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Swiss Observer

Die Sorge ums Klima schwindet in der Schweiz trotz Rekordzahl an «Tropennächten» und Hitzewarnungen

Eine neue Umfrage zeigt einen überraschenden Trend: Während die Schweiz eine schwere Hitzewelle erlebt und in Locarno Rekorde bei den «Tropennächten» gebrochen werden, nimmt die Sorge der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten um die Klimakrise ab. Dies geschieht, während Kantone wie Waadt und Genf ihre Notfallpläne für Hitzewellen wieder in Kraft setzen.

Die Sorge ums Klima schwindet in der Schweiz trotz Rekordzahl an «Tropennächten» und Hitzewarnungen
AISWI swissinfo.ch

Locarno-Monti hat alle bisherigen Klimarekorde gebrochen und in diesem Sommer bisher sage und schreibe 47 «Tropennächte» erlebt. Diese beispiellose Serie, in der die Temperaturen nicht unter 20 °C sinken, übertrifft die berüchtigte Hitzewelle von 2003, die einst den Schweizer Extremfall definierte. In Lugano ist die Lage kaum weniger prekär: Dort wurden 44 Nächte mit drückender Hitze verzeichnet. Die Meteorologinnen und Meteorologen von MeteoSchweiz beobachten einen radikalen Wandel. Bis in die 1980er-Jahre gab es in der Schweiz selten mehr als zehn solcher Nächte pro Jahr. Nun gilt an der Alpensüdseite eine Hitzewarnung der Stufe 4, der höchsten möglichen Warnstufe, während das Thermometer hartnäckig hohe Werte anzeigt. Die Hitze ist nicht nur tagsüber lästig, sondern eine unablässige Gesundheitsgefahr rund um die Uhr, die rasch zur neuen Schweizer Normalität wird. Die Behörden warnen, dass die intensive Hitzeperiode mindestens bis zum 17. August andauern wird. Nennenswerter Regen, der diesen Kreislauf durchbrechen könnte, ist nicht in Sicht. Während der Boden austrocknet und die Nächte heiss bleiben, ist die physische Realität eines sich erwärmenden Planeten noch nie so greifbar gewesen.

Die grosse Diskrepanz: Die Sorge ums Klima schwindet, während die Temperaturen steigen

Erstaunliche 80 % der erwachsenen Bevölkerung in der Schweiz geben mittlerweile an, dass die Klimakrise ihre finanziellen Entscheidungen kaum oder gar nicht beeinflusst. Das zeigt eine aufsehenerregende neue Umfrage von Comparis. Dies entspricht einem starken Anstieg der «Klimamüdigkeit»: Vor gerade einmal drei Jahren lag der Anteil noch bei 66 %. Trotz sichtbarer Anzeichen wie schmelzenden Gletschern und rekordverdächtigen Hitzewellen sagen volle 34 % der Bevölkerung heute, dass Umweltbedenken sie «überhaupt nicht» beeinflussen. Damit hat sich der Anteil gegenüber den 20 % von 2019 beinahe verdoppelt. Dieser psychologische Wandel deutet darauf hin, dass sich ein Land aus der Klimadebatte zurückzieht, gerade während sich die physische Krise verschärft. Fachleute verweisen auf einen «perfekten Sturm» konkurrierender Sorgen: stark steigende Krankenkassenprämien, höhere Mieten und die globale Inflation beanspruchen den mentalen Raum, der einst der Umwelt vorbehalten war. Das Gefühl individueller Ohnmacht verfestigt sich zu kollektiver Gleichgültigkeit und schafft eine gefährliche Kluft zwischen der Dringlichkeit, die die Wissenschaft sieht, und dem Willen der Bevölkerung. Während die Temperaturen steigen, scheint der ökologische Verantwortungsgeist der Schweiz alarmierend abzukühlen.

Wohlhabende Haushalte geben bei der Umweltgleichgültigkeit den Ton an

Entgegen der gängigen Annahme sind die Gutverdienenden in der Schweiz am ehesten bereit, die Klimakrise zu ignorieren. Bei Haushalten mit einem Bruttomonatseinkommen von mehr als 8'000 CHF geben ganze 84 % an, dass die Klimadebatte ihren Geldbeutel nicht berührt. Bei Haushalten mit tieferem Einkommen von weniger als 4'000 CHF ist das Interesse etwas grösser: 75 % berichten, dass die Klimadebatte sie kaum beeinflusst. Die Daten legen nahe, dass finanzielle Abschirmung zu einer Entfremdung von Umweltthemen führen könnte. Obwohl Menschen mit den meisten Ressourcen am besten in der Lage wären, mit nachhaltigen Investitionen und ethischem Konsum im Hochpreissegment die grüne Transformation voranzutreiben, entscheiden sie sich stattdessen dafür, weiterzumachen wie bisher. Es gibt jedoch einen Lichtblick: Kinder zu haben, bleibt ein starker Motivationsfaktor. 74 % der Befragten mit Kindern spüren weiterhin, dass die Klimadebatte ihre Entscheidungen beeinflusst, gegenüber nur 62 % der Kinderlosen. Diese Kluft zwischen den Generationen könnte der letzte Anker für eine klimabewusste Politik in einer Gesellschaft sein, die sich zunehmend auf das unmittelbare wirtschaftliche Überleben und den persönlichen Komfort konzentriert.

Absichten und Wirklichkeit: Das Paradox des Schweizer Konsums

Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten sind Meisterinnen und Meister der «grünen Lüge»: Sie bekunden umweltfreundliche Absichten, die durch harte Fakten klar widerlegt werden. Während 40 % der Befragten angeben, ihren Fleischkonsum reduziert zu haben, zeigen offizielle Zahlen des Bundesamts für Landwirtschaft ein anderes Bild: Der Fleischkonsum stieg 2025 tatsächlich auf 51 kg pro Kopf, gegenüber 48 kg im Jahr 2023. Dieselbe Heuchelei zeigt sich beim Fliegen. Trotz der weitverbreiteten Rede von «Flugscham» verzeichnete der Flughafen Zürich kürzlich mit 23,2 Millionen Passagieren einen Rekord und übertraf damit sogar die Werte vor der Pandemie. Auch der Eierkonsum erreichte einen historischen Höchststand: Erstmals lag er bei mehr als 200 Stück pro Person. «Viele Schweizerinnen und Schweizer sagen, sie wären bereit, weniger zu konsumieren, doch die Fakten erzählen eine andere Geschichte», warnt der Finanzexperte Michael Kuhn. Diese Kluft zwischen Selbstbild und tatsächlichem Verhalten zeigt: Die Schweizerinnen und Schweizer pflegen zwar gern das Bild, umweltbewusst zu sein, sind aber nicht bereit, auf den Komfort eines Lebensstils mit hohem Konsum zu verzichten. So spricht ein Land grün, hinterlässt aber einen CO₂-intensiven Fussabdruck.

Notfallmassnahmen treffen auf wachsende Müdigkeit in der Bevölkerung

Während die Bevölkerung wegzuhören scheint, muss der Staat umso genauer hinhören: Genf und die Waadt setzen ihre Notfallpläne für Hitzewellen wieder in Kraft, um gefährdete Menschen zu schützen. Die Behörden nehmen die Warnungen der Stufen 3 und 4 ernst und bieten älteren Menschen kostenlosen Zugang zu Kinos und Schwimmbädern, um einen Anstieg hitzebedingter Todesfälle zu verhindern. Bei früheren Aktivierungen der Pläne in diesem Sommer haben bereits mehr als 7'000 Menschen in klimatisierten Kinos Schutz gesucht. Dennoch ist eine spürbare «Klimamüdigkeit» festzustellen, die diese lebensrettenden Massnahmen gefährdet. Wenn die Bevölkerung den Ernst dieser Hitzewellen weiterhin unterschätzt, könnten die gesundheitlichen Folgen katastrophal sein. Das wiederholte Auftreten extremer Wetterereignisse führt paradoxerweise dazu, dass die Gefahr als normal wahrgenommen wird, statt zum Handeln anzuspornen. Die Schweiz steht nun an einem entscheidenden Punkt: Wie lässt sich die Wachsamkeit der Bevölkerung aufrechterhalten und ein systemischer Wandel vorantreiben, wenn die Menschen zunehmend schon das Wort «Klima» leid sind? Die Zukunft der Schweizer Klimapolitik hängt davon ab, diese Kluft zu überbrücken, bevor die nächste Rekordhitzewelle unbemerkt zur tödlichen Gefahr wird.