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Swiss Observer

Forschende warnen: Das schlimmste Klimaszenario der Schweiz wird wahrscheinlicher

Neue Forschung der ETH Zürich und der Universität Leipzig deutet darauf hin, dass die globale Erwärmung bei der aktuellen Politik bis 2100 rund 3.25°C erreichen könnte. Damit wird das bisherige Worst-Case-Klimaszenario der Schweiz zunehmend wahrscheinlich.

Forschende warnen: Das schlimmste Klimaszenario der Schweiz wird wahrscheinlicher
AISWI swissinfo.ch

Eine Welt mit 3.25°C Erwärmung bis 2100 ist nun die zentrale Warnung aus neuer Forschung. Forschende der ETH Zürich und der Universität Leipzig sagen, dass die aktuelle Politik bis zum Ende des Jahrhunderts zu einer globalen Erwärmung von rund 3.25°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau führen könnte. Damit rückt das schwerste nationale Klimaszenario der Schweiz näher an die wahrscheinliche Zukunft, als die Behörden bisher angenommen hatten.

Der Zeitpunkt ist entscheidend. Die Schweiz hat gerade ihren heissesten und trockensten Sommer seit Messbeginn 1864 erlebt. Lange Perioden extremer Hitze beeinträchtigten Gemeinden, Landwirtschaft und Wasserversorgung, während sich die Dürre über grosse Teile des Landes ausbreitete. Der Bericht Climate CH2025 von MeteoSwiss und der ETH Zürich hatte eine Welt mit 3°C Erwärmung als schwerstes Szenario modelliert, das sich mit nationalen Projektionen zuverlässig beschreiben liess.

Die neue Studie entwirft keine noch heissere Version dieses Szenarios. Sie verändert die Wahrscheinlichkeit, dass es eintritt. «Was in einer Welt mit 3°C Erwärmung geschieht, ändert sich durch unsere Ergebnisse nicht», sagte Gergana Gyuleva, Hauptautorin der Studie. «Unsere Ergebnisse verändern nur, wie bald oder wie wahrscheinlich diese Welt mit 3°C Erwärmung eintritt.» Für die Schweizer Planung hat diese Unterscheidung Auswirkungen auf Entscheidungen zu Hitzeschutz, Wassermanagement, Landwirtschaft, Infrastruktur und öffentlicher Gesundheit.

Auf die 3°C-Realität in der Schweiz vorbereiten

In einer Welt mit global 3°C Erwärmung könnte sich die Schweiz um rund 4.9°C erwärmen. Das Land erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt. Damit sind internationale Temperaturziele für die Bevölkerung der Schweiz besonders folgenreich. Der prognostizierte Anstieg würde Städte, Täler, Landwirtschaftsbetriebe und Bergregionen unterschiedlich treffen und gleichzeitig Ökosysteme, die bereits auf wärmere Bedingungen reagieren, zusätzlich unter Druck setzen.

Der Sommer 2026 zeigte konkret, was diese Veränderungen bedeuten können. Die Schweiz verzeichnete die höchsten nationalen Sommertemperaturen seit Messbeginn und aussergewöhnliche Trockenheit. Die Landwirtschaft war auf Feldern und Weiden stark belastet. Haushalte und Unternehmen waren stärker auf Kühlung angewiesen. Flüsse, Böden und Stauseen gerieten während längerer Hitzeperioden unter Druck.

Climate CH2025 stellte drei Referenzwerte vor: 1.5°C, 2°C und 3°C globale Erwärmung. Das schwerste Szenario sollte der Schweiz dabei helfen, sich auf schwierige Bedingungen vorzubereiten, darunter häufigere extreme Hitze und Veränderungen bei den Niederschlägen. Die jüngste Projektion überschreitet diesen Schwellenwert. Sie gibt den kantonalen Behörden einen stärkeren Grund, zu prüfen, ob die bestehenden Bauvorschriften, Notfallpläne, Anbaustrategien und Systeme zur Wasserverteilung bei wiederholten heissen und trockenen Sommern noch ausreichen.

Die rund um die Erde gespeicherte Wärme erfassen

Die Studie erhöht die Schätzungen zur Erwärmung, indem sie die Klimadaten neu interpretiert. Herkömmliche Projektionen stützen sich auf die Erwärmung der Vergangenheit, um abzuschätzen, wie der Planet auf steigende Kohlendioxidkonzentrationen reagiert. Gyuleva und ihre Kolleginnen und Kollegen argumentieren, dass natürliche Schwankungen die jüngste Erwärmung geringer erscheinen liessen als den zugrunde liegenden Trend.

Die Forschenden untersuchten Schwankungen wie La Niña, das wiederkehrende Abkühlungsmuster im Pazifik. Diese Episoden verringerten die beobachtete Erwärmung während eines Teils des Zeitraums, der zur Kalibrierung von Prognosen herangezogen wurde. «Statistisch gesehen hatten wir tatsächlich Pech, weil wir einen Zeitraum erwischt haben, in dem die Schwankungen in der realen Welt zu weniger Erwärmung geführt haben», sagte Gyuleva.

Das Team nutzte auch Satellitenbeobachtungen der Energiebilanz der Erde. Seit 2000 hat sich die Differenz zwischen dem vom Planeten absorbierten einfallenden Sonnenlicht und der zurück ins Weltall abgegebenen Wärme mehr als verdoppelt. Diese wachsende Lücke zeigt, dass das Klimasystem Wärme schneller speichert, als einige frühere Einschätzungen nahelegten.

Das Ergebnis hebt die untere Grenze der prognostizierten Erwärmung an. Szenarien mit relativ geringer Erwärmung scheinen weniger mit den Satellitendaten vereinbar zu sein. Die Forschenden überprüften das Ergebnis ausschliesslich anhand von Daten zur abgegebenen Wärme, die Klimamodelle zuverlässiger simulieren als das von Wolken und Eis beeinflusste einfallende Sonnenlicht. Sie kamen zum selben Ergebnis, weisen jedoch darauf hin, dass die Satellitenaufzeichnungen nur 25 Jahre umfassen und die Sicherheit längerfristiger Trends dadurch begrenzt ist.

Risiken neu berechnen, bevor die Planung versagt

42 Prozent der befragten IPCC-Autorinnen und -Autoren rechneten bis 2100 mit einer Erwärmung von mindestens 3°C. Diese Zahl stammt aus einer Umfrage von 2024 unter 211 IPCC-Autorinnen und -Autoren und zeigt, dass eine Zukunft mit 3°C Erwärmung für viele Fachleute zu den gängigen wissenschaftlichen Erwartungen gehört.

Die Studie der ETH Zürich und der Universität Leipzig gelangt mit einer anderen Methode zu ihrer Projektion. Sie kombiniert Klimamodellierung mit Beobachtungen der Energiebilanz des Planeten und berücksichtigt anschliessend natürliche Schwankungen, die die gemessene Erwärmung vorübergehend verlangsamen oder beschleunigen können. Die Autorinnen und Autoren sagen, dass ihre Ergebnisse für Emissionspfade ohne sofortige und drastische Senkungen gelten.

Gyuleva schätzt, dass die Erwärmung auf diesen Pfaden 25% höher ausfallen könnte, als herkömmliche Schätzungen nahelegen. Den Satellitendaten schreibt sie zudem die grösste Schwäche der Forschung zu. Die Beobachtungsreihe ist kurz, und Modelle sind weniger verlässlich, wenn sie das von Wolken und Eis absorbierte Sonnenlicht schätzen. Eine erneute Analyse der Studie, die nur die abgegebene Wärme berücksichtigte, kam zum selben Ergebnis. Das stützt die Befunde, lässt aber weiterhin Unsicherheiten bestehen.

Diese Unsicherheit macht das Signal für die Planung nicht hinfällig. Die Schweizer Klimapolitik, Infrastrukturstandards und Anpassungsmassnahmen müssen über Jahrzehnte hinweg funktionieren. Bei Entscheidungen zu Eisenbahnen, Wasserkraft, Landwirtschaft, Wohnraum und Gesundheitsversorgung darf man sich nicht nur auf das angenehmste Ende der Prognosespanne verlassen.

Das Extremszenario in die Praxis umsetzen

Schweizer Behörden sollen sich auf Bedingungen vorbereiten, die einst als extrem galten. Ein Pfad mit global 3°C Erwärmung würde alle Ebenen öffentlicher Entscheidungsfindung beeinflussen, von der Klimapolitik des Bundes über kantonale Hitzepläne bis hin zu kommunalen Baubewilligungen. Die praktischen Fragen sind unmittelbar: Wie schützen Städte ältere Menschen während Hitzewellen? Wie sichern Landwirtschaftsbetriebe ihre Wasserversorgung? Wie halten Bahnstrecken der Hitze stand? Und wie reagieren Stromsysteme auf veränderte Nachfrage?

Anpassung kann Emissionssenkungen nicht ersetzen. Die Projektion der Studie bezieht sich auf die aktuelle Politik, und Gyuleva bringt die höhere Schätzung der Erwärmung mit Pfaden ohne rasche Senkungen in Verbindung. Die Ergebnisse unterstreichen deshalb den Nutzen von Emissionsreduktionen und von zusätzlichen Massnahmen, die Menschen vor unvermeidbaren Folgen schützen.

Die Bevölkerung der Schweiz hat bereits Anzeichen dieser Belastung erlebt. Der heisseste und trockenste Sommer seit Messbeginn legte Schwachstellen in Landwirtschaft, Wassermanagement und öffentlicher Gesundheit offen. Ein höheres Ausgangsniveau der Temperaturen kann ähnliche Ereignisse häufiger oder intensiver machen und zugleich die Erholungszeit dazwischen verkürzen.

Der nächste Schritt für die Schweiz ist eine evidenzbasierte Vorbereitung. Bundesstellen, Kantone, Städte, Landwirtschaftsbetriebe, Energieversorger und Spitäler müssen ihre Pläne mit dem in Climate CH2025 verwendeten 3°C-Szenario abgleichen. Die jüngste Forschung legt nahe, dieses Szenario als ernst zu nehmende Planungsgrundlage und nicht als fernliegenden Extremfall zu behandeln.