Homeoffice
Warum Homeoffice für viele Stellensuchende in der Schweiz zur Voraussetzung wird
Homeoffice ist zu einem wichtigen Faktor bei der Personalgewinnung in der Schweiz geworden. Berichten zufolge bietet inzwischen fast jede siebte Stellenanzeige die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten.

Fast jede siebte Stellenanzeige in der Schweiz bietet inzwischen die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, und gibt Bewerberinnen und Bewerbern damit einen klaren Hinweis darauf, wie sich die Personalgewinnung seit der Covid-Pandemie verändert hat. Die Möglichkeit ist besonders für jüngere Kandidatinnen und Kandidaten wichtig geworden, die Flexibilität zunehmend als Voraussetzung für eine Anstellung betrachten und nicht als Zusatzleistung, die erst nach der Einstellung dazukommt.
Der Wandel reicht weit über Technologie-Start-ups hinaus. Homeoffice ist inzwischen in Digitalunternehmen, der Verwaltung, der Versicherungs- und Finanzbranche, in der Kommunikation sowie in Teilen des öffentlichen Sektors verbreitet. Laut von Swissinfo zitierten Studien arbeiten rund 37% der Schweizer Erwerbstätigen remote, womit die Schweiz zu den weltweit führenden Ländern beim Arbeiten im Homeoffice zählt.
Diese Zahl ist auch nach der Wiedereröffnung der Büros stabil geblieben. Arbeitgeber, die erwartet hatten, dass das Arbeiten von zu Hause wieder verschwinden würde, haben stattdessen ihre Stellenangebote, Arbeitsplatzrichtlinien und Führungspraktiken angepasst. Die Veränderung ist in einem Land von Bedeutung, in dem lange Arbeitswege Kantonsgrenzen überschreiten können und der Zugang zu Arbeitsplätzen oft von Verkehrsverbindungen, Wohnkosten und der Lage grosser Arbeitszentren abhängt.
Für Stellensuchende wird die Frage zunehmend praktisch. Eine Stelle, bei der ein oder zwei Tage Homeoffice möglich sind, kann sich auf Pendelkosten und Tagesablauf auswirken und darauf, ob man sich überhaupt bewirbt. Für Unternehmen kann eine solche Regelung den Kreis möglicher Kandidatinnen und Kandidaten über das unmittelbare Umfeld von Zürich, Genf, Basel oder Lausanne hinaus erweitern.
Die Erwerbstätigen unter 35 im Blick behalten
Die Nachfrage nach verlässlicher Flexibilität kommt vor allem von Erwerbstätigen unter 35 Jahren. Mathias Rebetez, Gründer der Personalberatungsfirma Licorn, beschrieb eine deutliche Kluft zwischen den Generationen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Kandidatinnen und Kandidaten über 35 sind im Allgemeinen weiterhin offen für Stellen mit oder ohne Homeoffice. Jüngere Bewerberinnen und Bewerber verlangten mindestens ein oder zwei Tage Homeoffice, sagte er.
Ihre Präferenz spiegelt wider, wie viele von ihnen ins Berufsleben eingestiegen sind. Eine Generation von Hochschulabsolventinnen und -absolventen erlebte während der Pandemie digitale Zusammenarbeit, Fernunterricht und verteilte Teams. Gleichzeitig sind sie in der Schweiz mit hohen Wohnkosten konfrontiert und wohnen möglicherweise weit entfernt von den Büros, die die besten Karrierechancen bieten. Ein hybrides Arbeitsmodell kann Pendelkosten und -zeit senken, ohne dass ein Umzug in ein urbanes Zentrum nötig wird.
Diese Präferenz bedeutet nicht, dass jüngere Erwerbstätige Büros ablehnen. Viele schätzen weiterhin den Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen, Weiterbildung und informellen Austausch. Sie erwarten von Arbeitgebern, dass diese festlegen, wann die Anwesenheit wichtig ist und wann sich die Arbeit anderswo ebenso gut erledigen lässt.
Damit wird dies bei der Personalgewinnung zu einem wichtigeren Prüfstein. Arbeitgeber müssen erklären, an wie vielen Tagen Mitarbeitende remote arbeiten können, ob die Regel für alle Teams gleich gilt und wie die Leistung beurteilt wird. Vage Versprechen können ein Stellenangebot schwächen, wenn Kandidatinnen und Kandidaten mehrere Arbeitgeber auf einem angespannten Arbeitsmarkt vergleichen.
Flexibilität für Arbeitgeber umsetzen
Schweizer Arbeitgeber integrieren hybrides Arbeiten in ihre Betriebsmodelle. Einige Unternehmen ermöglichen je nach Funktion bis zu drei Tage Homeoffice pro Woche. Organisationen des öffentlichen Sektors können ihren Mitarbeitenden erlauben, bis zu 50% ihrer Arbeitszeit von zu Hause aus zu arbeiten.
Die Regeln unterscheiden sich, weil nicht jede Tätigkeit online ausgeübt werden kann. Bürogebundene Tätigkeiten in der Verwaltung und im Finanzwesen lassen sich oft mit digitalen Systemen organisieren, während Stellen mit Kundenkontakt sowie Labor-, Industrie- und operative Tätigkeiten einen physischen Arbeitsplatz erfordern. Das häufigste Schweizer Modell knüpft Flexibilität deshalb an die Aufgaben, statt sie einheitlich zu gewähren.
Matthieu Chamorel, Gründungspartner des Treuhandunternehmens DYN Group, sagte gegenüber RTS, Homeoffice gehöre inzwischen zu den Werten des Unternehmens. Seine Aussage bringt den Wettbewerbsdruck auf Arbeitgeber auf den Punkt. Eine Homeoffice-Regelung kann die Mitarbeiterbindung stärken, die Personalgewinnung über ein grösseres geografisches Gebiet ermöglichen und Unternehmen dabei helfen, mit Spezialistinnen und Spezialisten zu konkurrieren, die nicht umziehen möchten.
Auch die Führungskräfte gestalten Büros neu. Weniger feste Arbeitsplätze, mehr gemeinsam genutzte Sitzungsbereiche und geplante Teamtage ermöglichen es Unternehmen, einen physischen Standort beizubehalten und zugleich die Vorstellung aufzugeben, dass alle Mitarbeitenden jeden Tag anwesend sein müssen. Die Einzelheiten der Regelung sind wichtig. Mitarbeitende brauchen Klarheit über Ausrüstung, Datensicherheit, Arbeitszeiten und die Verantwortung für die Teamkoordination.
Die Kosten einer verteilten Belegschaft im Blick behalten
Homeoffice hat verändert, wo Schweizer Erwerbstätige ihre Arbeitstage verbringen, und zugleich die Grenzen digitaler Kommunikation sichtbar gemacht. Die Zunahme der Arbeit von zu Hause hat manche Menschen dazu bewogen, aus grossen Städten wegzuziehen und das Verhältnis zwischen Wohnen und Arbeit neu zu überdenken. Swissinfo berichtete zuvor über die Auswirkungen von Telearbeit auf Wohnquartiere und die Gestaltung von Städten.
Die Auswirkungen sind unterschiedlich. Personen, die remote arbeiten, sind typischerweise bei mittleren oder grossen Unternehmen angestellt, verfügen über einen Tertiärabschluss und arbeiten in Bereichen wie Verwaltung, Versicherungen, Finanzen, Digitaltechnologie und Kommunikation. Erwerbstätige unter 45 Jahren arbeiten am ehesten von zu Hause aus. Für Mitarbeitende in Berufen, die Ausrüstung, direkten Service oder physische Koordination erfordern, gibt es weniger Möglichkeiten.
Dino Busulini, Gründer und CEO von Energa, warnte, dass Videokonferenzen den persönlichen Kontakt nicht vollständig ersetzen können. Seine Sorge spiegelt ein Problem wider, mit dem sich viele hybride Teams befassen: Missverständnisse können online unbemerkt bleiben, während neue Mitarbeitende informelles Lernen und soziale Kontakte verpassen können.
Unternehmen reagieren mit Einschränkungen, Teamsitzungen und festgelegten Bürotagen. Das entstehende Schweizer Modell verbindet individuelle Flexibilität mit geplanter Anwesenheit. Es gibt Mitarbeitenden mehr Kontrolle über Routinearbeiten und reserviert Büros zugleich für Zusammenarbeit, Betreuung und Entscheidungen, die von einem direkten Gespräch profitieren.
Auf den hybriden Arbeitsmarkt vorbereiten
Der Schweizer Arbeitsmarkt richtet sich auf hybrides Arbeiten ein, statt zu den Routinen vor der Pandemie zurückzukehren. Die geschätzte Homeoffice-Quote von 37% bleibt hoch. Arbeitgeber setzen weiterhin auf Homeoffice-Regelungen, wenn sie um jüngere Fachkräfte und spezialisierte Talente konkurrieren.
Internationale Zahlen zeigen, dass die Schweiz Teil eines umfassenderen Wandels ist. Eine Umfrage der Stanford University aus dem Jahr 2025 unter Hochschulabsolventinnen und -absolventen in 40 Ländern ergab, dass in Kanada 38%, in Grossbritannien 36% und in Finnland 34% der Arbeitstage auf Homeoffice entfielen. Der Vergleich misst nicht genau denselben Indikator wie die allgemeine Homeoffice-Quote der Schweiz, zeigt aber, wie schnell Flexibilität in der Arbeitswelt von Menschen mit höherer Bildung zur Selbstverständlichkeit geworden ist.
Die nächste Phase hängt von Politik und Führung ab. Arbeitgeber müssen entscheiden, ob Flexibilität durchgehend verfügbar ist, wie Teams ihre Bürozeiten koordinieren und für welche Funktionen sie gilt. Öffentliche Institutionen und private Unternehmen müssen zudem den gleichberechtigten Zugang berücksichtigen, da Homeoffice vor allem unter besser ausgebildeten Mitarbeitenden und in digital arbeitenden Branchen verbreitet ist.
Für Stellensuchende wird Homeoffice neben Lohn, Weiterbildung und Arbeitsort zunehmend Teil des Anstellungspakets. Für Arbeitgeber ist es eine Personalentscheidung mit Folgen für Unternehmenskultur, Bürogestaltung und die geografische Verteilung der Arbeit in der Schweiz.