 2022 mit Abklärungen zu dieser Möglichkeit und plant, den Versuch bis 2027 fortzuführen.

Im Gehege können Forschende und Projektverantwortliche beobachten, wie die Wisente die Landschaft nutzen und wie sich ihre Anwesenheit mit den bestehenden menschlichen Aktivitäten vereinbaren lässt. Mit einer Fläche von rund 100 Hektaren bietet es den Tieren Bewegungsraum und hält die Herde zugleich in einem bewirtschafteten Gebiet. Laut Bericht gehört das Gelände der Gemeinde Solothurn und dem Wildhüter, der in den Unfall verwickelt war.

Für den Artenschutz spricht, einen einheimischen grossen Pflanzenfresser wieder anzusiedeln und seine Rolle in Wald- und Wiesenökosystemen zu verstehen. Das Ausgangsmaterial enthält keine abschliessende Beurteilung der ökologischen Auswirkungen, keine Bestandsziele und keinen Zeitplan für eine Freisetzung in ein nicht eingezäuntes Gebiet. Diese Fragen sind weiterhin Teil der Untersuchung.

Die Verletzung bringt eine menschliche Dimension in diese Arbeit ein. Bei einer künftigen Rückkehr müsste mehr berücksichtigt werden als der Lebensraum und die Gesundheit der Tiere. Es bräuchte auch verlässliche Regelungen für Begegnungen mit Wandernden, Grundeigentümern, Forstleuten und Rettungsdiensten in einem dicht besiedelten Land.

Eine gemeinsam genutzte Landschaft braucht gemeinsame Regeln

Das Gehege ist weiterhin uneingeschränkt für die Öffentlichkeit zugänglich, obwohl darin auch land- und forstwirtschaftliche Arbeiten stattfinden. Diese Kombination macht den Versuch in Welschenrohr zu einem nützlichen Test dafür, wie die Wiederansiedlung wilder Tierarten in einer besiedelten Landschaft funktionieren kann.

Der öffentliche Zugang ermöglicht es Menschen, die Tiere zu beobachten, erhöht aber auch die Zahl möglicher Begegnungen. Spaziergänger verstehen möglicherweise die Körpersprache der Wisente nicht oder erkennen nicht, wie gefährlich es ist, einem Tier den Fluchtweg zu versperren. Mitarbeitende müssen unter Umständen dringende Arbeiten in Gebieten erledigen, in denen sich die Herde aufhält. Ein für Fachleute bestimmtes Protokoll muss auch für Besuchende verständlich sein, die unerwartet einem Wisent begegnen.

Der Ausgangsbericht erwähnt die Mindestabstandsregel, beschreibt aber weder die vollständigen Hinweise für die Öffentlichkeit noch Warnschilder, Zugangskontrollen oder Notfallabläufe im Detail. Diese Punkte werden wichtig sein, wenn das Projekt beurteilt, ob eine frei lebende Population im Jura möglich wäre.

Der Vorfall verdeutlicht zudem eine bekannte Herausforderung bei der Schweizer Landnutzung. Artenschutzprojekte müssen mit Gemeinden, Privateigentum, Landwirtschaft, Wäldern und Freizeitaktivitäten vereinbar sein. Zäune können Tiere während eines Versuchs in einem Gebiet halten, aber allein kein Risiko ausschliessen. Das Managementsystem muss berücksichtigen, dass Menschen denselben Raum betreten und dass ein Tier sich weigern kann, sich zu bewegen.

Der Versuch muss auch die Sicherheit prüfen

Das Projekt hat nun einen konkreten Vorfall, den es vor dem geplanten Ende im Jahr 2027 untersuchen kann. Der vorliegende Bericht deutet auf eine Kette vermeidbarer Risiken hin: Eine Person näherte sich zu stark, dem Bullen blieb zu wenig Raum zum Zurückweichen und das Tier reagierte, als es zu entkommen versuchte. Gemäss der Erklärung des Vereins lag die Ursache in einer Fehleinschätzung und nicht in gezielter Aggression.

Für die Schweiz ist die Lehre praktischer Art. Die Wiederansiedlung eines grossen Pflanzenfressers erfordert Protokolle, die sowohl bei routinemässigen Unterhaltsarbeiten als auch bei unerwarteten Begegnungen funktionieren. Wildhüter müssen befugt sein, Arbeiten zu unterbrechen oder ein Gebiet zu sperren, wenn Tiere einen Weg blockieren. Für Besuchende braucht es gut sichtbare und einheitliche Hinweise. Die Verantwortlichen müssen die Einhaltung der Regeln überwachen und Beinaheunfälle erfassen, nicht nur Verletzungen.

Der Vorfall entscheidet nicht darüber, ob Wisente in die Schweizer Wälder zurückkehren können. Er zeigt aber, was der Versuch neben der ökologischen Entwicklung messen muss: wie die Tiere auf menschliche Aktivitäten reagieren, wie sich Menschen ihnen gegenüber verhalten und ob die beteiligten Institutionen diese Interaktionen bewältigen können.

Das Experiment in Welschenrohr geht in einer Landschaft weiter, in der sich die Wiederherstellung der Natur und die tägliche Arbeit bereits überschneiden. Die nächste Phase wird zeigen, ob das Sicherheitskonzept mit dem Ziel Schritt halten kann, einer seit Jahrhunderten aus der Schweiz verschwundenen Art wieder Raum zu geben.