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Swiss Observer

Lohnlücke zwischen Frauen und Männern in der Schweiz auf tiefstem Stand

Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern in der Schweiz ist 2024 kleiner geworden. Frauen verdienten im Durchschnitt aber weiterhin deutlich weniger als Männer, und die nicht erklärte Lücke blieb beträchtlich. Die neuesten Zahlen zeigen, welche Fortschritte erzielt wurden und wo die bestehenden Gleichstellungsmassnahmen an ihre Grenzen stossen.

Lohnlücke zwischen Frauen und Männern in der Schweiz auf tiefstem Stand
AILe News

Frauen verdienten 2024 in der Schweiz 15.7% weniger als Männer, wie neue Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. Die Messung stützt sich auf standardisierte Bruttomonatslöhne bei einem Vollzeitpensum und ermöglicht so Vergleiche zwischen unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen. Der Wert ist der tiefste in der verfügbaren Zeitreihe, obwohl der durchschnittliche Unterschied weiterhin beträchtlich ist.

Die gesamtwirtschaftliche Lohnlücke betrug 2018 19.0%, sank 2020 auf 18.0% und erreichte 2022 16.2%. Der jüngste Rückgang bestätigt die seit Langem anhaltende Entwicklung in die richtige Richtung. Er zeigt aber auch das Tempo der Veränderung: In den vergangenen zwei Jahren verringerte sich die Lücke lediglich um 0.5 Prozentpunkte.

Die Zahlen umfassen Beschäftigte im privaten und öffentlichen Sektor in der ganzen Schweiz. Sie zeigen Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern, erklären für sich allein aber nicht, weshalb diese Unterschiede bestehen. Frauen und Männer sind weiterhin unterschiedlich auf Branchen, Berufe und Führungsebenen verteilt. Diese Muster beeinflussen das Gesamtergebnis, insbesondere in einem Arbeitsmarkt, in dem Führungspositionen und Branchen mit hohen Löhnen nach wie vor von Männern dominiert werden.

Die Daten geben Politik, Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden einen klaren Anhaltspunkt für die Fortschritte. Zugleich bleibt eine beträchtliche Lücke, die es mit der Gleichstellungspolitik der Schweiz anzugehen gilt.

Die verbleibende Lücke wirft weiterhin Fragen auf

Der nicht erklärte Teil der Lohnlücke betrug 2024 6.5%, gegenüber 7.0% im Jahr 2022. In Franken ausgedrückt verdienten Frauen im Durchschnitt CHF 640 pro Monat weniger als Männer mit vergleichbaren gemessenen Merkmalen. Zwei Jahre zuvor waren es CHF 657 gewesen.

Das Bundesamt für Statistik berücksichtigt bei der Berechnung unter anderem Ausbildung, Dienstjahre, berufliche Stellung, Beruf und Branche. Diese Faktoren erklären einen grossen Teil des Gesamtunterschieds, weil Frauen und Männer nicht im gleichen Verhältnis dieselben Tätigkeiten ausüben. Der verbleibende Wert wird als nicht erklärte Lohnlücke bezeichnet.

Dieser Rest verdient eine genauere Prüfung, lässt sich aber nicht als direkte Messung von Diskriminierung verstehen. Die verfügbaren Daten erfassen möglicherweise Produktivität, genaue Aufgaben, Verhandlungsverhalten, Sprachkenntnisse, zusätzliche Ausbildungen, Führungserfahrung oder die besonderen Anforderungen einer Stelle nicht vollständig. Auch die statistischen Modellierungsentscheide beeinflussen das Ergebnis.

Der rechtliche Rahmen der Schweiz verbietet, einer Frau allein deshalb weniger zu bezahlen, weil sie Mutter oder eine Frau ist. Ein tieferer Lohn aufgrund kürzerer Berufserfahrung, einer beruflichen Auszeit oder eines Wechsels in eine schlechter bezahlte Stelle ist nicht automatisch rechtswidrig. Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn Arbeitgebende, Aufsichtsbehörden und Forschende die Zahlen interpretieren. Ein kleinerer Rest ist erfreulich, doch auch nach Berücksichtigung wichtiger Faktoren besteht weiterhin ein messbarer Unterschied von 6.5%.

Branche und Hierarchie prägen das Ergebnis

Die Branche beeinflusst die Zahlen entscheidend. Im privaten Sektor sank die Gesamtlohndifferenz von 17.5% im Jahr 2022 auf 17.2% im Jahr 2024. Im Vergleich zum längerfristigen landesweiten Trend ist dies eine bescheidene Verbesserung.

Die Unterschiede zwischen den Branchen sind gross. In der Hotellerie und Gastronomie betrug die Lohnlücke 7.9%, im Detailhandel 16.9% und in der Maschinenindustrie 17.2%. Im Finanz- und Versicherungswesen war der Unterschied mit 30.6% am grössten. Diese Zahlen spiegeln wider, wie Frauen und Männer innerhalb der jeweiligen Branche auf Berufe, Hierarchiestufen und Führungspositionen verteilt sind, ebenso wie Unterschiede bei Arbeitszeitmodellen und beruflicher Entwicklung.

Bei der Gesamtmessung schnitten öffentliche Arbeitgebende besser ab. In Bund, Kantonen und Gemeinden sank die Lohnlücke 2024 auf 12.8%, gegenüber 13.8% im Jahr 2022, 15.1% im Jahr 2020 und 18.1% im Jahr 2018. Der öffentliche Sektor verzeichnete damit langfristig einen stärkeren Rückgang als der private Sektor.

Die Zahlen zeigen nicht, dass es in einer Branche oder bei einem Arbeitgebenden eine einzige Ursache gibt. Sie zeigen aber, wo Lohntransparenz, Beförderungspraktiken und Rekrutierungswege am meisten bewirken könnten. Insbesondere der Schweizer Finanzsektor bleibt ein wichtiger Prüfstein für Bemühungen um mehr Gleichstellung in Berufen mit hohen Löhnen.

Karrierewege vergrössern die Unterschiede

Bei leitenden Führungskräften betrug die nicht erklärte Lohnlücke 2024 12.4%, also fast doppelt so viel wie die 6.1% bei Beschäftigten ohne Führungsverantwortung. Der Wert für das obere Kader stieg zudem gegenüber 10.6% im Jahr 2022. Die Hierarchie gehört damit zu den deutlichsten Problembereichen der Daten.

Die nicht erklärte Lohnlücke unterschied sich je nach Ausbildung. Am tiefsten war sie mit 3.8% bei Personen mit einem Abschluss einer Fachhochschule oder einer pädagogischen Hochschule. Bei Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung betrug sie 6.6%. Diese Unterschiede belegen keine Ursache, verweisen aber auf die Bedeutung der beruflichen Verteilung und des Zugangs zu Beförderungen.

Alter und Zivilstand zeigen ein weiteres Muster. Bei Beschäftigten unter 30 Jahren lag die nicht erklärte Lohnlücke bei 2.2%. Bei über 50-Jährigen stieg sie auf 8.3%. Bei unverheirateten Beschäftigten betrug sie 2.7%, bei verheirateten 8.1%.

Diese Ergebnisse decken sich mit der Möglichkeit, dass Mutterschaft das Erwerbseinkommen im Laufe der Karriere beeinflusst. Auszeiten von der bezahlten Arbeit, Teilzeitarbeit und langsamere Beförderungen können die angesammelte Berufserfahrung und den künftigen Lohn verringern. Eine zitierte Studie stellte eine Mutterschaftslohnlücke von 3.7% fest. Die Belege zeigen nicht, dass jeder Unterschied auf rechtswidrige Diskriminierung zurückgeht. Sie zeigen aber, dass Karrierewege und familiäre Verpflichtungen weiterhin eng mit dem Lebenseinkommen zusammenhängen.

Den neuen Tiefstwert nutzen, um die verbleibende Lücke gezielt anzugehen

Die Schweiz hat ihre Gesamtlohndifferenz verringert, doch die Zahlen für 2024 zeigen, dass die Fortschritte ungleich ausfallen. Der öffentliche Sektor ist weiter vorangekommen als der private, und die nicht erklärte Lücke ist seit 2022 um einen halben Prozentpunkt gesunken. Gleichzeitig verzeichneten leitende Führungskräfte einen grösseren nicht erklärten Unterschied, und im Finanz- und Versicherungswesen lag die Lücke weiterhin deutlich über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt.

Die Statistiken sprechen für gezielte Massnahmen statt für eine einzige landesweite Lösung. Arbeitgebende können Löhne nach Funktion, Hierarchiestufe und Beförderungsverlauf überprüfen, klarere Lohnbandbreiten veröffentlichen und untersuchen, wie sich berufliche Auszeiten auf die Entwicklung auswirken. Grosse Unternehmen verfügen eher über die Mittel für detaillierte Prüfungen. Kleinere Betriebe brauchen praktische Instrumente, die keinen unverhältnismässigen administrativen Aufwand verursachen.

Die Daten machen auch deutlich, was landesweite Vergleiche leisten können und was nicht. Eine Lohnlücke von null wäre kaum zu erwarten, solange Frauen und Männer weiterhin unterschiedliche Entscheidungen zu Branchen, Arbeitszeit, Berufen und Auszeiten vom Arbeitsmarkt treffen. Das macht die Messung nicht bedeutungslos. Wer die Gesamtlohndifferenz, die bereinigte Lücke und die Ergebnisse nach Alter, Branche und Hierarchie verfolgt, kann erkennen, wo Unterschiede fortbestehen.

Für Arbeitnehmende in der Schweiz ist die neueste Zahl sowohl ein Fortschrittsbericht als auch ein Diagnoseinstrument. Das Land verzeichnet die bisher tiefste Gesamtlohndifferenz, dennoch entgehen Frauen im nicht erklärten Teil durchschnittlich CHF 640 pro Monat. Künftige Erhebungen werden zeigen, ob der jüngste Rückgang zu einer anhaltenden Veränderung wird.