Schweiz
Parteiübergreifendes Bündnis fordert Aufhebung des Schweizer Atomverbots heraus
Ein parteiübergreifendes Bündnis hat über 131 800 Unterschriften eingereicht, um das Verbot für den Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz zu erhalten. Die Referendumsinitiative stellt Pläne infrage, die Beschränkungen der Atomenergie in diesem Land zu überdenken.

Mehr als 131 800 Unterschriften haben das Verbot neuer Atomkraftwerke in der Schweiz ins Zentrum eines nationalen Energiestreits gerückt. Vertreterinnen und Vertreter der SP, der Grünen, der Grünliberalen und von Teilen der Mitte-Partei haben die Unterschriften am Dienstag in Bern eingereicht, um eine gesetzliche Änderung zu blockieren, die den Bau neuer Kraftwerke erlauben würde.
Der Streit reicht über die Zukunft der Atomkraft hinaus. Die Schweiz ist bereits auf Importe angewiesen, um den Winterbedarf zu decken, und die Lücke betrug im Winter 2025/26 rund 6,8 TWh, etwa ein Fünftel des winterlichen Verbrauchs. Die Kernkraftwerke liefern derzeit knapp 30% der inländischen Stromproduktion. Befürworterinnen und Befürworter einer Aufhebung des Verbots sagen, das Land werde verlässlichen Strom brauchen, wenn bestehende Anlagen vom Netz gehen. Das Bündnis hinter dem Referendum argumentiert, die Schweiz solle die Beschränkung beibehalten und ihre Mittel anderweitig einsetzen. Die Stimmberechtigten könnten bereits am 28. Februar 2027 über die vorgeschlagene Änderung entscheiden, falls das Referendum zustande kommt.
Gemeinsam das Verbot verteidigen
Das Bündnis vereint Parteien mit unterschiedlichen politischen Wurzeln um eine gemeinsame Forderung: das Verbot neuer Atomkraftwerke beibehalten. Die SP, die Grünen und die Grünliberalen haben sich mit Teilen der Mitte-Partei zusammengetan und die Unterschriften eingereicht, wodurch die Kampagne zu einer parteiübergreifenden Herausforderung der geplanten Änderung wird.
Grünen-Parteipräsidentin Lisa Mazzone argumentiert, Atomkraft sei veraltet und zu teuer und hinterlasse künftigen Generationen hochradioaktiven Abfall. Die Luzerner Mitte-Nationalrätin Priska Wismer-Felder sagt, die Schweiz solle ihre Mittel auf den Ausbau erneuerbarer Energien konzentrieren. Ihre Argumentation stützt sich teilweise auf Investitionsentscheidungen: Eine Aufhebung des Verbots würde die Mittel jetzt zu stark verteilen, denn jeder Franken könne nur einmal ausgegeben werden.
Diese Haltung bringt das Referendumsbündnis in direkte Auseinandersetzung mit den Befürwortern eines neuen Atomkraftwerkbaus. Die Meinungsverschiedenheit betrifft die Frage, wie die Schweiz eine verlässliche Stromversorgung sichern soll und ob öffentliche Unterstützung und Investitionen in die Atomkraft oder in erneuerbare Quellen fliessen sollen.
Die winterliche Stromlücke angehen
Die Winterversorgung ist das stärkste Argument, die Atomdebatte wieder zu eröffnen. Die Schweiz kann im Winter nicht genug Strom erzeugen, um den Bedarf zu decken, und ist auf Importe angewiesen. Die Lücke betrug im Winter 2025/26 rund 6,8 TWh, also etwa ein Fünftel des winterlichen Verbrauchs. Vanessa Gassler-Meury, Mitglied des Komitees hinter der Initiative «Stop Blackout», sagt, das Problem werde sich verschärfen, sobald bestehende Kernkraftwerke abgeschaltet würden. Sie argumentiert, die Solarproduktion schwanke, während Kernkraftwerke gleichmässig Strom liefern, weshalb Atomkraft im Winter besonders wichtig sei.
Auch erneuerbare Energien gewinnen in der kalten Jahreszeit an Bedeutung. Die Solaranlagen erzeugten im letzten Winter mehr als 2 TWh, eine Menge, die dem zusätzlichen winterlichen Strombedarf entspricht, den der geplante Ausbau der Wasserkraft bis 2040 anstrebt. Die Zahlen zeigen konkurrierende Ansätze für dieselbe saisonale Herausforderung: die verlässliche Atomkapazität erhalten oder ausbauen oder die Produktion erneuerbarer Energien und Speicherung über bestehende energiepolitische Instrumente beschleunigen.
Die Referendumsabstimmung vorbereiten
Der Referendumskampf wird sich darum drehen, wie die Schweiz die Winterversorgung mit Investitionen in erneuerbare Energien in Einklang bringt. Befürworter eines Beibehaltens des Verbots befürchten, dass die Zulassung neuer Atomkraftwerke die Ausgaben für Solarstrom und andere erneuerbare Quellen bremsen könnte. Grünliberalen-Parteipräsident Jürg Grossen hat eine parlamentarische Motion eingereicht, die verlangt, dass die Subventionen für Solarstrom weitergeführt werden. Wismer-Felder will ebenfalls, dass die Schweiz ihre Mittel auf den Ausbau erneuerbarer Energien konzentriert, statt neuen Atomkraftwerkbau zu verfolgen.
Die Kampagne wird diese Prioritäten an der Sorge messen, die Befürworter der Atomkraft vorbringen: dass Importe im Winter und die erwartete Abschaltung bestehender Anlagen eine gleichbleibende inländische Versorgung unverzichtbar machen. Das Bündnis hat seine Unterschriften eingereicht, und die Stimmberechtigten könnten bereits am 28. Februar 2027 über die vorgeschlagene gesetzliche Änderung abstimmen, falls das Referendum zustande kommt. Die kommende Debatte wird das Verbot, den winterlichen Strombedarf und die öffentliche Unterstützung für Investitionen in erneuerbare Energien vor die Schweizer Stimmbevölkerung bringen.