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Swiss Observer

Isabelle Huppert denkt im Locarno-Film «All About Corinne» über Prominenz nach

Isabelle Huppert spricht in Marc Fitoussis Locarno-Film «All About Corinne» über Schauspiel und Prominentenkultur. Die Komödie verwischt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.

Isabelle Huppert denkt im Locarno-Film «All About Corinne» über Prominenz nach
AISWI swissinfo.ch

Das Filmfestival Locarno 2026 endete damit, dass Isabelle Huppert so tat, als wäre sie unsichtbar. Auf der Piazza Grande, wo sich Tausende Zuschauerinnen und Zuschauer vor einer der grössten Kinoleinwände versammeln, präsentierte Marc Fitoussi Ni vue, ni connue, international unter dem Titel All About Corinne veröffentlicht. Bei der Weltpremiere stand eine der bekanntesten Schauspielerinnen Frankreichs im Mittelpunkt des am wenigsten glamourösen Bereichs eines Filmsets: dem Leben einer Statistin.

Huppert spielt Corinne Maclou, eine entschlossene Frau, die von einem Dreh zum nächsten zieht und nach der Rolle sucht, mit der sie endlich ihr Können unter Beweis stellen kann. Ihr Ehrgeiz treibt die Komödie an. Der Witz enthält zugleich eine präzise Beobachtung der Filmbranche, in der Sichtbarkeit von Status, Zugang und der Zustimmung jener abhängt, die über die nächste Disposition entscheiden.

Locarno hat sich mit unabhängigem und avantgardistischem Kino einen Namen gemacht, doch das Programm auf der Piazza Grande spricht ein breites Publikum an. Fitoussis Film passt gut zu beiden Seiten des Festivals. Er bietet einem grossen Freiluftpublikum eine Komödie mit einem Star in der Hauptrolle und richtet zugleich den Blick auf Filmschaffende, die gewöhnlich am Rand des Bildes stehen. So erhält der Abschlussabend des Festivals ein ausgesprochen branchenbezogenes Thema.

Huppert stellt die Prominenz auf den Kopf

Hupperts Star-Ausstrahlung verleiht Corinnes Kampf seine schärfste Note. Die Schauspielerin hat bedeutende Rollen für Filmschaffende wie Claude Chabrol, Michael Haneke und Paul Verhoeven gespielt. Zu sehen, wie sie sich durch die Unsicherheit der Statistenarbeit schlägt, sorgt für unmittelbare komische Spannung, besonders weil das Publikum die Darstellerin kennt, die hinter der fiktiven Möchtegern-Schauspielerin steht.

Fitoussi baut den Film nicht um eine einfache Verkleidung herum auf. Der Unterschied zwischen Hupperts öffentlichem Image und Corinnes beruflicher Stellung bleibt sichtbar. So kann die Komödie Prominenz untersuchen, ohne sie als unantastbare Institution zu behandeln. Corinne ist aufdringlich, entschlossen und unbeholfen. Ihr Hunger nach Anerkennung ist zugleich komisch und nachvollziehbar, besonders in einer Branche, in der Tausende auf einen Satz, eine Nahaufnahme oder einen aussagekräftigen Eintrag im Abspann warten.

Der Film knüpft auch daran an, dass Huppert und Kiberlain früher bereits mit ihren eigenen Images gespielt haben. Beide traten in von Fitoussi inszenierten Folgen von Dix pour cent als Versionen ihrer selbst auf. Diese frühere Arbeit schuf eine gemeinsame Sprache der Selbstironie. All About Corinne führt sie in einem Spielfilm weiter und gibt den Darstellerinnen Raum, den Abstand zwischen der Person, die das Publikum kennt, und der Figur, die sie für eine Produktion erschaffen sollen, zu hinterfragen.

Fitoussi spiegelt die Filmbranche

Der Film hält Realität und Fiktion ständig in Bewegung. Kiberlain, Diane Kruger und Ana Girardot spielen fiktionalisierte Versionen ihrer selbst, während Huppert Corinne verkörpert, eine Figur, deren berufliche Frustrationen auf den herausragenden Ruf der Schauspielerin treffen. Dadurch trägt jede Szene gleich zwei Identitäten in sich: die Rolle auf der Leinwand und das öffentliche Image, das mit der Darstellerin verbunden ist.

Nachdem Corinne und Kiberlains Figur sich an einem Filmset kennengelernt haben, verbringen sie Zeit miteinander. Ihre Freundschaft entwickelt sich durch Spannungen und Humor und ist von Unterschieden in Persönlichkeit, Einkommen, sozialer Stellung und beruflicher Sicherheit geprägt. Die Beziehung verleiht dem Film eine menschliche Dimension. Prominentenkultur begegnet den Figuren in ganz praktischen Situationen, vom Zugang zu Arbeit bis zum Selbstvertrauen, das damit einhergeht, erkannt zu werden.

Fitoussi hat sich während seiner gesamten Karriere mit dem Unterhaltungsgeschäft beschäftigt. Sein erster Spielfilm, La vie d’artiste, kam 2006 heraus. Später wirkte er an der Fernsehserie Ça, c’est Paris! mit und führte bei Folgen der preisgekrönten Serie Dix pour cent Regie, die sich intensiv mit dem Verhalten von Schauspielerinnen, Schauspielern und Agentinnen und Agenten befasst. All About Corinne führt dieses Interesse fort, stellt aber die Statistin statt des grossen Stars in den Mittelpunkt.

Statistinnen und Statisten eine Geschichte geben

Statistinnen und Statisten prägen das Kino, erhalten dafür aber wenig Aufmerksamkeit. All About Corinne stellt ihre Arbeit ins Zentrum der Geschichte und begleitet eine Frau, die einen Statistinnenjob nach dem anderen annimmt und auf ihren Durchbruch hofft. Die Ausgangslage macht eine grundlegende Tatsache des Filmemachens deutlich: Für Massenszenen, Strassen, Büros und Partys braucht es Menschen, die eine erfundene Welt belebt und glaubwürdig erscheinen lassen.

Corinnes Beharrlichkeit verleiht dieser Arbeit ein Gesicht. Sie wird nicht als passive Figur dargestellt, die darauf wartet, von einer Regisseurin oder einem Regisseur entdeckt zu werden. Ihre aufdringliche Art sorgt für Reibung, bringt aber auch den beruflichen Wunsch zum Ausdruck, nach ihren Fähigkeiten beurteilt und nicht als Teil der Kulisse behandelt zu werden. Hupperts Darstellung lässt die Figur komisch wirken, ohne sie auf eine Pointe zu reduzieren.

Die Aufmerksamkeit des Films für die Arbeitsbedingungen verleiht seiner Satire über Prominenz zusätzliches Gewicht. Ein Star kann für eine Rolle mit Anonymität spielen. Eine Statistin oder ein Statist ist für die Arbeit auf Anonymität angewiesen und hofft gleichzeitig, ihr zu entkommen. Dieser Unterschied liegt unter der Komödie und erklärt, weshalb die Freundschaft zwischen Corinne und Kiberlains Figur von sozialen und wirtschaftlichen Spannungen geprägt ist. Das Filmset wird zu einem kleinen Abbild der Hierarchie, die die gesamte Branche bestimmt.

Locarno verbindet Stars und Publikum

Locarno bietet diesem Gespräch eine öffentliche Bühne für Cineastinnen und Cineasten ebenso wie für ein Massenpublikum. Das Festival ist für unabhängiges Arthouse-Kino und Filmschaffende mit radikalen Perspektiven bekannt, doch die Vorführungen auf der Piazza Grande ziehen jeden Abend Tausende Menschen an. Der Platz am Abschlussabend ermöglichte Fitoussis Komödie, eine spezialisierte Filmkultur mit einem breiten Schweizer und internationalen Publikum zu verbinden.

Dieser Rahmen ist wichtig, denn All About Corinne behandelt das Kino sowohl als Arbeitsplatz als auch als Fluchtmöglichkeit. Fitoussi sagte gegenüber Swissinfo, Filme zu machen bedeute den Wunsch, in «eine verbesserte Realität» einzutreten, geprägt von der Distanz, die das Kino schafft. Die Idee passt zu einem Festival, an dem sich das Publikum im Freien versammelt, um zu erleben, wie erfundene Welten für eine Nacht zu gemeinsamen Erfahrungen werden.

Für das Schweizer Publikum bietet der Film zudem einen Blick auf das europäische Produktionssystem durch die Linse der französischen Komödie. Sein Thema lässt sich leicht auf andere Länder übertragen. Jede Filmbranche kennt sichtbare Stars, befristet beschäftigte Crews und Darstellerinnen und Darsteller, deren Namen in der Werbung selten auftauchen. Hupperts Präsenz macht diese Struktur verständlich, während die Locarno-Premiere das Gespräch mitten in einem der wichtigsten internationalen Filmereignisse der Schweiz verortet. Wie es mit dem Film weitergeht, hängt davon ab, wie das Publikum auf die Mischung aus Spiel mit Prominenz, Beobachtungen des Arbeitsalltags und liebevollem Spott reagiert.