UBS
Grossbritannien warb um UBS und einen möglichen Umzug nach London
Die britische Regierung versuchte, UBS dazu zu bewegen, ihren Rechtssitz und ihre Börsenkotierung nach London zu verlegen, falls die strengeren Kapitalvorschriften der Schweiz die Bank zu einem Wegzug veranlassen sollten. Die Gespräche zeigen, welche internationalen Folgen die Debatte über die Regulierung von UBS in der Schweiz hat.

London ist in der UBS-Debatte als konkreter möglicher Standort ins Spiel gekommen, nicht bloss als theoretische Alternative. Die britische Labour-Regierung versuchte, die grösste Bank der Schweiz dazu zu bewegen, ihren Rechtssitz und ihre Börsenkotierung zu verlegen, falls strengere Schweizer Kapitalvorschriften sie dazu zwingen würden, ihren Hauptsitz zu überdenken. Rachel Reeves, die bis 2026 als Finanzministerin amtierte, brachte die Möglichkeit gegenüber UBS-Präsident Colm Kelleher zur Sprache. Ihr jüngstes Treffen fand nach Angaben von Personen, die über die Gespräche informiert wurden, Anfang dieses Jahres statt.
Die Gespräche machen deutlich, welche internationalen Folgen der Schweizer Regulierungsstreit hat. UBS hat erklärt, sie wolle weiterhin von der Schweiz aus operieren, mit der ihre Identität, ihre Führungsstruktur und ihre innenpolitische Bedeutung eng verknüpft sind. Schweizer Parlamentarier haben jedoch Vorschriften vorangetrieben, die nach Schätzung der Bank rund 16 Milliarden Dollar zusätzliches Kapital erfordern würden. Der Entscheid folgte auf das Scheitern eines Kompromissvorschlags und hat die Debatte in Bern und Zürich sowie unter UBS-Anlegern verschärft.
Ein Umzug nach London wäre für Grossbritannien ein bedeutender Gewinn im Finanzsektor. UBS mit einem Wert von 129 Milliarden Franken wäre das viertgrösste Unternehmen im FTSE 100, hinter HSBC, Shell und AstraZeneca. Der britische Vorstoss zeigt auch, wie rasch regulatorische Entscheide in der Schweiz Finanzzentren weit über die Landesgrenzen hinaus beeinflussen können.
London wirbt um FTSE-Schwergewicht
Ein Umzug nach London würde UBS sofort zu einem der grössten börsenkotierten Unternehmen der Londoner Börse machen. Mit einem Börsenwert von 129 Milliarden Franken wäre die Bank im FTSE 100 an vierter Stelle. Diese Grössenordnung erklärt, weshalb britische Behörden im Schweizer Streit eine Chance sahen, zumal Grossbritannien weiterhin um globale Banken, Investmentfirmen und Hauptsitze wirbt, nachdem Londons Finanzsektor jahrelang unter Druck stand.
UBS ist in Grossbritannien bereits stark vertreten. Rund 8'000 Mitarbeitende sind dort in den Bereichen Investmentbanking, Vermögensverwaltung und Anlageverwaltung tätig. Diese Geschäfte böten eine etablierte Grundlage für eine grössere rechtliche und unternehmerische Präsenz, auch wenn eine formelle Verlegung des Rechtssitzes weit mehr bedeuten würde, als Büros zu verlegen oder ein Börsenkürzel zu ändern.
Die Bank müsste sich mit Unternehmensrecht, Genehmigungen der Aktionäre, Steuern, Aufsicht und der Behandlung ihrer Schweizer Geschäfte befassen. Analysten haben auch auf die Möglichkeit hingewiesen, dass die Schweiz eine erhebliche Wegzugssteuer erheben könnte. Es gibt keine Hinweise darauf, dass UBS aktiv einen Umzug nach Grossbritannien vorbereitet, und die Bank lehnte eine Stellungnahme zu den Gesprächen ab. Die britischen Gespräche sind daher eine diplomatische und politische Werbung um die Bank, keine Ankündigung eines Umzugs. Sie zeigen, welchen Wert London darauf legt, eine Bank mit globalen Geschäften in der Vermögensverwaltung, im Investmentbanking und in der Anlageverwaltung anzuziehen.
Schweizer Kapitalvorschriften erhöhen den Einsatz
Die vorgeschlagenen Schweizer Vorschriften haben rund 16 Milliarden Dollar ins Zentrum der strategischen Überlegungen von UBS gerückt. Schweizer Parlamentarier trieben im vergangenen Monat strengere Kapitalanforderungen voran, nachdem sie einen von UBS unterstützten Kompromiss abgelehnt hatten. Die Bank argumentiert, die Massnahmen könnten grosse Kapitalsummen binden und die Renditen aus ihren internationalen Geschäften schmälern.
UBS hat keinen Wegzug angekündigt. Kelleher sagte öffentlich, der Verwaltungsrat könne den Schweizer Standort der Bank überdenken, falls sich die regulatorischen Verschärfungen als zu einschneidend erweisen sollten. Der Verwaltungsrat habe Notfallpläne geprüft, darunter eine Verlegung des Rechtssitzes, berichtete die Financial Times zuvor. Diese Pläne spiegeln die Vorbereitung auf verschiedene mögliche Entwicklungen wider, nicht einen gefassten Entscheid, die Schweiz zu verlassen.
Der Druck der Anleger hat die Debatte verschärft. Artisan Partners, ein US-amerikanischer Vermögensverwalter, erklärte, die Schweiz sei für UBS «kein attraktiver oder wünschenswerter Standort mehr», und forderte den Verwaltungsrat auf, einen Umzug des Hauptsitzes in Betracht zu ziehen. Andere Anleger und Analysten haben sich auf die praktischen Hindernisse konzentriert, darunter die rechtliche Komplexität, die Besteuerung und die Kosten, eine global integrierte Bank von ihrer Schweizer Rechtsstruktur zu lösen.
Für manche Geschäftsbereiche von UBS könnten die Vereinigten Staaten strategisch besser passen als Grossbritannien. Analysten verweisen auf die weniger strenge Regulierung und auf die Ambition der Bank, in der Vermögensverwaltung mit Morgan Stanley und anderen Wall-Street-Unternehmen zu konkurrieren. Führungskräfte von UBS führten im vergangenen Jahr Gespräche mit Vertretern der Regierung von Donald Trump. Damit gehört auch Washington zu den Regierungen, die die Schweizer Debatte verfolgen.
Die Schweiz muss mit den Folgen rechnen
UBS steht weiterhin vor einem Entscheid, der von den regulatorischen Weichenstellungen der Schweiz, ihren Anlegern und den Steuerpolitiken konkurrierender Finanzzentren geprägt wird. Der Vorstoss aus London kam von einer Labour-Regierung, die seit ihrem Amtsantritt 2024 internationale Unternehmen anzuwerben versucht. Reeves erhielt nach ihrem Budget 2025 viel Lob von Bankführungskräften, weil der Finanzsektor nach einer intensiven Lobbykampagne von Steuererhöhungen verschont blieb.
Diese Zustimmung könnte nicht von Dauer sein. Britische Führungskräfte beobachten John Healey, Reeves’ Nachfolger, vor dessen erstem Budget in diesem Monat. Mögliche Steuererhöhungen könnten Grossbritanniens Werben um grosse Finanzinstitute aus dem Ausland schwächen. Die Regierung äusserte sich nicht zu ihren Gesprächen mit UBS; auch UBS und Reeves lehnten eine Stellungnahme ab.
Für die Schweiz verleiht der Vorgang einer innenpolitischen Debatte über die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems eine internationale Dimension. Die Bilanzsumme von UBS, ihre globale Reichweite und ihre Rolle in der Schweizer Wirtschaft machen ihre Kapitalanforderungen zu einer Frage der öffentlichen Politik. Gleichzeitig ist der Rechtssitz der Bank ein Standortvorteil, den London und die Vereinigten Staaten gerne für sich gewinnen würden.
Der unmittelbare Ausgang ist weiterhin offen. UBS erklärt, ihr Ziel sei es, von der Schweiz aus zu operieren. Ihre Notfallplanung und die Kritik von Aktionären bieten konkurrierenden Ländern jedoch Raum, um die Bank umzuwerben. Die nächsten Schritte hängen von den endgültigen Schweizer Vorschriften, ihrer Umsetzung und den finanziellen Kosten ab, die die Bank mit einem Verbleib in ihrem Heimatmarkt verbindet.