Verkehr
Stadler testet den weltweit ersten Wasserstoffzug für Schmalspurbahnen
Stadler Rail hat den weltweit ersten Wasserstoffzug für Schmalspurbahnen entwickelt, der für Regionalstrecken auf Sardinien vorgesehen ist. Der Zug wird auf einer eigens dafür eingerichteten Strecke im Kanton Schaffhausen getestet.

Auf einem knapp 4 Kilometer langen Bahnabschnitt in Schaffhausen verkehrt jetzt ein neuer Typ Personenzug. Stadler Rail testet nach eigenen Angaben den weltweit ersten Wasserstoffzug für Schmalspurbahnen. Der erste Einsatz ist auf Sardinien geplant.
Die Teststrecke verläuft zwischen Hemishofen und Ramsen. Dort hat Stadler innerhalb eines bestehenden Normalspurgleises eine dritte Schiene verlegt. So kann das Unternehmen die Spurweite von 950 Millimetern nachbilden, die auf mehreren Regionalnetzen in Süditalien verwendet wird, ohne eine vollständig separate Bahnstrecke bauen zu müssen.
Das Projekt rückt einen Schweizer Industriestandort ins Zentrum eines Verkehrsvorhabens, das Dieselfahrzeuge auf Strecken ersetzen soll, die nicht vollständig elektrifiziert sind. Stadler entwickelt die Fahrzeuge für die sardische Regionalverkehrsgesellschaft ARST. Die Systeme werden in der Schweiz geprüft, bevor die Züge auf ihrem vorgesehenen Netz die abschliessenden Tests durchlaufen.
Die Arbeiten bauen auch auf Stadlers früherem Wasserstoffprojekt auf. Ein für Kalifornien entwickelter FLIRT H2 wurde auf derselben Normalspurstrecke getestet. Daraufhin wurde die Strecke verlängert, damit dort nun auch das Schmalspurprogramm durchgeführt werden kann. Die Anlage in Schaffhausen bietet den Ingenieurinnen und Ingenieuren kontrollierte Bedingungen, um die Züge zu prüfen, bevor sie den regulären Regionalbetrieb aufnehmen.
Züge für Italiens Schmalspurnetze entwickeln
Der Zug ist für eine Spurweite von 950 Millimetern ausgelegt, die in mehreren Regionen Süditaliens verwendet wird. Sie ist schmaler als die Normalspur, die auf dem grössten Teil des Schweizer Hauptbahnnetzes zum Einsatz kommt. Dadurch ist die technische Aufgabe anspruchsvoller.
Regionalstrecken mit dieser Spurweite gibt es in Apulien, Sizilien, im Raum Neapel und auf Sardinien. Stadlers neuer Zug ist für die Bedingungen auf diesen Strecken vorgesehen, deren Infrastruktur, Steigungen und Bahnhofsanlagen sich von jenen unterscheiden, auf denen grössere Intercity-Züge verkehren. Das Unternehmen hat das Fahrzeug für die ARST gebaut, die den Regionalverkehr auf Sardinien betreibt.
Wasserstoffantrieb kann eine Alternative auf Strecken bieten, auf denen eine durchgehende Elektrifizierung schwierig oder kostspielig ist. Der Zug speichert Wasserstoff, der in einem Brennstoffzellensystem zur Stromerzeugung für den Antrieb verwendet wird. Die vorliegenden Angaben enthalten keine technischen Daten wie Reichweite, Kapazität oder Betankungsdauer. Diese Leistungswerte müssen daher noch durch Tests ermittelt werden.
Das Programm umfasst auch Kalabrien und Sizilien. Stadler erwartet, dass die Strecke in Schaffhausen in den nächsten drei Jahren die Inbetriebnahmearbeiten für 21 Fahrzeuge unterstützt. Die Ingenieurinnen und Ingenieure werden die Systeme der Fahrzeuge in der Schweizer Anlage testen und die Züge auf die abschliessenden Versuche auf der italienischen Infrastruktur vorbereiten.
Sardinien auf die abschliessenden Tests vorbereiten
Laut ARST werden die Züge nach einer umfangreichen Testphase in der Schweiz auf Sardinien eintreffen. Carlo Poledrini, Generaldirektor des Unternehmens, bezeichnete die Auslieferung als entscheidenden Schritt. Die abgeschlossenen Tests würden es der ARST ermöglichen, rasch mit den abschliessenden Versuchen auf dem eigenen Netz zu beginnen.
«Die auf Sardinien eintreffenden Züge werden bereits eine umfangreiche Testphase abgeschlossen haben», sagte Poledrini in einer von Stadler zitierten Mitteilung. Er brachte das Projekt mit emissionsfreiem Verkehr und grösserer Energieunabhängigkeit in Verbindung und bezeichnete die Zusammenarbeit mit Stadler als operativen Meilenstein.
Diese Reihenfolge ist für einen Regionalverkehrsbetrieb wichtig. Die Tests in Schaffhausen geben Stadler und der ARST Gelegenheit, technische Probleme zu erkennen, bevor die Züge den Betriebsbedingungen, Fahrplananforderungen und der lokalen Infrastruktur Sardiniens ausgesetzt sind. Vor der Aufnahme des Personenverkehrs sind in Italien weiterhin abschliessende Versuche erforderlich.
Die Klimawirkung des Projekts hängt davon ab, wie der Wasserstoff produziert, transportiert und bereitgestellt wird, ebenso wie von der Zuverlässigkeit der Züge im täglichen Betrieb. Die Quelle nennt weder die Herkunft des Wasserstoffs noch einen Emissionsvergleich mit Diesel. Diese Angaben werden für den praktischen Nutzen der Technologie entscheidend sein, sobald die Flotte den Betrieb aufnimmt.
Schweizer Know-how für Wasserstoffbahnen ausbauen
Mit seinem Wasserstoffprogramm verschafft Stadler der Schweiz eine industrielle Rolle beim umfassenderen Wandel des europäischen Bahnverkehrs. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Bussnang im Kanton Thurgau und beschäftigt 18 000 Personen, davon 6000 in der Schweiz. Für 2025 meldete es einen Umsatz von 3,7 Milliarden Franken.
Die Teststrecke in Schaffhausen ergänzt die spezialisierten Fähigkeiten des Produktionsstandorts. Sie steht neben Stadlers Arbeit an Regionalzügen, Trams, Metrofahrzeugen und Hochgeschwindigkeitszügen. Das frühere FLIRT-H2-Projekt für Kalifornien trug dazu bei, die technische Grundlage für die Erweiterung der Testanlage auf Schmalspurfahrzeuge zu schaffen.
Der Aktienkurs von Stadler war per 17. Oktober 2026 seit Anfang Januar um 44 Prozent und in den vorangegangenen zwölf Monaten um 57 Prozent gestiegen. Die Marktentwicklung entscheidet nicht darüber, ob sich die Züge im Betrieb bewähren, spiegelt aber das Interesse der Investorinnen und Investoren am Auftragsbestand und an den Verkehrstechnologien des Unternehmens wider.
Für die Schweiz zeigt das Projekt, wie inländisches Ingenieurwissen die Dekarbonisierung des Bahnverkehrs im Ausland unterstützen kann. Die unmittelbare Aufgabe ist praktischer Art: das Programm in Schaffhausen abschliessen, die Züge sicher nach Italien überführen und nachweisen, dass der Wasserstoffantrieb den Anforderungen auf Regionalstrecken gewachsen ist.