Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Schweizer Industriegiganten ABB und Novartis richten Investitionen in grossem Umfang auf die USA aus

Schweizer Multinationale investieren beträchtliche Summen in den Vereinigten Staaten. Der CEO von ABB bezeichnet die USA als wichtigsten Wachstumsmarkt, während Novartis mit dem Bau eines neuen biomedizinischen Forschungszentrums für 23 Milliarden Dollar in San Diego begonnen hat.

Schweizer Industriegiganten ABB und Novartis richten Investitionen in grossem Umfang auf die USA aus
AISWI swissinfo.ch

Der wirtschaftliche Kompass der Schweizer Industrieschwergewichte zeigt unmissverständlich nach Westen. In einem abgestimmten Zeichen des Vertrauens verstärken ABB und Novartis beide ihr Engagement in den Vereinigten Staaten und signalisieren damit eine massive Verlagerung von Kapital in Richtung der Dynamik Amerikas. Das ist keine sanfte Kurskorrektur, sondern ein tektonischer Strategiewechsel. ABB bezeichnet die USA als seinen «Wachstumsmarkt mit dem grössten Potenzial», während Novartis in San Diego den Spatenstich für ein gewaltiges Zentrum gesetzt hat. Die Botschaft ist glasklar: Die Zukunft des Schweizer Industriewachstums wird auf amerikanischem Boden gebaut.

Während Europa mit Stagnation ringt, verfolgen Schweizer Multinationale den lukrativen und schnelllebigen amerikanischen Markt mit Nachdruck. Der Umfang dieser Schritte, Milliarden an zugesagtem Kapital und Tausende hoch qualifizierte Arbeitsplätze, unterstreicht eine neue Realität: Der Atlantik wird zunehmend zur Brücke für Schweizer Innovation statt zur Barriere. Während sich die geopolitischen Kräfte verschieben, warten diese Konzerne nicht erst auf eine Erlaubnis. Sie schlagen dort ihre Zelte auf, wo die Renditen am höchsten sind.

ABB: Gewinne steigen, Fokus verschiebt sich nach Westen

ABB läuft auf Hochtouren, und der Treibstoff dafür kommt unverkennbar aus Amerika. Der in Zürich ansässige Technologiekonzern schloss das Geschäftsjahr 2025 mit einem beeindruckenden Anstieg des Reingewinns um 20 Prozent auf 4,7 Milliarden Dollar ab. CEO Morten Wierod spricht offen darüber, was diesen Erfolg antreibt: «Dort hat in den letzten Jahren das stärkste Wachstum stattgefunden, und dieser Trend setzt sich fort», sagte er mit Blick auf den US-Markt.

Die Zahlen bestätigen diese Einschätzung. Der Umsatz stieg um 7 Prozent auf 33,2 Milliarden Dollar, und die operative Marge erhöhte sich auf solide 19 Prozent. ABB profitiert damit von der stark wachsenden Nachfrage nach Elektrifizierung und Automatisierung in den USA. Zwar ist das Unternehmen auch in Asien und Europa präsent, doch die strategische Priorität ist klar. Wierod bezeichnete die Region Amerika ausdrücklich als oberste Priorität, während Europa auf dem abgeschlagenen dritten Platz landete. Die Anlegerinnen und Anleger reagierten begeistert und trieben den ABB-Aktienkurs in den vergangenen fünf Jahren um 169 Prozent nach oben. Das zeigt, dass eine auf die USA ausgerichtete Strategie den Schweizer Aktionärinnen und Aktionären Erträge bringt.

Novartis startet eine Innovationsoffensive über 23 Milliarden Dollar

Wenn ABB Amerika elektrifiziert, schreibt Novartis seinen genetischen Code neu. Der Pharmakonzern hat einen atemberaubenden Investitionsplan über 23 Milliarden Dollar für die USA in den kommenden fünf Jahren gestartet. Diese Summe übertrifft die üblichen Investitionen in den Ausbau der Industrie bei Weitem. Kernstück dieses Vorstosses ist ein neues biomedizinisches Forschungszentrum mit einer Fläche von 43 300 Quadratmetern in San Diego, das 2029 eröffnet werden soll. Das ist nicht bloss ein Gebäude, sondern eine Festung der Innovation, in der 1000 Spitzenforscherinnen und -forscher arbeiten werden.

Fiona Marshall, Präsidentin von Novartis Biomedical Research, sagt, die Einrichtung werde «die Entdeckung neuer Medikamente für Patientinnen und Patienten auf der ganzen Welt beschleunigen». Durch den Einsatz fortschrittlicher künstlicher Intelligenz in allen Phasen der Forschung will Novartis Behandlungen in den Bereichen Neurowissenschaften, Onkologie und regenerative Medizin revolutionieren. Der Schritt erfolgt nach starkem Druck von US-Regierungen, die Produktion ins Land zu verlagern. Novartis hat jedoch aus einer politischen Notwendigkeit einen strategischen Vorteil gemacht und sich fest im kalifornischen Biotechnologie-Ökosystem verankert.

Europa stagniert, während Amerika an Fahrt gewinnt

Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Während Milliarden in die US-Infrastruktur fliessen, wird Europa auf den Erhalt des Bestehenden zurückgestuft. ABB-CEO Wierod äusserte sich schonungslos und erklärte, in Europa gehe es lediglich darum, «die Effizienz bestehender Werke zu verbessern». Pläne für neue Fabriken im grossen Massstab gebe es überhaupt nicht. Der «alte Kontinent» gilt als wenig dynamisch und ist in langsamem Wachstum und geopolitischer Trägheit gefangen.

Diese Entwicklung wirft eine entscheidende Frage für die Schweizer Wirtschaft auf. Schweizer Unternehmen sind zwar weltweit erfolgreich, doch ihre Präsenz im Inland und in Europa stagniert. Dynamisches Wachstum, neue Arbeitsplätze und modernste Anlagen werden zunehmend nach Texas, Kalifornien und North Carolina verlagert. Während Schweizer Industriegiganten in einer volatilen Welt ihre Lieferketten neu bewerten, bieten die Vereinigten Staaten einen sicheren Hafen mit hohem Wachstum, den Europa derzeit nicht bieten kann. Vorerst ist das Urteil aus den Verwaltungsräten eindeutig: In Amerika spielt die Musik.