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Swiss Observer

Schulprobleme führen Schweizer Kinder immer häufiger zum Arzt

Schweizer Kinderärztinnen und Kinderärzte behandeln zunehmend Kinder, deren Schwierigkeiten mit der Schule zusammenhängen, wie eine neue Umfrage zeigt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der schulische Druck das Gesundheitssystem immer stärker belasten könnte.

Schulprobleme führen Schweizer Kinder immer häufiger zum Arzt
AILe News

44% der Schweizer Kinderärztinnen und Kinderärzte begegnen mindestens einmal täglich schulbezogenen Problemen, wie eine neue Umfrage unter praktizierenden Ärztinnen und Ärzten des Landes zeigt. Damit rücken Klassenzimmer, Pausenplätze und die Beziehungen zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern deutlich in den Fokus des Gesundheitswesens.

Für die von der Stiftung Mercator Schweiz in Auftrag gegebene Studie von gfs.bern wurden 469 Kinderärztinnen und Kinderärzte befragt und 17 Interviews mit Fachleuten aus Bildung, Psychologie und Medizin geführt. Unter den Ärztinnen und Ärzten, die schulbezogene Schwierigkeiten behandeln, gaben 89% an, dass solche Fälle im Laufe ihrer Berufstätigkeit häufiger geworden sind.

Kinder kommen mit Symptomen in die Praxis, die zunächst medizinisch wirken können. Jüngere Schülerinnen und Schüler klagen oft über Bauchschmerzen, zeigen auffälliges Verhalten oder haben Mühe, sich zu konzentrieren. In der Oberstufe sind die gemeldeten Schwierigkeiten schwerwiegender und stehen häufiger mit der psychischen Gesundheit in Zusammenhang. Bei Schülerinnen und Schülern der siebten bis neunten Klasse beobachten Ärztinnen und Ärzte häufig depressive Verstimmungen, Essstörungen, Selbstverletzungen und Suizidgedanken, die mit Schulproblemen zusammenhängen.

Die Umfrage belegt nicht, dass die Schule Krankheiten unmittelbar verursacht. Sie beschreibt einen Zusammenhang, der von den Kindern, den schulischen Anforderungen, Gleichaltrigen, Lehrpersonen, den familiären Umständen und dem weiteren sozialen Druck geprägt ist. Die Schule kann auch Struktur, Schutz und Zugehörigkeit bieten. Die steigende Zahl der Konsultationen zeigt, wie schnell Belastungen in diesem Umfeld in einer Arztpraxis sichtbar werden können.

Belastungen in der Oberstufe nehmen ernste Formen an

Bei Schülerinnen und Schülern der siebten bis neunten Klasse begegnen 75% der Kinderärztinnen und Kinderärzte häufig depressiven Verstimmungen, die mit Schulproblemen zusammenhängen. Dieselben Ärztinnen und Ärzte berichten in 58% der Fälle von Essstörungen, in 54% von Selbstverletzungen und in 51% von Suizidgedanken.

Diese Zahlen geben die Erfahrungen von Kinderärztinnen und Kinderärzten wieder, die betroffene Schülerinnen und Schüler behandeln. Sie zeigen nicht, welcher Anteil aller Schweizer Kinder diese Symptome aufweist. Dieser Unterschied ist bei der Interpretation der Umfrage wichtig, zumal die Zahlen eine Gruppe betreffen, die bereits im Gesundheitswesen auffällt.

Mit dem Alter verändert sich, wie sich psychische Belastungen zeigen. Primarschulkinder berichten möglicherweise von körperlichen Schmerzen oder fallen im Unterricht durch ihr Verhalten auf. Erwachsene müssen dann einordnen, was hinter diesem Verhalten steckt. Ältere Schülerinnen und Schüler ziehen sich womöglich zurück, verlieren das Interesse an Schularbeiten, schränken ihre Nahrungsaufnahme ein oder verletzen sich selbst. Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme sind in allen Altersgruppen häufig.

Die Ärztinnen und Ärzte nennen zudem mehrere wiederkehrende Belastungen. Mobbing und soziale Ausgrenzung können Kinder von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern isolieren. Schulaufgaben, die nicht dem Entwicklungsstand eines Kindes entsprechen, können wiederholt zu Frustration führen. Leistungsdruck, Noten und Selektionsentscheide sorgen für zusätzliche Belastung, während soziale Medien auch ausserhalb der Schulzeit mehr Möglichkeiten für Vergleiche schaffen.

Die Ergebnisse der Studie sind für Fachpersonen ein Warnsignal: Bei einer Konsultation können gleichzeitig ein Bildungsproblem, ein soziales Problem und ein Gesundheitsproblem zur Sprache kommen.

Beziehungen zu Lehrpersonen stärken

70% der Kinderärztinnen und Kinderärzte vermuten bei Kindern mit Schulproblemen häufig eine belastete Beziehung zwischen Lehrperson und Schülerin oder Schüler. Weitere 60% verweisen auf häufige Lehrpersonenwechsel. Kontinuität ist damit eines der deutlichsten Themen der Umfrage.

Eine Vertrauensperson kann einem Kind helfen, mit schulischen Anforderungen, Freundschaften und Rückschlägen umzugehen. Wiederholte Wechsel können den Aufbau einer solchen Unterstützung erschweren, insbesondere bei jüngeren Schülerinnen und Schülern sowie bei Kindern, die bereits Hilfe bei Sprache, Aufmerksamkeit oder der Regulierung ihrer Gefühle benötigen. Die Studie zeigt Beziehungen als Teil des schulischen Umfelds, die Kinder entweder schützen oder ihre Schwierigkeiten verstärken können.

Kinderärztinnen und Kinderärzte nennen auch ein Missverhältnis zwischen dem Schwierigkeitsgrad der Schularbeiten und den Fähigkeiten des Kindes sowie Mobbing und Ausgrenzung. Diese Ursachen treten selten isoliert auf. Eine Schülerin oder ein Schüler, die oder der den Anschluss verliert, kann sich schämen, in Konflikte mit Mitschülerinnen und Mitschülern geraten und eine zunehmend schwierige Beziehung zur Lehrperson entwickeln. Wenn sich ein Kind unsicher fühlt, kann ihm die Konzentration immer schwerer fallen.

Der Bericht sieht beim Leistungs- und Selektionsdruck vielversprechende Ansatzpunkte für Massnahmen. Eine spätere Benotung und eine spätere Selektion für weiterführende Bildungswege könnten die Folgen früher Schwierigkeiten verringern. Unterricht, der von Anfang an unterschiedliche Entwicklungsstände berücksichtigt, könnte verhindern, dass manche Schülerinnen und Schüler erst eine Diagnose benötigen, bevor sie Unterstützung erhalten.

Die Empfehlungen richten sich auf den Schulalltag: stabile Bezugspersonen, anpassungsfähiger Unterricht und genügend Zeit, um zu erkennen, wenn das Verhalten eines Kindes auf eine Belastung hindeutet.

Unterstützung vor einer Diagnose vernetzen

Fast eine von drei Kinderärztinnen oder Kinderärzten hat erlebt, dass Entwicklungsprobleme vor dem Schuleintritt erkannt, anschliessend aber zu wenig berücksichtigt wurden. Dadurch können Kinder mit bekannten Bedürfnissen ins Klassenzimmer kommen, ohne dass diese bei Unterricht und Unterstützungsangeboten ausreichend einbezogen werden.

In der Schweiz gibt es bereits Angebote, die helfen könnten. Kinderarztpraxen, heilpädagogische Frühförderung und Elternberatung tragen dazu bei, Schwierigkeiten zu erkennen und Familien zu unterstützen. Laut Studie sind diese Angebote oft schlecht miteinander vernetzt. Eine Zusammenarbeit beginnt möglicherweise erst, nachdem die Schwierigkeiten eines Kindes so schwerwiegend geworden sind, dass eine medizinische Konsultation nötig wird.

Der Bericht empfiehlt niederschwellige pädagogische Unterstützung, bevor eine formelle Diagnose gestellt wird. So könnten Lehrpersonen und Familien praktische Hilfe erhalten, während Abklärungen noch laufen. Das könnte auch den Druck verringern, eine medizinische Diagnose zu erhalten, wenn es zunächst um Anpassungen im Klassenzimmer, Beziehungen oder Lernbedingungen geht.

Die Studie schlägt eine stärkere Vernetzung von Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen, Psychiaterinnen und Psychiatern, Schulen und weiteren Fachpersonen vor. Als eine mögliche Massnahme wird das dauerhafte Teamteaching durch zwei qualifizierte Fachpersonen genannt. Es könnte Schülerinnen und Schülern Kontinuität bieten und die Belastung einzelner Lehrpersonen verringern.

Koordination allein kann das Problem nicht lösen. Fachpersonen aus Gesundheitswesen und Bildung benötigen Zeit, Personal und finanzielle Mittel, um Informationen auszutauschen und frühzeitig zu reagieren. Fehlen diese Ressourcen, könnten zwar mehr Überweisungen erfolgen, während die zugrunde liegenden Bedingungen unverändert bleiben.

Hilfe aufbauen, bevor eine Krise entsteht

Die deutlichste politische Botschaft der Umfrage lautet, die Unterstützung für Kinder zu stärken, bevor Probleme einen Krisenpunkt erreichen. Kinderärztinnen und Kinderärzte sagen, manche schulischen Schwierigkeiten liessen sich mit pädagogischen Massnahmen wirksamer verhindern als mit medizinischer Behandlung. Das Ergebnis bietet den kantonalen Bildungsbehörden, Gemeinden und Gesundheitsdiensten einen konkreten Ansatzpunkt.

Die Schweizer Schulen sind Teil eines Systems, in dem die Kantone eine wichtige Rolle im Bildungswesen spielen, während die Gesundheitsversorgung mehrere staatliche Ebenen und unabhängige Fachpersonen umfasst. Deshalb ist Zusammenarbeit entscheidend. Ein Kind bewegt sich möglicherweise zwischen Klassenzimmer, Kinderarztpraxis, psychologischem Dienst und Fachangebot, wobei jede Institution nur einen Teil des Gesamtbilds kennt.

Der Bericht fordert Lernumgebungen, die von Anfang an auf unterschiedliche Voraussetzungen eingehen. Zudem nennt er, wo möglich, eine spätere Benotung und spätere Selektion für weiterführende Bildungswege, stabile Unterrichtsteams und eine bessere Vernetzung von Frühförderung und schulischen Angeboten. Dafür braucht es Entscheide zu Personal, Ausbildung, Stundenplänen und Finanzierung.

Familien werden weiterhin mit dringenden Anliegen zu Ärztinnen und Ärzten kommen, insbesondere wenn sich ein Kind selbst verletzt, Suizidgedanken äussert oder schwere Veränderungen beim Essverhalten und bei der Stimmung zeigt. Kinderärztinnen und Kinderärzte bleiben ein wichtiges Sicherheitsnetz. Die Umfrage zeigt, dass Prävention auch dort ansetzen muss, wo viele Schwierigkeiten zuerst sichtbar werden: in Klassenzimmern, Lehrerzimmern und auf Pausenplätzen sowie in Gesprächen zwischen Lehrpersonen und Familien.

Für Schweizer Kinder könnte frühere pädagogische Unterstützung bedeuten, dass weniger Probleme einen Punkt erreichen, an dem eine medizinische Konsultation der einzige zugängliche Weg zu Hilfe ist.