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Swiss Observer

Chinesische Biotechnologieunternehmen nehmen Europa ins Visier, um zu wachsen

Chinesische Biotechnologieunternehmen nehmen zunehmend Europa ins Visier, während sie ausserhalb eines umkämpften Heimatmarkts Lizenzvereinbarungen, Investitionen und kommerzielles Wachstum anstreben. Ihre Expansion eröffnet Partnerschaftsmöglichkeiten, bringt aber auch neue Konkurrenz für Schweizer Pharmakonzerne wie Roche und Novartis mit sich.

Chinesische Biotechnologieunternehmen nehmen Europa ins Visier, um zu wachsen
AISWI swissinfo.ch

12 chinesische Unternehmen nahmen im Mai 2026 am Swiss Biotech Day in Basel teil, fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Mindestens 15 weitere Unternehmen kamen unabhängig davon. Damit wurde das Branchentreffen der Schweizer Biotechnologie zu einem nützlichen Gradmesser für Chinas Ambitionen in Europa.

Die Besucher suchten nach Lizenzvereinbarungen, Investoren, Produktionspartnern und kommerziellen Wegen ausserhalb Chinas. Die Bedingungen im Inland treiben sie nach aussen. Risikokapital ist knapper geworden, der Wettbewerb hat sich verschärft und die Kontrollen aus Washington haben zugenommen. Europäische Märkte bieten Finanzierung, wissenschaftliche Partnerschaften und regulatorische Glaubwürdigkeit, verlangen jedoch auch umfangreiche Nachweise zu Qualität, Datenschutz und Compliance.

Der Zeitpunkt ist für die Schweiz von Bedeutung. Roche und Novartis haben zunehmend mehr Vereinbarungen zur Lizenzierung von Wirkstoffkandidaten chinesischer Biotechnologieunternehmen unterzeichnet. Schweizer Pharmakonzerne erhalten Zugang zu vielversprechender Forschung und können Entwicklungskosten senken, während chinesische Unternehmen Zugang zu globalen Märkten und die Bestätigung durch etablierte Partner gewinnen.

Diese Beziehung wird zunehmend wettbewerbsorientierter, da chinesische Unternehmen eigene Fähigkeiten aufbauen. IQVIA zufolge entfielen auf sie 30% der Starts klinischer Studien, verglichen mit 1% im Jahr 2009. Die Konferenzszene in Basel verschafft chinesischen Unternehmen inzwischen direkten Zugang zu den Unternehmen, Investoren und Beratern, die die europäische Arzneimittelentwicklung prägen.

China baut eine Forschungsmaschine auf

1,03 Billionen US-Dollar flossen 2024, gemessen an der Kaufkraftparität, in die chinesische Forschung und Entwicklung. Damit übertraf China laut OECD die Vereinigten Staaten mit 1,01 Billionen US-Dollar knapp. Chinas Ausgaben stiegen gegenüber dem Vorjahr um 12,3%.

Die Investitionen haben die wissenschaftliche Basis des Landes erweitert. Im Nature Index veröffentlicht China mehr Beiträge in führenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften als jedes andere Land, während die Universitäten eine grosse Zahl von Absolventinnen und Absolventen in Naturwissenschaft und Technik hervorbringen. Staatliche Anreize haben zudem chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die im Ausland ausgebildet wurden, zur Rückkehr ermutigt.

Die Biotechnologie hat von diesem politischen Schwerpunkt profitiert. Peking hat Produktionsparks, Forschungscluster und Programme zur Verringerung der Abhängigkeit von importierten Medikamenten finanziert. Das Ergebnis ist eine grössere Pipeline von Wirkstoffkandidaten sowie ein stärkeres Netzwerk von Unternehmen, die Forschung, klinische Entwicklung und Produktion im Inland durchführen können.

Einige Produkte haben sich vom Ruf für niedrige Kosten gelöst, der mit der älteren chinesischen Pharmaindustrie verbunden war. Ivonescimab, eine von Akeso entwickelte Krebstherapie, hat nach positiven direkten Vergleichsstudien mit einem im Westen entwickelten Blockbuster-Medikament Aufmerksamkeit erregt. Zanubrutinib, das von BeOne Medicines entwickelte Mittel gegen Blutkrebs, erzielt einen Jahresumsatz im einstelligen Milliardenbereich.

Für europäische Partner bietet die Pipeline neue Lizenzierungsmöglichkeiten. Zugleich zwingt sie Roche, Novartis und andere etablierte Konzerne, chinesische Konkurrenten anhand ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse zu beurteilen und nicht anhand ihres früheren Rufs als Nachahmer.

Canton Biologics steigt in den CDMO-Markt ein

79% von 124 befragten Biopharmaunternehmen gaben an, mindestens einen Vertrag oder ein Produkt mit einer in China ansässigen oder chinesischen Auftragsentwicklungs- und Auftragsherstellungsorganisation, kurz CDMO, zu haben. Die Zahl zeigt, wie stark die chinesische Produktion inzwischen in die globale Lieferkette eingebunden ist.

Canton Biologics strebt einen grösseren Anteil an diesem Geschäft an. Gründer und CEO Xiao Shen gründete die südchinesische CDMO 2016, nachdem er in Deutschland biologische Pharmakologie studiert und an der EPFL promoviert hatte. Das Unternehmen arbeitet an komplexen biologischen Produkten und übernimmt unter anderem die Formulierung, die Entwicklung im Labor sowie die Herstellung vor klinischen Studien.

Shen sagt, Canton Biologics konkurriere mit «Geschwindigkeit, Qualität, Flexibilität und Kostenwettbewerbsfähigkeit». Die ab 2015 eingeführten politischen Änderungen in China erleichterten es Arzneimittelentwicklern, die Produktion auszulagern, und trugen so zur Entstehung eines dichten heimischen CDMO-Markts bei. Investoren stellten Canton Biologics 2016 eine Anschubfinanzierung bereit. Seither hat Shen mehr als 40 Millionen US-Dollar, umgerechnet rund 32 Millionen Franken, aufgenommen.

Die Schweiz hat in diesem Bereich einen eigenen Schwergewichtsakteur. Lonza wurde vor mehr als 125 Jahren gegründet und ist gemessen am Umsatz die weltweit grösste CDMO. Europäische Unternehmen kennen daher den wirtschaftlichen Wert der ausgelagerten Bioproduktion. Chinesische Anbieter müssen hingegen zeigen, dass ihre Kostenvorteile mit verlässlichen Qualitätssystemen, transparenter Unternehmensführung und zuverlässigen grenzüberschreitenden Lieferungen einhergehen.

Chinesische Unternehmen wollen in Europa ihre globale Einsatzbereitschaft beweisen

40% des Umsatzes von Canton Biologics stammen bereits aus ausländischen Märkten, und Xiao Shen will diesen Anteil bis 2028 auf 80% steigern. Dieses Ziel erklärt, weshalb er und sein Führungsteam innerhalb von sechs Monaten an mehr als zehn Konferenzen in Europa und den Vereinigten Staaten teilnehmen.

Für chinesische Biotechnologieunternehmen erfüllt die internationale Expansion mehrere Zwecke zugleich. Lizenzvereinbarungen können sofortige Einnahmen bringen und spätere Forschung finanzieren. Europäische Partner können bei der Planung klinischer Studien, bei Zulassungsanträgen und beim Marktzugang helfen. Eine Präsenz ausserhalb Chinas kann potenzielle Kundinnen und Kunden zudem davon überzeugen, dass ein Unternehmen nach Standards arbeitet, die globale Arzneimittelentwickler anerkennen.

Der Weg dorthin bringt praktische Hindernisse mit sich. Unternehmen müssen sich mit der europäischen Arzneimittelregulierung, den länderspezifischen Erstattungssystemen und den Vorschriften zu klinischen Daten, geistigem Eigentum und ausländischen Investitionen auseinandersetzen. Politischer Druck kommt als weitere Ebene hinzu. US-Parlamentarier haben Massnahmen vorgeschlagen, die die Zusammenarbeit mit China im Bereich Biotechnologie einschränken sollen. Dadurch gewinnen vertrauenswürdige europäische Beziehungen an Wert, während zugleich die Kontrolle von Eigentumsverhältnissen und Lieferketten zunimmt.

Chinesische Führungskräfte kommen deshalb nicht nur mit Produktbroschüren nach Basel. Sie müssen zeigen, dass ihre Forschung internationalen Studien standhält, dass die Produktion europäischen Erwartungen entspricht und dass kommerzielle Partnerschaften auch dann funktionieren, wenn Regierungen ihre Abhängigkeit von chinesischer Technologie neu bewerten.

Schweizer Pharma wägt Zugang, Wettbewerb und Vertrauen ab

Roche und Novartis sehen sich chinesischen Unternehmen inzwischen sowohl als Partnern als auch als Konkurrenten gegenüber. Ihre Lizenzierungsaktivitäten können vielversprechende Medikamente in die Schweizer Entwicklungspipelines bringen, insbesondere in Bereichen wie der Onkologie, in denen chinesische Entwickler zunehmend konkurrenzfähige Wirkstoffkandidaten hervorgebracht haben. Dieselben Vereinbarungen zeigen auch, wie schnell chinesische Unternehmen bei Wirkstoffforschung, klinischen Studien und kommerzieller Umsetzung aufholen.

Die Schweiz profitiert davon, wenn ihre Forschungsinstitutionen, Investoren und Pharmaunternehmen diese Aktivitäten anziehen. Basel bietet bereits ein dichtes Netzwerk globaler Arzneimittelhersteller, spezialisierter Zulieferer und wissenschaftlicher Fachkräfte. Die EPFL und andere Schweizer Institutionen verbinden chinesische Unternehmerinnen und Unternehmer zudem mit europäischen Ausbildungs- und Forschungsnetzwerken, wie Xiao Shens Werdegang zeigt.

Der wirtschaftliche Nutzen hängt von den Bedingungen der Zusammenarbeit ab. Schweizer Unternehmen müssen klinische Daten, geistiges Eigentum, Produktionskontrollen und Eigentumsstrukturen sorgfältig prüfen. Zudem müssen sie die Risiken in den Lieferketten und mögliche Änderungen der europäischen oder US-amerikanischen Politik bewältigen. Chinesische Unternehmen wiederum müssen starke Studienergebnisse und Produktionskapazitäten in Medikamente umsetzen, die von den Zulassungsbehörden genehmigt werden und für die Gesundheitssysteme erschwinglich sind.

Europa wird zum Prüfstein für Chinas biotechnologische Ambitionen. Die zunehmende Präsenz chinesischer Unternehmen in Basel signalisiert einen Wandel des Markts, den die Schweizer Pharmakonzerne genau verfolgen werden: bei Lizenzverhandlungen, Forschungspartnerschaften und im Wettbewerb um die nächste Generation von Medikamenten.