Vermögen
Die Vermögensungleichheit in der Schweiz ist möglicherweise schwieriger zu messen, als offizielle Daten vermuten lassen
Eine neue Analyse legt nahe, dass die offiziellen Schweizer Steuerdaten die Vermögensungleichheit möglicherweise unterschätzen, weil sie einen beträchtlichen Teil des Haushaltsvermögens nicht erfassen. Die Ergebnisse stellen frühere Schlussfolgerungen darüber infrage, wie gleichmässig das Vermögen in der Schweiz verteilt ist, und zeigen Lücken bei der Erfassung privater Vermögen auf.

Rund die Hälfte des privaten Vermögens in der Schweiz fehlt in der eidgenössischen Steuerstatistik. Dieser Befund verändert eine langjährige Debatte darüber, ob sich die ohnehin beträchtliche Vermögenskluft im Land vergrössert hat. Eine neue Analyse des CES ifo zu den Jahren 2003 bis 2022 kommt zum Schluss, dass steuerbasierte Schätzungen den Anstieg der Ungleichheit überzeichnet haben, weil sie wichtige Vermögenswerte der Haushalte ausklammern.
Die Schweiz verfügt über ungewöhnlich detaillierte Vermögensdaten, weil sie jährlich eine persönliche Vermögenssteuer erhebt. Dieser vermeintliche Vorteil hat jedoch wichtige Grenzen. Vorsorgevermögen ist im Allgemeinen steuerbefreit, während Liegenschaften zu Steuerwerten erfasst werden, die deutlich unter ihren Marktpreisen liegen können. Die Differenz wird besonders bedeutsam, wenn die Immobilienpreise schneller steigen als die amtlichen Bewertungen.
Werden diese Lücken berücksichtigt, ergibt sich ein anderes Bild der Vermögensverteilung. Das Vermögen bleibt stark konzentriert: Die durchschnittliche Person im obersten 1 Prozent besitzt rund 500-mal so viel Vermögen wie die durchschnittliche Person in der unteren Hälfte. Die Studie zeichnet keine egalitäre Schweiz. Ihre Schlussfolgerung ist enger gefasst: Die Vermögensunterschiede im Land scheinen im untersuchten Zeitraum nicht deutlich zugenommen zu haben.
Diese Unterscheidung ist für die Steuerpolitik, die Wirtschaftsforschung und die öffentliche Debatte wichtig. Eine Messgrösse kann die erfassten Vermögenswerte präzise abbilden und dennoch einen grossen Teil des Vermögens auslassen, das die finanzielle Sicherheit von Haushalten prägt.
Die Vorsorge hinter den Steuererklärungen mitzählen
Die berufliche Vorsorge macht ungefähr ein Viertel bis ein Drittel des persönlichen Vermögens aus. In den Schweizer Steuerdaten bleibt dieses Vermögen grösstenteils unberücksichtigt, obwohl die zweite Säule ein zentraler Bestandteil der Haushaltsfinanzen und der Vorsorgeplanung ist.
Die Forschenden schätzen das Vorsorgevermögen anhand von Vorsorgestatistiken, beobachteten Rentenzahlungen, Alter, Erwerbseinkommen und den gesetzlichen Beitragsregeln. So wird ein grosser Bestand an aufgeschobenem Haushaltsvermögen in die Berechnung einbezogen. Das verändert auch die Zuordnung des Vermögens nach Altersgruppen und Einkommensklassen, denn Vorsorgeguthaben wachsen während des Erwerbslebens an und sind nicht gleich verteilt wie Aktien, Unternehmensbeteiligungen oder Bankeinlagen.
Das Auslassen dieses Vermögens hat weiterreichende Folgen als eine einzelne fehlende Zeile in der Steuererklärung. Haushalte mit beträchtlichem Guthaben in der beruflichen Vorsorge können ärmer erscheinen, als sie tatsächlich sind. Vergleiche zwischen Mieterinnen und Mietern sowie Wohneigentümerinnen und Wohneigentümern, jüngeren Erwerbstätigen und Pensionierten oder Familien mit mittlerem Einkommen und Gutverdienenden können daher verzerrt sein, wenn sich die Analyse nur auf das steuerbare Vermögen stützt.
Die Korrektur beseitigt die Kluft zwischen Arm und Reich nicht. Sie vermittelt den politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern ein vollständigeres Bild davon, was Schweizer Haushalte besitzen. Dazu gehören auch Vermögenswerte, die zwar gesetzlich von der jährlichen Vermögenssteuer ausgenommen sind, aber dennoch den Lebensstandard, das Renteneinkommen und die Widerstandsfähigkeit bei wirtschaftlichen Schocks beeinflussen.
Die verborgenen Immobilien neu bewerten
Die entscheidende Korrektur des Trends betrifft den Wohnraum. Die Schweizer Steuerbehörden bewerten Liegenschaften üblicherweise zu Steuerwerten, die deutlich unter den Marktpreisen liegen können und nur in grösseren Abständen aktualisiert werden. Während einer langen Phase steigender Immobilienpreise liess diese Verzögerung Haushalte mit mittlerem Vermögen auf dem Papier ärmer erscheinen, als sie es auf dem Wohnungsmarkt tatsächlich waren.
Die Auswirkungen sind unterschiedlich. Haushalte mit mittlerem Vermögen halten mit grösserer Wahrscheinlichkeit einen grossen Teil ihres Vermögens in ihrem Eigenheim. Die vermögendsten Haushalte besitzen tendenziell mehr Finanz- und Unternehmensvermögen, das direkter gemessen wird oder anders auf Marktveränderungen reagiert. Steigen die Immobilienwerte, während die Steuerbewertungen unverändert bleiben, nimmt der gemessene Anteil des Vermögens der reichsten Haushalte rein rechnerisch zu.
Dadurch kann der Eindruck wachsender Ungleichheit entstehen, ohne dass sich die zugrunde liegende Verteilung vergleichbar verändert hat. Die Anpassung der Studie an Marktwerte beeinflusst somit die Richtung der Geschichte und nicht nur deren Ausmass.
Das Thema ist in einem Land besonders relevant, in dem Wohneigentum, Mieten und regionale Immobilienmärkte stark variieren. Die vorliegende Analyse enthält keine Rangliste der Korrekturen nach Kantonen. Sie zeigt jedoch, warum nationale Vermögensstatistiken Bewertungen benötigen, die widerspiegeln, welchen Preis Liegenschaften auf dem Markt tatsächlich erzielen könnten, statt sich auf veraltete Steuerwerte zu stützen.
Den Vermögenszuwachs jenseits der Lohnabrechnungen erfassen
Das reale Vermögen in der Schweiz wuchs von 2003 bis 2022 jährlich um rund 3,75 Prozent. Laut der Studie verteilte sich der Zuwachs vergleichsweise breit über die gesamte Vermögensverteilung, obwohl die Schweiz eine der wohlhabenderen und zugleich ungleicheren Gesellschaften der Welt blieb.
Auch im Verhältnis zum Einkommen gewann das private Vermögen an Bedeutung. Das Verhältnis von Privatvermögen zu Einkommen stieg im selben Zeitraum von 5,6 auf 8,5. Das bedeutet, dass die Haushalte zu Beginn des Untersuchungszeitraums pro Einheit Jahreseinkommen wesentlich weniger Vermögen besassen als später. Diese Veränderung wirft praktische Fragen zu tragbarem Wohnraum, Erbschaften, der finanziellen Sicherheit im Alter und der Steuerbasis auf.
Internationale Vergleiche bieten einen weiteren Anhaltspunkt. Die Forschenden verorten die Vermögenskonzentration in der Schweiz über jener Frankreichs und unter jener der Vereinigten Staaten. Diese Vergleiche hängen von den nationalen Definitionen, Bewertungsmethoden und der Datenqualität ab. Sie sind deshalb als grobe Richtwerte und nicht als exakte Ranglisten zu verstehen.
Die Analyse lenkt auch die Aufmerksamkeit auf das fragmentierte statistische System der Schweiz. Detaillierte Beobachtungen stammen aus Bern. Anschliessend gewichten die Forschenden sie neu, damit sie den nationalen Verteilungen von steuerbarem Einkommen und Vermögen sowie von Alter und Geschlecht entsprechen. Diese Methode verbessert die nationale Abdeckung. Die Autorinnen und Autoren räumen jedoch ein, dass sich die angenommene gemeinsame Verteilung von Einkommen und Vermögen nicht direkt überprüfen lässt.
Bessere Daten für die nächste Steuerdebatte nutzen
Die Schlussfolgerung der Studie betrifft die Messung, nicht das Ende der Ungleichheit. In der Schweiz besteht weiterhin eine tiefe Vermögenskluft. Die durchschnittliche Person im obersten 1 Prozent besitzt rund 500-mal so viel Vermögen wie die durchschnittliche Person in der unteren Hälfte. Diese Kluft bleibt relevant, unabhängig davon, ob sie zwischen 2003 und 2022 grösser geworden ist oder nicht.
Die Ergebnisse stellen infrage, wie öffentliche Institutionen Veränderungen in der Vermögensverteilung beschreiben. Steuerdaten bleiben wertvoll, können jedoch nicht stellvertretend für das gesamte wirtschaftliche Vermögen stehen, wenn Vorsorgeguthaben fehlen und Immobilienwerte den Marktpreisen hinterherhinken. Künftige Bewertungen müssen Steuerdaten mit Vorsorgedaten, Immobilienbewertungen und weiteren Quellen kombinieren und dabei ihre Annahmen offenlegen.
Für Haushalte dürfte das überarbeitete Bild vertraut wirken. Eine Familie mit einem wertvollen Eigenheim und einer grossen beruflichen Vorsorge kann in den Steuerdaten bescheiden vermögend erscheinen, obwohl sie beträchtliche Vermögenswerte besitzt. Eine Mieterin oder ein Mieter mit geringen Ersparnissen in der Vorsorge kann eine ganz andere Vermögensbilanz haben, selbst bei ähnlichem Einkommen. Bessere Messmethoden sollten es erleichtern, solche Unterschiede zu beurteilen.
In der nächsten Debatte in der Schweiz wird es darum gehen, wie Vermögen auf einer vollständigeren Faktenbasis bewertet, besteuert und umverteilt werden soll. Die Analyse des CES ifo liefert eine solidere Ausgangslage: Die Ungleichheit bleibt hoch, das reale Vermögen ist gewachsen, und der scheinbare Anstieg der Vermögenskonzentration verschwindet weitgehend, sobald die fehlenden Vermögenswerte mitgezählt werden.