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Swiss Observer

Schweizer Wahlumfrage signalisiert stärkere Rechte und zunehmende Polarisierung

Die Schweizerische Volkspartei steuert gemäss einer neuen Wahlumfrage auf ihr bestes prognostiziertes Ergebnis seit 2015 zu, während die politische Mitte an Boden verliert. Die Ergebnisse deuten auf eine zunehmende Polarisierung vor den eidgenössischen Wahlen 2027 hin.

Schweizer Wahlumfrage signalisiert stärkere Rechte und zunehmende Polarisierung
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizerische Volkspartei kommt in der Umfrage auf 29,9 Prozent. Damit würde die stärkste nationale Partei der Schweiz einen neuen Höchstwert erreichen. Die Zahl stammt aus dem Wahlbarometer von Sotomo, das von der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft in Auftrag gegeben und am 16. Oktober 2026 veröffentlicht wurde, gut ein Jahr bevor die Stimmberechtigten am 24. Oktober 2027 eine neue Bundesversammlung wählen.

Das Ergebnis würde den bisherigen Rekord der Partei im Nationalrat von 29,4 Prozent übertreffen, den sie 2015 erzielt hatte. Es entspricht zudem einem Zuwachs von 2 Prozentpunkten seit den eidgenössischen Wahlen 2023 und ist damit der grösste Zuwachs unter den in der Umfrage aufgeführten Parteien. Der SVP-Präsident Marcel Dettling geht somit mit einer stärkeren Wählerbasis und einem klaren Vorsprung vor allen Konkurrenten in den nächsten Wahlkampf.

Die Umfrage deutet auf ein stärker gespaltenes Parteiensystem hin. Die Sozialdemokraten und die Grünen legen links moderat zu, während die FDP.Die Liberalen und Die Mitte an Unterstützung verlieren. Die Parteien der Mitte-rechts bleiben für die Mehrheitsverhältnisse in der Schweizer Politik unverzichtbar, kommen zusammen aber nur noch auf prognostizierte 26 Prozent, vier Prozentpunkte weniger als die SVP allein.

Die Zahlen sagen das endgültige Ergebnis nicht voraus. Sie zeigen jedoch, wo der Wahlkampf beginnt: mit einer gefestigten Position der Rechten, einer teilweisen Erholung der Linken und einer unter Druck stehenden politischen Mitte.

Mitte-rechts verliert an Boden

Die beiden Mitte-rechts-Parteien kämen zusammen auf 26 Prozent, die SVP allein auf 29,9 Prozent. Diese Rechnung zeigt das Ausmass der von Sotomo festgestellten Verschiebung.

Die FDP.Die Liberalen liegen bei 13,3 Prozent, ein Prozentpunkt weniger als 2023. Laut Sotomo wäre dies das schwächste Ergebnis der Partei bei Nationalratswahlen. Im Vergleich zu einer ähnlichen Umfrage von 2025 konnte die Partei zwar leicht an der Mitte vorbeiziehen, doch diese kurzfristige Verbesserung hat ihren längerfristigen Abwärtstrend nicht umgekehrt.

Die Mitte kommt in der Prognose auf 12,6 Prozent, 1,5 Prozentpunkte weniger als bei den letzten eidgenössischen Wahlen. Die traditionellen konservativen Parteien der Schweiz spielen seit Langem eine zentrale Rolle beim Koalitionsaufbau und in der konsensorientierten politischen Kultur des Landes. Ihr gemeinsamer Rückgang verschafft der SVP mehr Spielraum, die nationale Debatte zu prägen, auch wenn sie weiterhin Partner braucht, um Gesetze zu verabschieden und parlamentarische Mehrheiten zu bilden.

Die Verschiebung erschwert auch das vertraute Gleichgewicht im Bundesrat. Eine stärkere SVP kann bei Migration, Souveränität und Lebenshaltungskosten stärker Druck machen, während die geschwächte Mitte entscheiden muss, ob sie bei diesen Themen konkurrieren oder ihr gemässigtes Profil verteidigen will. Die Umfrage garantiert keine Sitze, denn das Schweizer Verhältniswahlsystem führt in den Kantonen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Sie zeigt jedoch eine klare nationale Tendenz.

Die Linke findet Ansatzpunkte

Die Sozialdemokraten kommen in der Prognose auf 19,3 Prozent. Hält die Umfrage stand, wäre dies ihr bestes Ergebnis seit 2007. Die Partei hat seit 2023 einen Prozentpunkt zugelegt. Zusammen mit einem leichten Plus bei den Grünen stärkt dies die Linke insgesamt um 1,5 Prozentpunkte.

Das Ergebnis verschafft den Sozialdemokraten eine stärkere Ausgangslage bei Themen, die über traditionelle ideologische Gräben hinausreichen. Die Krankenkassenprämien sind für die Stimmberechtigten das dringendste Anliegen. 39 Prozent der Befragten nennen sie. Die Haushaltsbudgets sind zu einem zentralen politischen Prüfstein geworden, in einem Land, in dem die obligatorischen Krankenkassenprämien die monatlichen Ausgaben von Familien und Pensionierten weiterhin stark beeinflussen.

Der Klimawandel folgt mit 36 Prozent, ein Anstieg um neun Prozentpunkte innerhalb eines Jahres. Sotomo führte den Anstieg auf den von Hitzewellen geprägten Sommer 2026 zurück. Damit rückt ein Thema, das mit dem grünen Aufschwung von 2019 verbunden ist, wieder in die Wahlkampfdebatte, auch wenn die Umfrage keine Wiederholung dieses Durchbruchs erkennen lässt.

Die Grünen haben nur geringfügig zugelegt, während die Grünliberalen an Unterstützung verloren haben. Ihre schwächere Entwicklung bei den Wahlen trotz der zunehmenden Besorgnis über den Klimawandel zeigt die Grenzen der thematischen Zuschreibung. Die Stimmberechtigten können der Klimapolitik hohe Priorität einräumen, ohne automatisch jene Parteien zu unterstützen, die am stärksten mit ihr verbunden sind. Die Sozialdemokraten könnten davon profitieren, wenn sie Umweltpolitik mit Prämien, Mieten und Kaufkraft verknüpfen. Die Grünen stehen unter Druck, die Besorgnis in Stimmen umzuwandeln.

Der Klimawandel kehrt auf die Agenda zurück

Sechs von zehn Befragten, also 65 Prozent, sagen, die Politikerinnen und Politiker hätten nicht genug getan, um die Folgen des Klimawandels einzudämmen. Diese weitverbreitete Unzufriedenheit besteht neben einer gespaltenen Wählerschaft. Wie dringlich das Thema wahrgenommen wird und wie neue Massnahmen unterstützt werden, unterscheidet sich je nach Parteiausrichtung stark.

Der Befund verleiht Umweltthemen nach einer Zeit, in der Migration und andere Anliegen die nationale Agenda dominierten, wieder mehr politisches Gewicht. Zugleich macht er die Kluft zwischen der Besorgnis in der Bevölkerung und der Leistung der Parteien sichtbar. Die Grünen haben sich nur geringfügig erholt, und die Grünliberalen haben trotz der zunehmenden Klimabesorgnis an Unterstützung verloren.

Sotomo bezeichnete die Lage der ökologischen Parteien als «positiver, als es auf den ersten Blick scheint». Das Institut erklärte, beide hätten es «dank ihrem Umweltimage zumindest geschafft, sich aus dem Tief herauszuarbeiten». Diese vorsichtigen Zugewinne lassen die Parteien jedoch weiterhin weit hinter der Stärke zurück, die sie während der grünen Welle von 2019 erreichten.

Michael Hermann, Direktor von Sotomo, sagte, der Klimawandel schien «in den letzten Jahren aus der Mode gekommen zu sein». Der von Hitzewellen geprägte Sommer hat die Bedeutung des Themas verändert. Die Umfrage legt jedoch nahe, dass die Stimmberechtigten es zusammen mit dem unmittelbaren finanziellen Druck abwägen. Parteien, die Klimamassnahmen mit Versicherungskosten, Energierechnungen und Widerstandsfähigkeit verknüpfen, könnten den klarsten Weg von der Besorgnis zur Unterstützung finden.

Die Konturen des Wahlkampfs zeichnen sich ab

Die Wahlen vom 24. Oktober 2027 liegen noch mehr als ein Jahr entfernt, doch die ersten Zahlen zeichnen bereits die wichtigsten Linien des Wahlkampfs vor. Die SVP erreicht ihr bisher bestes prognostiziertes Ergebnis, die Sozialdemokraten erholen sich, und die Mitte-rechts verliert auf beiden Seiten an Boden.

Über den Ausgang der Schweizer Wahlen wird letztlich von Kanton zu Kanton entschieden. Die Stimmberechtigten wählen den Nationalrat nach dem Verhältniswahlsystem. Die Sitzverteilung hängt von lokalen Wahlkämpfen, Listen und der Stimmbeteiligung ab. Eine nationale Umfrage kann nicht jede regionale Abweichung erfassen und auch nicht vorhersagen, wie sich taktische Bündnisse auf die endgültige Sitzverteilung auswirken.

Sie kann zeigen, welche Parteien Aufwind haben. Die SVP hat seit 2023 zwei Prozentpunkte gewonnen. Die Sozialdemokraten haben einen Prozentpunkt zugelegt. Die Mitte und die FDP.Die Liberalen haben 1,5 beziehungsweise einen Prozentpunkt verloren. Diese Verschiebungen stellen die politische Mitte vor eine strategische Entscheidung, bevor sich der Wahlkampf zuspitzt: Soll sie ihre etablierte Rolle als Kraft des Konsenses verteidigen oder direkter auf jene Themen reagieren, die die Stimmberechtigten zu den politischen Polen treiben?

Für die Wählerschaft sind die Prioritäten konkret. Die Krankenkassenprämien stehen mit 39 Prozent an erster Stelle, gefolgt vom Klimawandel mit 36 Prozent. Die Migration ist in der Liste nach unten gerutscht. Das kommende Jahr wird zeigen, ob die Parteispitzen diese Anliegen in glaubwürdige Programme umsetzen können und ob die Mitte genug Boden halten kann, um in Bern entscheidend zu bleiben.