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Swiss Observer

Graubünden lehnt Senkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre ab

Die Stimmberechtigten in Graubünden haben einen Vorschlag abgelehnt, der 16- und 17-Jährigen das Stimmrecht auf kantonaler Ebene eingeräumt hätte. Damit bleibt Glarus der einzige Kanton mit einem solchen System.

Graubünden lehnt Senkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre ab
AISWI swissinfo.ch

67% der Stimmberechtigten lehnten die Reform ab, damit bleibt das Stimmrechtsalter in Graubünden bei 18 Jahren. Der Entscheid vom Sonntag, 27. September, schliesst vorerst die Tür für eine Verfassungsänderung, die ab dem nächsten Jahr rund 3’000 16- und 17-Jährige zu kantonalen Wahlen und Abstimmungen zugelassen hätte.

Das Ergebnis fiel im ganzen Kanton einheitlich aus. Jede Gemeinde stimmte gegen den Vorschlag. Den stärksten Widerstand gab es in Buseno im Val Calanca, wo fast 90% Nein stimmten. In der Region Moesa lag die Ablehnung bei fast 78%, in der Region Bernina bei knapp 76%. Die Stimmbeteiligung betrug 45%.

Mit dem Entscheid Graubündens bleibt Glarus der einzige Kanton, in dem 16- und 17-Jährige auf kantonaler Ebene abstimmen dürfen. Das Stimmrechtsalter auf Bundesebene bleibt bei 18 Jahren, und die meisten Kantone haben dieselbe Altersgrenze für ihre eigenen Abstimmungen beibehalten. Die Abstimmung in Graubünden war deshalb auch über die Kantonsgrenzen hinaus von Bedeutung. Sie zeigte, ob ein zweiter Kanton bereit war, politische Rechte auf Jugendliche auszuweiten, und gab Aufschluss über die öffentliche Unterstützung für eine Reform, die wiederholt auf die politische Agenda der Schweiz zurückgekehrt ist.

Die Regionen ziehen eine klare Grenze

In Buseno lag die Ablehnung bei fast 90%, ein Zeichen dafür, wie deutlich der Vorschlag in Teilen der Südostschweiz verworfen wurde. Auch in den grösseren Regionen des Kantons überwog das Nein: In Moesa lehnten fast 78% die Vorlage ab, in Bernina waren es knapp 76%.

Das geografische Muster ist bedeutsam, weil die Befürworter der Reform argumentiert hatten, junge Menschen sollten dort mitbestimmen, wo Entscheide ihre Bildung, den Verkehr, die Klimapolitik und ihre künftigen wirtschaftlichen Perspektiven prägen. Der Vorschlag hätte für kantonale Wahlen und Abstimmungen gegolten. Die Gemeinden hätten weiterhin selbst entscheiden können, ob 16- und 17-Jährige bei kommunalen Wahlen und Abstimmungen mitstimmen dürfen.

Das Endergebnis folgte keiner einfachen Links-rechts-Einteilung. Die Mitte, die Sozialdemokraten, die Grünen, die Evangelische Volkspartei und die Jugendorganisationen der Mitte und der Grünliberalen unterstützten die Initiative. Die Schweizerische Volkspartei und die Jungfreisinnigen führten eine Kampagne dagegen. Die FDP enthielt sich. Andrin Ehrler vom Initiativkomitee bezeichnete das Ergebnis als «schwere Niederlage», fügte aber hinzu, die Ablehnung sei weniger deutlich ausgefallen als in anderen Teilen der Schweiz. Die Stimmbeteiligung lag bei 45%, und eine klare Mehrheit der Abstimmenden verwarf die Reform.

Die politische Reife wird zum Streitpunkt

Die Gegner sagten, Minderjährigen fehle die politische Reife, die für das Stimmrecht nötig sei. Ihre Kampagne konzentrierte sich zudem auf das Risiko, dass Jugendliche über soziale Medien leichter beeinflussbar sein könnten. Sie argumentierten, ein Stimmrechtsalter von 16 Jahren passe schlecht zu den zivil- und verfassungsrechtlichen Regeln, die mit 18 Jahren bedeutende Verantwortlichkeiten übertragen.

Die Befürworter beurteilten die politische Reife anders. Eine Mehrheit im Bündner Parlament sah in einer früheren politischen Beteiligung eine Möglichkeit, der Alterung der Schweizer Gesellschaft entgegenzuwirken und junge Einwohnerinnen und Einwohner in Entscheide einzubeziehen, die ihr Erwachsenenleben prägen werden. Das Parlament legte die Verfassungsfrage dennoch den Stimmberechtigten vor, auch unter Mitwirkung von Parlamentarierinnen und Parlamentariern, die Vorbehalte gegenüber der Reform hatten.

Die Debatte widerspiegelt ein vertrautes Spannungsfeld in der Schweiz. Das Stimmrecht ist ein gesetzliches Recht, während sich politische Bildung in Schulen, Familien, Vereinen und durch die unmittelbare Erfahrung mit öffentlichen Entscheiden entwickelt. Die Befürworter glauben, dass politische Beteiligung diese Erfahrung fördern kann. Die Gegner wollen eine klare Altersgrenze beibehalten und stellen infrage, ob Jugendliche in einem Umfeld, das von raschen Online-Kampagnen geprägt ist, unabhängige Entscheide treffen können.

Ehrler sagte, das Ergebnis zeige einen Mangel an Vertrauen in junge Menschen sowie ein begrenztes Vertrauen junger Menschen in sich selbst. Er wies auch darauf hin, dass sich das übliche Links-rechts-Muster nicht gezeigt habe. Dies deute darauf hin, dass die Frage die etablierten politischen Lager durchkreuzte.

Glarus bleibt allein

Glarus ist nun der einzige Kanton mit kantonalem Stimmrecht ab 16 Jahren. Die Ablehnung in Graubünden macht eine rasche Ausweitung des Modells kurzfristig weniger wahrscheinlich, nimmt das Thema aber nicht aus der politischen Debatte in der Schweiz. Die Befürworter des Vorschlags haben bereits angekündigt, sich weiterhin für die politische Beteiligung junger Menschen einzusetzen.

Ehrler bezeichnete die Niederlage als enttäuschend, aber nicht überraschend, und verwies auf die Erfahrungen in anderen Kantonen. Graubünden habe die Chance verpasst, eine Vorreiterrolle einzunehmen, sagte er. Eine starke Jugendversammlung bleibe notwendig. Das verweist auf andere Möglichkeiten, jüngere Einwohnerinnen und Einwohner einzubeziehen, darunter Mitwirkungsrechte, politische Bildung an Schulen und Jugendgremien, die den gewählten Behörden Vorschläge unterbreiten können.

Die Abstimmung lässt auch die Frage offen, ob sich die Bundes- und Kantonsparlamente weiterhin mit dem Stimmrechtsalter 16 als Verfassungsreform befassen werden oder es als Teil einer umfassenderen Beteiligungsstrategie behandeln. Vorerst bleibt das Stimmrechtsalter in Graubünden bei 18 Jahren, während die lokalen Behörden bei kommunalen Stimmrechten weiterhin Ermessensspielraum haben. Die unmittelbare Botschaft der Stimmberechtigten ist klar: Für eine Ausweitung des Stimmrechts reicht die Unterstützung des Parlaments nicht aus. Es braucht das Vertrauen der Öffentlichkeit, dass 16- und 17-Jährige bereit sind, dasselbe politische Recht wie Erwachsene auszuüben.