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Swiss Observer

Zürichs Kurswechsel beim Französischunterricht löst nationale Debatte aus

Der Entscheid Zürichs, den Französischunterricht an Primarschulen abzuschaffen, weckt Sorgen um den nationalen Zusammenhalt und die mehrsprachige Tradition der Schweiz

Zürichs Kurswechsel beim Französischunterricht löst nationale Debatte aus
AIThe Local Switzerland

Zürich hat offiziell eine lebenswichtige Verbindung des nationalen Zusammenhalts der Schweiz gekappt. In einem Schritt, der in der Bundesverwaltung Schockwellen auslöst, hat der Kantonsrat beschlossen, den Französischunterricht an Primarschulen abzuschaffen. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine Anpassung des Lehrplans, sondern um eine grundlegende Infragestellung der Schweizer Identität. Zürich schliesst sich nun Appenzell Ausserrhoden an, das den frühen Französischunterricht Anfang dieses Jahres abgeschafft hat. Damit wächst der Widerstand gegen den Auftrag zur Mehrsprachigkeit.

Der Entscheid bedeutet eine deutliche Abkehr vom Ideal einer geeinten Schweiz. Während die Regierung dafür gekämpft hatte, den Status quo zu bewahren, hat sich die politische Stimmung klar gegen den frühen Französischunterricht gewendet. Die Folgen sind unmittelbar und schwerwiegend: Der wirtschaftliche Motor des Landes erklärt damit faktisch, dass die Sprache der Landsleute im Westen für seine jüngsten Bürgerinnen und Bürger keine Priorität mehr ist. Dieser Schritt wirft dringende Fragen zur Rechtmässigkeit und zur Zukunft des empfindlichen kulturellen Gleichgewichts der Eidgenossenschaft auf.

Englisch verdrängt die nationale Tradition

Englisch wird rasch zur faktischen Zweitsprache der Schweiz und verdrängt die traditionelle Vorherrschaft des Französischen in den Deutschschweizer Klassenzimmern. Die Realität vor Ort ist unbestreitbar: Junge Schweizer Schülerinnen und Schüler geben dem globalen Nutzen zunehmend den Vorrang vor der nationalen Solidarität. Obwohl die Schweiz drei Hauptlandessprachen hat, Deutsch, Französisch und Italienisch, nimmt die Sprachkompetenz über diese Grenzen hinweg stark ab. Die Jugendlichen stimmen mit ihrer Aufmerksamkeit ab, und Englisch gewinnt haushoch.

Befürworterinnen und Befürworter des Kurswechsels argumentieren, das derzeitige System versage und bringe Schülerinnen und Schüler hervor, die weder Französisch noch Englisch gut beherrschten. Dieser pragmatische Kurswechsel hat jedoch einen hohen kulturellen Preis. Indem Zürich einer Sprache, die keine Landessprache ist, den Vorrang gibt, signalisiert es, dass globale Vernetzung wichtiger ist als das gegenseitige Verständnis im Inland. Der Schwerpunkt der Bildung hat sich von «Zusammenhalt» zu «Wachstum» verschoben und lässt die Vorstellung einer mehrsprachigen Schweiz nur noch knapp am Leben.

Empörung des Bundes und der HarmoS-Konflikt

Die Reaktion aus Bern fiel rasch und scharf aus. Die Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider aus dem französischsprachigen Jura nahm kein Blatt vor den Mund und erklärte: «Man kann nicht am 1. August die Einheit der Schweiz feiern und gleichzeitig die Mittel vernachlässigen, die es uns ermöglichen, einander zu verstehen.» Ihre Aussage verdeutlicht die explosive Spannung zwischen kantonaler Autonomie und den Erwartungen des Bundes. Silvia Steiner, Zürcher Bildungsdirektorin, hatte den Kantonsrat zuvor gewarnt, dieser Schritt komme einem «Spiel mit dem Feuer» gleich. Diese Prophezeiung bewahrheitet sich nun in Echtzeit.

Rechtlich bewegt sich Zürich in einer Grauzone. Der Kanton unterzeichnete zwar 2006 die HarmoS-Konkordatsvereinbarung, die das zersplitterte Schweizer Schulsystem harmonisieren sollte, doch die Stimmberechtigten lehnten deren Ratifizierung 2009 in einer Volksabstimmung ab. Weil die Ratifizierung ausblieb, ist Zürich nicht an die nationalen Standards gebunden und kann sich von der gemeinsamen Bildungsstrategie entfernen. Der Kanton steuert nun auf einen Konflikt mit den Bundespolitikerinnen und Bundespolitikern zu, die sprachliche Vielfalt für nicht verhandelbar halten.

Der Röstigraben wird breiter: Reaktionen aus der Romandie

Für die französischsprachige Schweiz ist Zürichs Entscheid nichts anderes als eine gezielte Brüskierung. Der Röstigraben, die kulturelle Trennlinie zwischen der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz, ist nun zu einer Kluft geworden. In der Romandie überrascht das kaum jemanden, doch die Verärgerung ist deutlich spürbar. Im Gegensatz zu Zürich führen die französischsprachigen Kantone den Deutschunterricht konsequent ab der Primarschule ein, trotz durchzogener Ergebnisse bei der Sprachkompetenz.

Die Heuchelei schmerzt: Zürich hält am frühen Englischunterricht fest und schafft gleichzeitig Französisch ab. Damit sendet der Kanton eine klare Botschaft, dass die Minderheitensprache verzichtbar ist. Dieser Entscheid schafft einen gefährlichen Präzedenzfall. Da St. Gallen, Thurgau und sogar der zweisprachige Kanton Bern ähnliche Verzögerungen des Französischunterrichts diskutieren, stehen die Dominosteine bereit, um zu fallen. Wenn die deutschsprachige Mehrheit die Bemühungen aufgibt, ihre Nachbarinnen und Nachbarn zu verstehen, droht das Gefüge der Schweizerischen Eidgenossenschaft so stark wie nie zuvor zu zerreissen.