Wildtiere
EU-Jagdpolitik könnte mehr Sikahirsche in den Kanton Zürich treiben
Ein EU-Entscheid, den Japanischen Sikahirsch als invasive Art einzustufen, könnte dazu führen, dass mehr Tiere in den Kanton Zürich einwandern, während Deutschland und Österreich den Jagddruck erhöhen. Schweizer Behörden beobachten mögliche Auswirkungen auf einheimische Hirsche und Wälder.

Mehr Sikahirsche könnten in den Kanton Zürich gelangen, wenn Deutschland den Jagddruck auf seine Bestände erhöht. Auslöser ist ein im Sommer 2025 angekündigter EU-Entscheid, der den Japanischen Sikahirsch als invasive gebietsfremde Art einstuft. Deutschland und Österreich bereiten strengere Massnahmen vor, darunter eine intensive Bejagung wild lebender Bestände. Zürcher Behörden rechnen damit, dass sich diese Massnahmen auf Tiere im grenznahen Baden-Württemberg auswirken.
Nördlich des Rheins, im Rafzerfeld und im benachbarten Kanton Schaffhausen, gibt es bereits einen kleinen Sikahirschbestand. Er umfasst etwas mehr als 40 Tiere und besiedelt eine Fläche von gut 2'300 Hektaren. Die Tiere seien in ihrem angestammten Gebiet geblieben, sagt Reto Muggler, Co-Leiter der Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich.
Muggler sagte, der Kanton werde die Lage beobachten, während der Jagddruck in Süddeutschland zunimmt. «Den zunehmenden Jagddruck in Baden-Württemberg werden wir bemerken», sagte er. Das könnte mehr Hirsche dazu bewegen, sich in Richtung Schweizer Grenze zu bewegen. Die bestehenden Bewirtschaftungsregeln des Kantons Zürich erlauben bereits die Bejagung der Tiere. Damit können die Behörden direkt reagieren, falls ihre Zahl zunimmt.
EU-Politik erhöht den Jagddruck
Die EU-Frist gibt der privaten Haltung von Sikahirschen einen klaren zeitlichen Rahmen. In EU-Mitgliedstaaten wird die private Haltung der Art nur noch bis August 2027 erlaubt sein. Die Behörden planen zudem, wild lebende Bestände intensiv zu bejagen. Sie nennen dafür zwei Gründe: Schäden an einheimischen Wäldern und die Vermischung mit einheimischen Rothirschen.
Die Politik hat in Deutschland und Österreich heftige Reaktionen ausgelöst. Medienberichte dort bezeichneten die Massnahmen als «Ausrottungs- und Abschussplan». Das spiegelt die politische Sensibilität im Umgang mit einer Art wider, die seit Generationen in europäischen Parks und Wäldern vorkommt.
Sikahirsche stammen aus Südostasien und dem Fernen Osten. Sie gelangten 1890 nach Europa, als Tiere dem französischen Staat vom japanischen Kaiser geschenkt wurden. Einige entkamen aus dem Gelände des Schlosses Rambouillet bei Paris. Um 1900 brachten Menschen Sikahirsche im Zuge einer Mode, nicht heimische Arten in die lokale Tierwelt einzuführen, nach Deutschland. Auch dort entkamen später Tiere aus Parks.
In Deutschland gibt es heute fünf Sikahirschbestände. Der mit Zürich verbundene Bestand geht auf Tiere zurück, die 1939 im Schwarzwald angesiedelt wurden. Damit ist der Schweizer Bestand Teil einer viel längeren Geschichte gezielter Ansiedlungen und Ausbrüche.
Zürich setzt auf bestehende Jagdregeln
Der Kanton Zürich bewirtschaftet Sikahirschbestände bereits im Rahmen der regulären Jagd und erlegte im vergangenen Jahr 19 Tiere. Der Kanton behandelt die Art seit Jahren als eine Frage der Bestandsbewirtschaftung, obwohl der aktuelle Bestand klein und geografisch begrenzt ist. Sollten weitere Hirsche aus Deutschland einwandern, wollen die Behörden nach denselben Regeln vorgehen.
«Sollten mehr Sikahirsche in den Kanton Zürich einwandern, würden sie weiterhin im Rahmen der regulären Bestandsbewirtschaftung gejagt», sagte Muggler. Die Aussage signalisiert Kontinuität und kein neues Notfallprogramm. Die Zürcher Behörden rechnen derzeit nicht mit einer starken Ausbreitung im Kanton.
Der bestehende Bestand lebt nördlich des Rheins im Rafzerfeld, wo die Waldflächen einen geeigneten Lebensraum bieten. Nach Angaben des Kantons sind die Tiere bisher in ihrem Gebiet geblieben. Sie haben den Rhein nicht schwimmend überquert. Dieses Detail zeigt, wie genau die Behörden die Bewegungen des Bestands beobachten.
Die 19 im vergangenen Jahr erlegten Hirsche entsprechen beinahe der Hälfte des vom Kanton genannten Bestands, auch wenn jährliche Zählungen und Abschusszahlen unterschiedliche Dinge messen. Die Zahlen zeigen dennoch, dass die Jagd bereits eine wichtige Rolle dabei spielt, die Ausbreitung des Bestands zu verhindern.
Behörden beurteilen das Risiko für Rothirsche
Der Kanton Zürich sieht die Vermischung mit Rothirschen derzeit nicht als unmittelbare Gefahr. Sikahirsche sind mit Rothirschen verwandt, sind aber kleiner und besiedeln ein anderes Gebiet. Nach Einschätzung des Kantons leben die beiden Arten so weit voneinander entfernt, dass sie sich in der heutigen Landschaft wahrscheinlich nicht begegnen und fortpflanzen.
Diese Einschätzung könnte sich ändern, falls Sikahirsche neue Gebiete besiedeln. Der EU-Entscheid beruht teilweise auf der Sorge, dass sich wachsende Sikahirschbestände mit einheimischen Rothirschen vermischen und die lokale Tierwelt verändern könnten. Auch Schäden an Wäldern geben Anlass zur Sorge, da eine hohe Hirschdichte junge Bäume und die Waldverjüngung beeinträchtigen kann.
Die Situation in der Schweiz ist weiterhin begrenzter als die breitere europäische Debatte. Der Sikahirschbestand im Kanton Zürich beschränkt sich auf ein kleines Gebiet nördlich des Rheins. Die Behörden sagen, sie hätten keine bedeutende geografische Ausbreitung festgestellt. Der Kanton beobachtet daher die Bewegungen über die Grenze, statt eine neue Ausrottungskampagne anzukündigen.
Der unterschiedliche Umgang mit der Art spiegelt die lokalen Verhältnisse wider. Zürich bejagt Sikahirsche bereits und hat einen kleinen, bekannten Bestand. Deutschland und Österreich haben eigene Bestände und müssen die Fristen der EU-Einstufung einhalten. Jede Zunahme grenzüberschreitender Bewegungen erfordert eine Zusammenarbeit zwischen Wildtierfachleuten, Jägern und den Behörden der Nachbarregionen.
Die Schweiz bereitet sich auf mögliche Zuwanderung vor
Die nächste Bewährungsprobe kommt, wenn die EU-Jagdregelungen vor August 2027 in Kraft treten. Zürich muss beobachten, ob Tiere Baden-Württemberg verlassen, sich in neuen Schweizer Waldgebieten ansiedeln oder im Rafzerfeld bleiben. Die Behörden rechnen nicht mit einer bedeutenden Ausbreitung, doch der steigende Jagddruck auf deutscher Seite könnte die Bewegungen der Hirsche entlang der Grenze verändern.
Für die Schweizer Bevölkerung geht es vorerst um die lokale Bewirtschaftung der Wildtierbestände und nicht um eine Invasion im ganzen Kanton. Zürich hat einen kleinen Bestand, einen etablierten Rahmen für die Jagd und derzeit keine Hinweise darauf, dass die Tiere den Rhein überqueren oder in nennenswertem Umfang auf Rothirsche treffen. Diese Umstände geben dem Kanton Zeit, die Entwicklung zu beobachten, bevor er seine Politik anpasst.
Die Geschichte der Sikahirsche fügt sich auch in den breiteren Umgang der Schweiz mit eingeführten Arten ein. Die Behörden haben Massnahmen gegen invasive Tiere und Pflanzen ergriffen, während Fachleute weiterhin beurteilen, wie wirksam sich Bestände eindämmen lassen. Die Erfahrungen des Kantons mit Sikahirschen zeigen, wie wichtig frühe Zählungen, die Beobachtung von Lebensräumen und der grenzüberschreitende Informationsaustausch sind.
Vorerst beobachten die Zürcher Behörden die Wälder nördlich des Rheins. Entscheidend wird sein, ob der aktuelle Bestand bei etwas mehr als 40 Tieren bleibt oder mit zunehmendem Jagddruck jenseits der Grenze zu wachsen beginnt.