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Swiss Observer

Julius-Bär-CEO fordert ein Register für «schwarze Schafe» im Schweizer Bankwesen

Um den Ruf des Schweizer Finanzplatzes zu stärken, hat Julius-Bär-CEO Stefan Bollinger vorgeschlagen, ein nationales Register für Bankerinnen und Banker einzurichten, die sich Fehlverhalten zuschulden kommen liessen. Ähnlich wie Systeme in den USA und Grossbritannien soll es verhindern, dass sie zwischen Instituten wechseln können.

Julius-Bär-CEO fordert ein Register für «schwarze Schafe» im Schweizer Bankwesen
AISWI swissinfo.ch

Die Ära des unantastbaren Bankers könnte abrupt zu Ende gehen. Mit einer mutigen Forderung, die den Status quo des Schweizer Bankgeheimnisses infrage stellt, verlangt Julius-Bär-CEO Stefan Bollinger die Schaffung eines nationalen Registers, um Banker zu erfassen und offenzulegen, die sich Fehlverhalten zuschulden kommen liessen. Das ist nicht bloss ein Vorschlag, sondern ein entscheidender Schritt, um die Integrität des Schweizer Finanzplatzes zu schützen.

Bollingers Botschaft an die NZZ am Sonntag war unmissverständlich: Die Branche müsse aufhören, ihre «schwarzen Schafe» zu schützen. Im heutigen System können fehlbare Banker oft unbemerkt von einem Institut zum nächsten wechseln. Dabei lassen sie ihren Rufschaden hinter sich und machen «weiter, als wäre nichts geschehen». Diese Drehtür des Fehlverhaltens stellt ein erhebliches Risiko für die Stabilität und das Vertrauen dar, auf denen die Schweizer Wirtschaft beruht. Mit seiner Forderung nach einer zentralen «schwarzen Liste» signalisiert Bollinger, dass der Schutz des Rufs des Finanzplatzes nun schwerer wiegt als der Schutz der Privatsphäre fehlbarer Personen. Der Vorschlag markiert eine deutliche Hinwendung zu mehr Rechenschaftspflicht und deutet darauf hin, dass die Schweiz ihre Regulierungsinstrumente konsequent modernisieren muss, um ihre Spitzenstellung zu behaupten.

Die Drehtür schliessen: Die globale Lücke bei der Rechenschaftspflicht

Die Schweiz muss aufholen. Obwohl sich das Alpenland als globale Bankenfestung versteht, liegt es bei der Regulierung von Mitarbeitenden gefährlich weit hinter seinen internationalen Konkurrenten zurück. Bollinger verweist auf eine klare Tatsache: Grosse Finanzplätze wie die Vereinigten Staaten, Grossbritannien, Hongkong und Singapur setzen bereits strenge Register ein, um Fehlverhalten von Bankern zu erfassen. In diesen Ländern holt einen eine schlechte Bilanz ein, in der Schweiz lässt sie sich weiterhin verbergen.

Derzeit beschränkt sich das Schweizer System darauf, Gewährleistungen lediglich auf Führungsebene zu überprüfen. Bollinger hält diesen Mechanismus für die heutige Zeit für unzureichend. Er betont, dass eine Ausweitung dieser Überprüfung auf ein umfassenderes Register nicht bloss eine regulatorische Hürde, sondern eine langfristige Notwendigkeit für die Gesundheit des gesamten Finanzökosystems sei. Die Vorteile seien, wie er sagt, «offensichtlich». Wenn die Schweiz ein solches System nicht einführt, riskiert sie, zum Zufluchtsort für Personen zu werden, die von strengeren Regulierungsbehörden abgewiesen wurden. Bollingers Vorstoss ist eine klare Warnung: Will die Schweiz ein erstklassiger Finanzplatz bleiben, muss sie die Schlupflöcher schliessen, durch die berufliches Fehlverhalten ungeahndet bleibt.

Zwei Schwergewichte im Streit: Widerspruch zur Erzählung von der «Identitätskrise»

An der Spitze der Schweizer Finanzbranche ist ein heftiger Deutungskampf im Gang. Bollinger hat der düsteren Einschätzung von UBS-Präsident Colm Kelleher offen widersprochen. Dieser hatte kürzlich erklärt, der Schweizer Bankensektor befinde sich in einer «Identitätskrise». Der Julius-Bär-Chef weist diesen Pessimismus entschieden zurück. Mit grosser Zuversicht behauptet Bollinger, es gebe keine Krise, sondern nur Chancen.

Während Kelleher einen Sektor sieht, der Mühe hat, sich selbst zu definieren, betrachtet Bollinger das Label «Swiss» als uneinholbaren Wettbewerbsvorteil. Eine eigenständige Schweizer Identität zu bewahren, sei ein strategischer Vorteil und keine Belastung, selbst für einen Giganten wie die UBS, argumentiert er. Diese unterschiedlichen Führungsphilosophien machen eine zentrale Debatte innerhalb der Branche sichtbar: Befindet sich das Schweizer Bankwesen im Niedergang oder entwickelt es sich lediglich weiter? Bollingers Haltung deutet auf einen optimistischen Ausblick hin. Er will nicht einräumen, dass strengere Regulierungen oder die veränderte globale Lage die Stärke der Schweizer Marke geschmälert hätten. Er hält daran fest, dass das Fundament solide sei, sofern die Branche bereit sei, ihre eigenen schwarzen Schafe auszusondern.

Ehrgeizige Ziele: Der Finanzkurs bis 2028

Bollinger untermauert seine Worte mit ehrgeizigen Finanzzielen, die eine fehlerfreie Umsetzung verlangen. Mit Blick auf 2028 plant Julius Bär nicht, sich auf dem Erreichten auszuruhen. Die Bank strebt eine Leistungssteigerung an, die dem Gegenwind an den Märkten trotzt. Der CEO hat einen Kurs vorgegeben, der ein jährliches Wachstum der Neugelder von 4 bis 5 Prozent vorsieht. Das signalisiert eine robuste Expansionsstrategie in einem umkämpften Vermögensverwaltungsgeschäft.

Zudem schnallt die Bank den Gürtel enger, um die Effizienz zu steigern, und will das Aufwand-Ertrags-Verhältnis auf unter 67 Prozent senken. Die wohl auffälligste Kennzahl ist jedoch das Profitabilitätsziel: eine Eigenkapitalrendite von über 30 Prozent. Das sind keine bescheidenen Ziele, sondern die Ambitionen eines CEO, der überzeugt ist, dass sein Institut und der Schweizer Finanzplatz vor einem Wiederaufschwung stehen. Indem Bollinger diese hohen Leistungsziele mit seiner Forderung nach strengeren ethischen Standards verbindet, will er für Julius Bär eine neue Ära einläuten: eine Ära, die ebenso profitabel wie verantwortungsvoll ist.