Wirtschaft
Securitas werden Tausende Verstösse gegen das Arbeitsrecht vorgeworfen
Dem Schweizer Sicherheitsunternehmen Securitas wird vorgeworfen, zwischen 2023 und 2025 rund 20'000 Verstösse gegen das Arbeitsgesetz registriert zu haben, darunter übermässig lange Schichten und unzureichende Ruhezeiten. Laut einer Analyse interner Daten durch SRF könnten rund 900 Mitarbeitende betroffen sein, die in Gefängnissen, Spitälern und Asylzentren arbeiten.

Laut einer Recherche von SRF Investigativ wurden in den internen Daten von Securitas zwischen 2023 und 2025 rund 20'000 mutmassliche Verstösse gegen das Schweizer Arbeitsgesetz erfasst. Dabei geht es um Arbeitszeitregeln, insbesondere um zu lange Schichten und Ruhezeiten, die unter den gesetzlichen Vorgaben lagen.
Die Zahlen lenken die Aufmerksamkeit auf ein Unternehmen, dessen Sicherheitskräfte an Orten arbeiten, an denen eine durchgehende Besetzung nötig ist. Securitas-Mitarbeitende sind in Gefängnissen, Spitälern und Asylzentren tätig. Fällt jemand aus, kann es nötig sein, kurzfristig neue Einsatzpläne zu erstellen und zusätzliche Schichten einzuteilen. Laut SRF könnten rund 900 Mitarbeitende betroffen sein.
Die Vorwürfe betreffen Vorgänge über mehrere Jahre und nicht einen einzelnen Arbeitsplatz oder isolierten Vorfall. Fachleute für Arbeitsrecht sagten SRF, Ausmass und Verteilung der Fälle deuteten auf ein umfassenderes organisatorisches Problem hin. Der Bericht kommt zu keinem abschliessenden rechtlichen Urteil über Securitas. Allfällige Massnahmen der Behörden hingen von einer Prüfung durch die zuständigen Stellen und der zugrunde liegenden Aufzeichnungen ab.
Securitas hat eingeräumt, dass einige Praktiken nicht mit den Grundsätzen des Arbeitsrechts und den eigenen Unternehmenswerten vereinbar waren. Das Unternehmen sagt, in den vergangenen Jahren eingeführte Massnahmen hätten problematische Fälle reduziert, und bestreitet die gemeldete Gesamtzahl von 20'000 Verstössen.
Die mutmasslichen Fehler bei der Einsatzplanung nachzeichnen
Im Zentrum der Vorwürfe stehen lange Schichten und unzureichende Ruhezeiten. Die Schweizer Arbeitszeitvorschriften sollen Übermüdung begrenzen und sicherstellen, dass Mitarbeitende zwischen den Einsätzen genügend Zeit zur Erholung haben. Die gemeldeten internen Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass diese Schutzvorschriften im von SRF untersuchten Zeitraum von drei Jahren wiederholt verletzt worden sein könnten.
Für Sicherheitskräfte können die praktischen Folgen über eine ausgefallene Pause hinausgehen. Die Arbeit erfordert anhaltende Aufmerksamkeit, kontrolliertes Reagieren und verlässliche Schichtübergaben. In einem Gefängnis, Spital oder Asylzentrum können personelle Engpässe den Betrieb des gesamten Standorts beeinträchtigen. Der zugrunde liegende Bericht beziffert weder die Dauer einzelner Schichten noch nennt er alle betroffenen Standorte. Daher lassen sich daraus keine Schlüsse über die Bedingungen bei jedem Securitas-Auftrag ziehen.
Die gemeldeten Fälle werfen dennoch Fragen zu Einsatzplanung, Personalbestand und Aufsicht durch die Führungskräfte auf. Wiederholte Verstösse können entstehen, wenn Arbeitgeber auf kurzfristige Ersatzlösungen, zu knapp besetzte Dienstpläne oder den Druck setzen, Posten durchgehend zu besetzen. In diesem Fall sind diese Faktoren Gegenstand von Untersuchungen und keine gesicherten Erkenntnisse.
Securitas erklärte, die jüngsten Massnahmen hätten die Zahl problematischer Fälle reduziert. Das Unternehmen akzeptiert die Gesamtberechnung von SRF nicht. Damit bleibt das Ausmass eines möglichen fortbestehenden Problems umstritten.
Die Belege am Gesetz messen
Zwei Fachleute für Arbeitsrecht sagten SRF, die gemeldeten Daten könnten auf mehr als administrative Fehler hindeuten. Denis G. Humbert, ein auf Arbeitsrecht spezialisierter Anwalt, bezeichnete die Ergebnisse als Hinweis auf eine «systematische Praxis» und sagte, die Behörden sollten einschreiten. Er bezeichnete die mutmassliche Behandlung des Personals als unzulässig und inakzeptabel.
Kurt Pärli, Rechtsprofessor an der Universität Basel, kam zu einer ähnlichen Einschätzung. Er sagte, die gemeldeten Informationen liessen sich nicht als einfacher Planungsfehler erklären und das Problem gehe über einen einzelnen betrieblichen Fehler hinaus. Ihre Aussagen sind kein Gerichtsurteil, unterstreichen aber die rechtliche Bedeutung wiederholter Arbeitszeitverstösse.
Diese Unterscheidung ist für die Schweizer Arbeitsaufsicht wichtig. Die Behörden müssten feststellen, welche Vorschriften galten, ob die Aufzeichnungen vollständig sind, wer für die Einsatzplanung verantwortlich war und ob Mitarbeitende unter Druck gesetzt wurden, rechtswidrigen Regelungen zuzustimmen. Zudem müssten sie die Korrekturmassnahmen des Unternehmens beurteilen.
Der Ausgangsbericht nennt keine konkrete Untersuchung auf kantonaler Ebene und kündigt keine Sanktionen an. Laut Bericht forderten die Fachleute ein Einschreiten der Behörden. Wie es weitergeht, hängt somit von den Arbeitsbehörden, den Dokumenten und allfälligen Beschwerden betroffener Mitarbeitender ab.
Die Stellungnahme des Unternehmens genauer prüfen
Securitas räumt gewisse Versäumnisse ein, weist die zentrale Zahl aber zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme erklärte das Unternehmen, Praktiken in bestimmten Fällen hätten weder den Grundsätzen des Arbeitsrechts noch den Werten von Securitas entsprochen. Ausserdem hätten in den vergangenen Jahren eingeführte Massnahmen problematische Fälle reduziert.
Das Unternehmen bestreitet die Schätzung von 20'000 Verstössen und sagt, es habe keine allgemeine und systematische Verletzung des Arbeitsgesetzes gegeben. Damit besteht ein klarer Streit über die Daten und ihre Interpretation. Im Ausgangsmaterial hat Securitas nicht anerkannt, dass die internen Aufzeichnungen 20'000 rechtlich festgestellte Verstösse belegen.
Der Unterschied zwischen einer erfassten Unregelmässigkeit bei der Einsatzplanung und einem bestätigten Rechtsverstoss wird für jede Prüfung zentral sein. Die Ermittler müssten untersuchen, wie die internen Daten zustande kamen, ob eine Schicht mehrere erfasste Vorfälle auslösen konnte und ob Korrekturen oder Ausnahmen galten. Der vorliegende Bericht enthält keine Angaben zu diesen methodischen Einzelheiten.
Das Eingeständnis von Securitas setzt die unternehmenseigenen Kontrollsysteme dennoch unter Druck. Das Unternehmen erbringt Sicherheitsdienstleistungen an Orten, an denen Auftraggeber, Mitarbeitende und Öffentlichkeit auf eine verlässliche Personalbesetzung angewiesen sind. Um zu belegen, dass die jüngsten Reformen wirken, braucht es eine transparente Kontrolle und Nachweise dafür, dass die gesetzlichen Ruhezeiten in den täglichen Dienstplänen eingehalten werden.
Öffentliche Aufträge genauer unter die Lupe nehmen
Der Streit geht nun in Richtung Überprüfung und Aufsicht. Die gemeldeten Zahlen betreffen mehr als den Ruf von Securitas. Sie werfen Fragen für öffentliche Einrichtungen und private Auftraggeber auf, die Sicherheitsdienstleistungen für Gefängnisse, Spitäler und Asylzentren einkaufen. Die Auftraggeber müssen möglicherweise prüfen, ob Einsatzpläne und Dienstleistungsanforderungen es den Sicherheitskräften ermöglichen, die Schweizer Arbeitszeitvorschriften einzuhalten.
Für die Mitarbeitenden ist entscheidend, ob sich die gemeldeten Verbesserungen auch in den Dienstplänen niederschlagen. Dazu müssen Schichtlängen, Ruhezeiten zwischen Einsätzen, Überstundenaufzeichnungen und die Meldewege für Mitarbeitende geprüft werden, die Bedenken äussern. Aus dem Ausgangsmaterial geht nicht hervor, wie viele Mitarbeitende Beschwerden eingereicht haben oder ob eine Behörde ein formelles Verfahren eröffnet hat.
Die Behörden müssen auch die unterschiedlichen Darstellungen abwägen. Die Analyse von SRF weist auf rund 20'000 gemeldete Verstösse hin, von denen rund 900 Mitarbeitende betroffen seien. Securitas bestreitet die Gesamtzahl und weist die Beschreibung eines allgemeinen, systematischen Verstosses zurück. Keine der beiden Zahlen allein klärt die Rechtsfrage.
Als nächste öffentliche Anhaltspunkte kämen eine amtliche Untersuchung, Ergebnisse von Arbeitsinspektoren oder eine ausführlichere Erklärung der Korrekturmassnahmen des Unternehmens infrage. Bis dahin bleiben die Vorwürfe eine erhebliche Bewährungsprobe dafür, wie die Schweiz die Arbeitsbedingungen bei ausgelagerten Sicherheitsdiensten überwacht.