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Swiss Observer

Die Schweiz fällt im globalen Gleichstellungsranking um zehn Plätze zurück

Die Schweiz ist im globalen Gender-Gap-Index des Weltwirtschaftsforums um zehn Plätze auf Rang 27 zurückgefallen. Der Artikel untersucht den Rückgang, das Abschneiden des Landes bei der politischen Vertretung und der wirtschaftlichen Teilhabe sowie die Gründe, weshalb die Fortschritte bei der Gleichstellung trotz des Wohlstands der Schweiz langsamer werden.

Die Schweiz fällt im globalen Gleichstellungsranking um zehn Plätze zurück
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz ist im Gender-Gap-Index des Weltwirtschaftsforums um 10 Plätze auf Rang 27 zurückgefallen. Für ein Land, das seit 2021 nicht mehr zu den zehn Erstplatzierten gehört, ist dies ein Rückschlag. Die Bewertung für 2026 umfasst 145 Länder. Die Schweiz liegt hinter den nordischen Spitzenreitern, wobei Island den ersten Platz behauptet, gefolgt von Finnland und Norwegen. Namibia ist auf den vierten Platz vorgerückt.

Das Ergebnis betrifft ein Land, das Wohlstand oft mit gesellschaftlichem Fortschritt verbindet. Die Schweiz verfügt über eine gut ausgebildete Erwerbsbevölkerung, eine starke Wirtschaft und eine lange Tradition institutioneller Stabilität. Der Index misst jedoch, wie Frauen und Männer Chancen und Macht teilen. Wohlstand allein garantiert keinen gleichberechtigten Zugang zu Führungspositionen, politischem Einfluss oder aufstrebenden Branchen.

Das Weltwirtschaftsforum erklärte, die globale Geschlechterkluft sei beinahe um 70 % geschlossen worden. Im jüngsten Zeitraum betrug der Fortschritt 0,4 Prozentpunkte. Diese Verbesserung ist jedoch viel zu langsam, um den Gesamtzeitrahmen zu verändern. Nach Schätzungen der Organisation wird es beim derzeitigen Tempo 120 Jahre dauern, bis die globale Geschlechterkluft geschlossen ist.

Für die Schweiz ist der Rückgang im Ranking ein Warnsignal dafür, dass der Fortschritt an Schwung verliert. Ein Land kann wohlhabend bleiben, während andere Länder bei Vertretung und Teilhabe schneller vorankommen.

Politische Macht bleibt für zu viele Frauen ausser Reichweite

Der 27. Platz der Schweiz widerspiegelt ein umfassenderes Problem bei der politischen Vertretung: Frauen sind dort weiterhin untervertreten, wo Entscheidungen besonders grosse Wirkung entfalten. Das Weltwirtschaftsforum berichtete, dass der Anteil der von Frauen geführten Länder wieder auf den Stand von vor 10 Jahren gesunken ist. Weltweit sind weniger als 10 % der als einflussreich eingestuften Ministerämter mit Frauen besetzt.

Diese Kennzahl ist mehr als eine blosse Zählung von Frauen in öffentlichen Ämtern. Ministerien, die Finanzen, Aussenpolitik, Verteidigung, Technologie und Wirtschaftspolitik prägen, bestimmen, welche Anliegen Geld, Gesetze und administrative Aufmerksamkeit erhalten. Eine Regierung kann Frauen angehören, während die einflussreichsten Aufgaben weiterhin anderen übertragen werden.

Das föderale System der Schweiz macht die Lage vielschichtiger. Die Macht verteilt sich auf den Bundesrat, das Parlament, die Kantonsregierungen und die kommunalen Behörden. Das Quellenmaterial enthält für den diesjährigen Index keine Aufschlüsselung nach Kantonen. Deshalb lässt sich anhand des nationalen Rankings nicht feststellen, welcher Kanton Fortschritte erzielt oder Rückschritte gemacht hat. Es zeigt jedoch, dass sich die Gesamtposition der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern verschlechtert hat.

Die politischen Institutionen des Landes werden sich der Frage stellen müssen, ob Frauen Zugang zu den obersten Entscheidungsgremien erhalten und ob diese Positionen mit echter Entscheidungsmacht verbunden sind. Das jüngste Ranking vergleicht Länder miteinander, nicht einzelne Wahlen. Sein Rückgang weist auf ein Muster hin, das sich nicht mit einer einzelnen Abstimmung oder einer einzelnen Regierung erklären lässt.

Schweizer Arbeitsplätze tun sich schwer, die Spitzenpositionen zu teilen

Weniger als 20 % der Geschäftsführenden sind Frauen, wie aus den vom Weltwirtschaftsforum angeführten Zahlen hervorgeht. Diese Statistik erklärt mit, weshalb die wirtschaftliche Teilhabe in der Debatte über die Geschlechterkluft zentral bleibt, selbst in einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt.

Die Vertretung in Führungspositionen ist nur eine Kennzahl. Sie zeigt aber, wer an den Punkt gelangt, an dem wichtige Personal-, Investitions- und Arbeitsplatzentscheidungen getroffen werden. Wenn Frauen in den obersten Führungsebenen weiterhin selten sind, können sich die Aufstiegschancen auch weiter unten in der Organisation verengen, insbesondere in Branchen, die direkt in die Unternehmensführung führen. Die Quelle nennt weder Schweizer Branchen noch Unternehmen, die für den Rückgang verantwortlich sind. Deshalb sollte das nationale Ranking nicht auf eine Liste von Unternehmen reduziert werden, denen Fehlverhalten vorgeworfen wird.

Der Index hebt auch den Zusammenhang zwischen Beschäftigung und Einfluss hervor. Ein starker Arbeitsmarkt kann mit einem ungleichen Zugang zu Führungspositionen, Lohn und strategischer Entscheidungsmacht einhergehen. Das Ergebnis der Schweiz wirft die Frage auf, ob bestehende Praktiken am Arbeitsplatz genügend Frauen in die höchsten Führungsebenen befördern und ob Arbeitgeber sich rasch genug auf veränderte Familien- und Karriereverläufe einstellen.

Das Ranking liefert keine Diagnose für jeden Schweizer Arbeitsplatz. Es gibt jedoch ein vergleichbares Signal: Andere Länder schliessen die Lücken schneller. Für Schweizer Unternehmen entsteht der Druck sowohl durch Erwartungen im Inland als auch durch den internationalen Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte und Führungskräfte.

In der KI-Entwicklung bleibt die Geschlechterkluft sichtbar

Weniger als eine von fünf Personen, die im Bereich künstliche Intelligenz als Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten, ist eine Frau. Damit gehört die Technologie zu den deutlichsten Problemfeldern der neuen Bewertung. Künstliche Intelligenz ist eine der wichtigsten Kräfte, die Arbeit, Forschung und öffentliche Politik prägen. Wer diese Systeme entwickelt, beeinflusst die verwendeten Daten, die erkannten Risiken und die Probleme, die gelöst werden sollen.

Fehlen Frauen in der Belegschaft, kann dies die Vielfalt der Erfahrungen einschränken, die in technische Entscheidungen einfliessen. Die WEF-Zahl bezieht sich auf die ganze Welt, und die Quelle enthält keinen separaten Schweizer Prozentsatz. Sie zeigt daher nicht, wie Schweizer Hochschulen, Technologieunternehmen oder öffentliche Forschungsinstitutionen im Vergleich zum internationalen Durchschnitt abschneiden. Sie macht jedoch deutlich, weshalb Gleichstellung zunehmend mit technologischer Wettbewerbsfähigkeit verbunden ist.

Der Mangel beginnt bereits lange vor dem Einstieg in eine Führungsposition. Der Zugang zum Ingenieurwesen wird schon durch Ausbildung, Anstellung, Mentoring und den Zugang zu anspruchsvollen Projekten geprägt. Wenn Unternehmen später Geschäftsführende ernennen, haben sich im Verlauf vieler Karrieren bereits zahlreiche Ungleichheiten angesammelt.

Die Schweiz verfügt über starke Hochschulen, Forschungsinstitutionen und Technologieunternehmen. Das Ranking macht die Frage des Zugangs dringlicher: Wer steigt in diese Bereiche ein, wer bleibt dort, und wer darf die nächste Generation digitaler Systeme gestalten? Die veröffentlichten Zahlen weisen auf die Lücke hin. Sie erklären jedoch noch nicht, mit welcher Massnahme sie sich am schnellsten schliessen liesse.

Die Schweiz muss ihren Kurs rascher korrigieren

Die globale Geschlechterkluft ist beinahe zu 70 % geschlossen, doch der jährliche Fortschritt beträgt nur 0,4 Prozentpunkte. Bei diesem Tempo steht die Schweiz nicht nur vor einer Frage der Fairness, sondern auch vor einer langfristigen Herausforderung für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Länder, die den Zugang zu politischer Macht, Führungspositionen und technischen Berufen verbessern, können auf einen breiteren Pool an Talenten und Erfahrungen zurückgreifen.

Der Vergleich mit Island, Finnland und Norwegen verleiht dem Ranking seine politische Brisanz. Diese Länder liegen im Index für 2026 weiterhin vor der Schweiz, während Namibia in die Top fünf aufgestiegen ist. Der Index belegt nicht, dass eine bestimmte Politik für ihr Abschneiden verantwortlich ist, und liefert auch keine detaillierte Empfehlung für die Schweiz. Die Rangliste zeigt jedoch, dass die Ergebnisse eines Landes nicht unveränderlich sind.

Der Rückgang der Schweiz geht zudem mit einer klaren Informationslücke einher. Der veröffentlichte Auszug aus dem Bericht enthält nationale und globale Zahlen, schlüsselt das Schweizer Ergebnis aber nicht nach Kanton, Branche, Einkommen oder Alter auf. Um festzustellen, wo der Rückgang stattgefunden hat und welche Gruppen am stärksten betroffen sind, braucht es detailliertere Daten.

Die unmittelbare Aufgabe für Schweizer Politikerinnen und Politiker, Arbeitgeber und Bildungseinrichtungen besteht darin, die Lage zu messen und anschliessend zu handeln. Die Erfassung des Zugangs von Frauen zu einflussreichen Ministerämtern, Geschäftsleitungspositionen und Tätigkeiten in der KI-Entwicklung würde zeigen, ob sich der Fortschritt breit verteilt oder auf einzelne Bereiche beschränkt. Der nächste Index wird zeigen, ob die Schweiz den Abwärtstrend umgekehrt hat oder die Geschlechterkluft weiter anwachsen liess.