Klima
Was die Schweiz riskiert, wenn sie Copernicus fernbleibt
Der Entscheid des Bundesrats, dem EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus fernzubleiben, könnte den Zugang der Schweiz zu wichtigen Daten über Klima, Gletscher, Dürren und Naturgefahren einschränken. Angesichts zunehmender Risiken durch Extremwetter verdient der Entscheid eine genaue Prüfung.

Die Schweiz wird Copernicus-Daten weiterhin nutzen, hat aber keinen Sitz im Programm, das diese Daten mitgestaltet. Der Bundesrat bestätigte im Juni 2026, dass die Schweiz in den kommenden Jahren keine Mitgliedschaft im Erdbeobachtungsprogramm der Europäischen Union anstreben werde. Der Entscheid fiel trotz parlamentarischer Aufrufe zur Teilnahme und zu einem Zeitpunkt, an dem Dürren, Gletscherschwund, Waldbrände und instabile Hänge höhere Anforderungen an die Umweltüberwachung stellen.
Copernicus bezieht Informationen von rund einem Dutzend Satelliten, die Land, Meere und Atmosphäre nahezu in Echtzeit beobachten. Das Programm erfasst die Trockenheit von Böden und Wäldern, Veränderungen an Gletschern und Küsten, Luftverschmutzung sowie Meerestemperaturen. Diese Messungen unterstützen Behörden, Forschende und Unternehmen in ganz Europa.
Der unmittelbare Zugang der Schweiz zu einem Grossteil der Rohdaten bleibt bestehen. Die strategischen Kosten liegen anderswo. Ohne Mitgliedschaft kann Bern nicht mitentscheiden, welchen Messungen Europa Priorität einräumt oder wie sich die Dienste weiterentwickeln. Das ist für ein Land wichtig, dessen Risiken sich auf steiles Gelände, Alpentäler und stark ausgebaute Infrastruktur konzentrieren. Die Daten können weiterhin auf Schweizer Bildschirmen erscheinen, doch Schweizer Bedürfnisse werden weniger Einfluss darauf haben, was das System als Nächstes misst.
Daten nutzen, Einfluss verlieren
Ein Satellitenüberflug alle fünf Tage ermöglicht der Schweizer Dürreüberwachung einen Überblick, den Bodenteams allein nicht bieten können. Copernicus-Satelliten messen, wie stark Pflanzen unsichtbares Infrarotlicht reflektieren. Dieses Signal kann Stress in Wäldern und in der Vegetation aufzeigen, bevor sich die Farbe der Blätter sichtbar verändert, und Behörden so frühzeitig auf sich verschärfende Trockenheit hinweisen.
Schweizer Behörden nutzen bereits frei zugängliche Copernicus-Daten für die nationale Dürreüberwachung. Dieselben Informationen helfen bei der Beurteilung von Naturgefahren, darunter mögliche Erdrutsche und Bodenbewegungen. In einem Bergland können wiederholte Beobachtungen die Analyse von Gelände unterstützen, das vom Boden aus nur schwer, gefährlich oder teuer dauerhaft zu untersuchen ist.
Das Programm bietet zudem ein gemeinsames europäisches Bild der Umweltveränderungen. Eine Hitzeanomalie im Mittelmeerraum, Rauch von einem französischen Waldbrand oder veränderte Bodenverhältnisse in Nachbarregionen können das Schweizer Wetter, die Luftqualität, den Verkehr und die Notfallplanung beeinflussen. Offene Rohdaten bewahren vorerst einen Grossteil dieses praktischen Nutzens.
Der Zugang hängt jedoch davon ab, welche Daten Copernicus weiterhin erhebt und wie seine Dienste gestaltet werden. Die Schweiz kann auf den bestehenden Datenstrom zugreifen, wird aber die Prioritäten der nächsten Generation für alpine Naturgefahren, Wasserknappheit oder Gletscherbeobachtung nicht mitbestimmen.
Alpinen Risiken einen Sitz am Tisch geben
Die Gletscher und Berghänge der Schweiz brauchen eine stärkere Stimme bei der Gestaltung des europäischen Überwachungssystems. Copernicus-Aufnahmen haben bereits detaillierte Ansichten des Aletschgletschers erfasst, darunter eine dreidimensionale Visualisierung auf Basis einer Sentinel-2-Aufnahme vom 15. Juni 2021. Solche Beobachtungen können den Eisverlust, Veränderungen der Schneedecke und Bewegungen im hochalpinen Gelände dokumentieren.
Eine Mitgliedschaft würde der Schweiz eine Rolle bei der Festlegung von Messmethoden, technischen Standards und künftigen Diensten geben. Schweizer Institutionen könnten sich für Produkte einsetzen, die auf die besondere Geografie des Landes zugeschnitten sind, darunter Gletscherveränderungen, Steinschlag, Erdrutsche und Bodenbewegungen. Diese Bedürfnisse unterscheiden sich von den Prioritäten von Tiefland- oder Küstenstaaten.
Dass die Schweiz keinen Sitz hat, hindert Forschende nicht daran, verfügbare Aufnahmen zu analysieren. Es verringert jedoch die Möglichkeit des Landes, Investitions- und Gestaltungsentscheide zu beeinflussen, bevor diese umgesetzt werden. Eine Sensorkonfiguration, ein Beobachtungsintervall oder ein Datenprodukt, das ohne die Beteiligung alpiner Nutzerinnen und Nutzer ausgewählt wird, kann Lücken hinterlassen, die Forschende später mit nationalen Programmen schliessen müssen.
Für Kantone, die von Hanginstabilität bedroht sind oder von Gletscherwasser abhängen, gehören technische Standards zum Risikomanagement. Die Frage ist, ob die Schweiz diese Standards ausserhalb der Institution, die sie festlegt, mitgestalten kann.
Auch die Aufträge jenseits des Mitgliedsbeitrags zählen
Die geschätzten Mitgliedschaftskosten betragen 48 Millionen Franken pro Jahr, und der Entscheid verschliesst Schweizer Unternehmen und Forschungsinstitutionen zugleich Türen. Der Bundesrat verwies bei seinem Entscheid, Copernicus fernzubleiben, auf budgetäre Einschränkungen. Diese Summe muss vor dem Hintergrund der Rolle des Programms als öffentlicher Datendienst und als Quelle kommerzieller Aufträge beurteilt werden.
Copernicus vergibt regelmässig Ausschreibungen im Zusammenhang mit Satellitentechnik und Anwendungen, die auf Erdbeobachtungsdaten beruhen. Schweizer Unternehmen und Forschungsinstitutionen sind als Nichtmitglieder in der Regel von diesen Wettbewerben ausgeschlossen. Die Auswirkungen gehen über ein einzelnes staatliches Abonnement hinaus. Sie können Möglichkeiten einschränken, Schweizer Instrumente zu erproben, spezialisierte Software zu entwickeln und Dienstleistungen in einer rasch wachsenden Raumfahrt- und Klimawirtschaft anzubieten.
Forschende können weiterhin einen Grossteil der offenen Programmdaten nutzen, wodurch der Zugang für akademische Arbeiten und die öffentliche Überwachung erhalten bleibt. Der Zugang zu Informationen ist jedoch nicht dasselbe wie der Zugang zu Beschaffungsnetzwerken, zur Programmsteuerung und zur langfristigen Industrieplanung. Europäische Konkurrenten können Spezifikationen mitgestalten und sich anschliessend um Aufträge bewerben, die auf diesen Spezifikationen beruhen.
Für die Schweiz mit ihren starken Hochschulen, Ingenieurunternehmen und ihrem Raumfahrtsektor bringt die Nichtmitgliedschaft Opportunitätskosten mit sich, die sich nicht nur in Franken, sondern auch in Projekten und Partnerschaften messen lassen. Das Ausgangsmaterial enthält keine genaue Schätzung der entgangenen Aufträge, benennt aber einen klaren strukturellen Nachteil.
Das Risiko des Fernbleibens messen
Der derzeitige Zugang der Schweiz kann die Folgen des Fernbleibens abmildern, beseitigt aber das politische Risiko nicht. Offene Copernicus-Daten unterstützen heute die Dürreüberwachung und die Analyse von Naturgefahren. Mit seiner Entscheidung vermeidet der Bundesrat somit einen geschätzten jährlichen Beitrag von 48 Millionen Franken und behält gleichzeitig Zugang zu einem Grossteil der Rohdaten des Programms.
Die längerfristige Lage ist weniger sicher. Die Schweiz wird sich nicht an Entscheiden über die künftige Datenerhebung, Messstandards oder die Gestaltung der Dienste beteiligen. Schweizer Forschende und Unternehmen sind zudem von den meisten Copernicus-Ausschreibungen ausgeschlossen. Diese Einschränkungen sind bedeutsam, während Europa seine Reaktion auf klimabedingte Gefahren ausbaut und alpine Verhältnisse für die Wasserbewirtschaftung, die Verkehrssicherheit und den Bevölkerungsschutz wichtiger werden.
Die praktische Bewährungsprobe erfolgt bei den Institutionen, die sich auf diese Beobachtungen stützen. Bund und Kantone müssen verfolgen, ob die bestehenden Produkte den Schweizer Bedürfnissen entsprechen, ob wichtige alpine Messungen weiterhin häufig und präzise genug erfolgen und ob nationale Programme Lücken ausgleichen müssen. Hochschulen und Unternehmen werden ebenfalls beurteilen müssen, ob offene Daten für Innovation ausreichen, wenn der Zugang zu Ausschreibungen fehlt.
Die Schweiz hat sich für geringere unmittelbare Ausgaben und eine weniger enge Beziehung zu Europas grösstem Erdbeobachtungssystem entschieden. Der Entscheid sollte regelmässig im Hinblick auf die Kosten der nationalen Überwachung, verpasste Geschäftsmöglichkeiten und die Informationen überprüft werden, die für den Umgang mit einer sich verändernden alpinen Umwelt nötig sind.