Kultur
Schweizer Museen setzen sich mit dem Erbe menschlicher Überreste aus der Kolonialzeit auseinander
Die Rückgabe der sterblichen Überreste von drei Indigenen Kawésqar nach Chile zwingt Schweizer Museen, sich mit einem Erbe aus der Kolonialzeit auseinanderzusetzen, zu dem mindestens 4'000 menschliche Überreste sowie die Rolle Schweizer Forschender und Sammler in der Rassenforschung gehören.

Drei Vorfahren der Kawésqar verlassen Basel und kehren nach Chile zurück. Damit wird die nationale Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe der Schweiz neu entfacht. Am 10. September 2026 gab der Kanton Basel-Stadt die sterblichen Überreste bei einer Zeremonie im Grossen Rat zurück. Zehn Mitglieder der indigenen Gemeinschaft nahmen daran teil, ebenso Francisco González, Leiter der Pueblo-Kawésqar-Stiftung, und Vertretende des Naturhistorischen Museums Basel.
Basil Thürig, Co-Direktor des Museums, entschuldigte sich bei den Nachkommen. Er sagte, die sterblichen Überreste seien in der Rassenforschung verwendet worden, die Menschen zu Objekten gemacht und rassistische Hierarchien sowie koloniale Gewalt legitimiert habe. Die Entschuldigung galt einer Geschichte, die über eine einzelne Institution hinausgeht. Schweizer Museen bewahren noch immer mindestens 4'000 menschliche Überreste aus der Kolonialzeit auf.
Für die Gemeinschaft der Kawésqar ermöglicht die Rückgabe wieder eine Bestattung und die Verbindung zu den Familien. González beschrieb den Prozess als einen der Würde und Heilung. Er räumte auch ein, dass zwischen den Menschen, die die Taten begangen haben, und jenen, die sich heute damit auseinandersetzen, eine zeitliche Distanz liegt. «Wir sind Erben einer Geschichte, die uns verbindet», sagte er.
Die Zeremonie rückte eine Frage ins öffentliche Bewusstsein, die lange auf Museumsinventare beschränkt war: Wer darf menschliche Überreste aufbewahren, und wie sollen Institutionen reagieren, wenn ihre Sammlungen unter ungleichen Machtverhältnissen entstanden sind?
Die 4'000 sterblichen Überreste in Schweizer Depots
Gemäss den verfügbaren Forschungsergebnissen befinden sich mindestens 4'000 menschliche Überreste in Schweizer Museumssammlungen. Die Zahl umfasst Knochen und weitere sterbliche Überreste, die während der Kolonialzeit zusammengetragen und später in Museen, Universitätssammlungen, Archiven und Privatbesitz gelangten. Ihr Vorhandensein stellt das langjährige Selbstbild der Schweiz als eines Landes infrage, das vom Kolonialismus unberührt blieb, weil es nie ein überseeisches Imperium beherrschte.
Der Kulturanthropologe Konrad Kuhn sagt, diese Sichtweise ignoriere die wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Verbindungen der Schweiz zur kolonialen Expansion. Schweizer Forschende, Händler und Sammler reisten durch koloniale Netzwerke und trugen zum Aufbau von Sammlungen für Städte, Kantone und Kulturgesellschaften bei. Museen konkurrierten um Präparate, während Schenkungen von Personen mit Verbindungen zu Institutionen weiteres Material lieferten.
Kuhn beschreibt einen bürgerlichen Glauben an die Legitimität des Kolonialismus, der durch wissenschaftliche Theorien verstärkt wurde, welche Menschen nach Rasse einordneten. Einige Schweizer Wissenschaftler glaubten, sie hätten im Namen der Forschung das Recht, sich die Körper anderer Menschen anzueignen. Diese Vorstellungen boten institutionelle Rückendeckung für die Entfernung sterblicher Überreste aus Gräbern und Gemeinschaften.
Die Sammlungen sind heute auf Organisationen mit unterschiedlichen Trägerschaften und Rechtsformen verteilt. Diese Aufsplitterung verlangsamt die Rückgabe. Je nach Herkunft und Besitzgeschichte eines Objekts kann die Verantwortung bei einem Kanton, einer Stadt, einer Museumsstiftung oder einer privaten Institution liegen.
Ein Student verfolgt den Weg der Sammlung
Die Forschung eines Studenten brachte die sterblichen Überreste der Kawésqar wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Bei der Untersuchung der Sammlungen des Naturhistorischen Museums Basel stiess der Student auf Unterlagen, die die Vorfahren identifizierten, und informierte die chilenische Stiftung. Diese Entdeckung setzte die Verhandlungen in Gang, die zur Rückgabe im September führten.
Die Herkunftsforschung rekonstruierte daraufhin eine detaillierte Erwerbungsgeschichte. Die Sammlung umfasst den Schädel eines männlichen Individuums, das wahrscheinlich von Feuerland stammte, sowie zwei vollständige Skelette. Das Alter des Mannes zum Zeitpunkt seines Todes wurde auf 35 bis 40 Jahre geschätzt. Die Frau soll etwa 18 Jahre alt gewesen sein. Die Forschenden kamen zum Schluss, dass die Skelette gemeinsam von einer Begräbnisstätte auf der Insel Santa Inés entfernt worden waren.
Die sterblichen Überreste gelangten nach Basel, nachdem sie zwischen 1909 und 1914 in Punta Arenas von Arnold Masarey, einem Basler Arzt und Naturforscher, sowie Ludwig Paravicini, einem Börsenmakler und Sammler, erworben worden waren. Beide Männer standen mit Fritz Sarasin in Verbindung, der die anthropologische Sammlung im damaligen Museum für Völkerkunde in Basel leitete.
Die Unterlagen zeigen, warum eine blosse Katalogisierung nicht ausreicht. Eine Inventarnummer kann den Weg eines Objekts durch eine Institution festhalten und zugleich die Menschen, Familien und Begräbnisstätten dahinter unsichtbar machen. Für eine Rückgabe müssen beide Geschichten rekonstruiert werden.
Museen klären die Zuständigkeiten
Schweizer Museen stehen vor einer rechtlichen und ethischen Aufgabe, die weit über eine erfolgreiche Rückgabe hinausgeht. Die Institutionen müssen die sterblichen Überreste in ihrer Obhut identifizieren, herausfinden, wo und wie sie entwendet wurden, die Gemeinschaften der Nachkommen konsultieren und klären, wer einer Übertragung zustimmen kann. Schweizer Sammlungen unterstehen unterschiedlichen Trägerschaften, darunter Städte, Kantone, Vereine, Stiftungen und private Eigentümer.
Diese Struktur erschwert die nationale Koordination. Ein Museum verfügt möglicherweise über unvollständige Unterlagen. Eine Universität kann Material aufbewahren, das von einer früheren Institution übernommen wurde. Eine private Stiftung kann Objekte kontrollieren, die ein Sammler zusammengetragen hat, dessen Rolle nicht vollständig dokumentiert ist. Jeder Fall erfordert historische Forschung und ein Verfahren, das die indigene Autorität und kulturelle Praxis anerkennt.
Kuhn sagt, die Debatte in der Schweiz habe später begonnen als in einigen anderen europäischen Ländern. Er merkt auch an, dass sie in den vergangenen Jahren an Dynamik gewonnen hat, auch bei lokalen und regionalen Museen. Die Diskussion konzentrierte sich bisher darauf, die Herkunft zurückzuverfolgen und die Verantwortung zu klären, statt auf pauschale Vorwürfe oder automatische rechtliche Schlussfolgerungen zu setzen.
Der Fall Basel zeigt den Wert der Zusammenarbeit. Ein Student identifizierte das Material, Forschende rekonstruierten seine Herkunft, eine Stiftung vertrat die Gemeinschaft der Kawésqar und der Kanton genehmigte die Rückgabe. Diese Schritte bieten ein praktisches Modell, lassen aber Tausende weitere Fälle ungelöst.
Die Schweiz muss auf der Rückgabe in Basel aufbauen
Die Rückgabe in Basel ist für die Schweiz ein konkreter Prüfstein für die nächste Phase ihrer Museumspolitik. Das Land muss nun von einzelnen Entdeckungen zu systematischen Inventaren, transparenter Herkunftsforschung und einem kontinuierlichen Dialog mit Gemeinschaften übergehen, deren Vorfahren in Schweizer Institutionen aufbewahrt werden. Das Ausmass ist klar: Mindestens 4'000 menschliche Überreste müssen überprüft werden.
Diese Arbeit wird Museen im ganzen Land betreffen, nicht nur grosse Institutionen in Basel, Zürich oder Genf. Regionale Sammlungen können sterbliche Überreste enthalten, die über wissenschaftliche Gesellschaften, Missionsnetzwerke, private Schenkungen oder den Handel mit Übersee erworben wurden. Die Unterlagen sind möglicherweise unvollständig, und die historische Sprache in den Katalogen kann die Rassentheorien widerspiegeln, die diese Sammlungen geprägt haben.
Die Rückgabe an die Kawésqar verändert auch die Rolle der Nachkommen im Verfahren. Francisco González und die Pueblo-Kawésqar-Stiftung halfen mitzubestimmen, was die Rückgabe bedeutet und wie sie durchgeführt werden soll. Bei der Zeremonie verband sich eine institutionelle Entschuldigung mit der von der Gemeinschaft geprägten Darstellung von Würde, Erinnerung und Heilung.
Schweizer Museen müssen entscheiden, wie offen sie Sammlungsdaten veröffentlichen, wie sie die Forschung finanzieren und wie sie mit sterblichen Überresten umgehen, deren Bestattung Gemeinschaften verlangen. Die Antworten werden das Vertrauen der Öffentlichkeit in Institutionen beeinflussen, die weiterhin Material aufbewahren, das unter kolonialen Bedingungen zusammengetragen wurde. Basel hat eine Rückgabe abgeschlossen. Das nationale Inventar steht erst am Anfang.