Schweiz
Bericht zum Brand von Crans-Montana verzögert sich, Betreiber geraten stärker ins Visier
Die Expertenuntersuchung zum Brand in Crans-Montana verzögert sich. Eine Veröffentlichung wird nun frühestens Ende Januar erwartet. Unabhängig davon zeigen Nachrichten, dass die Barbetreiber bereits Jahre vor dem Brand vor der Gefahr durch Wunderkerzen gewarnt worden waren.

41 Menschen kamen ums Leben und 115 wurden verletzt, der Walliser Ferienort sieht sich nun mit einer Strafuntersuchung konfrontiert, deren wichtigste technische Erkenntnisse noch ausstehen. Der Expertenbericht zum Brand im Le Constellation wird nicht wie ursprünglich geplant vorgelegt. Die Walliser Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud bestätigte, dass die Frist wegen der Komplexität der Arbeiten verlängert wurde.
Das Forensische Institut Zürich und das Swiss Safety Center untersuchen im Auftrag der Walliser Staatsanwaltschaft den Ursprung und die Ursache des Brandes. Der Bericht hätte ursprünglich bis Ende August vorliegen sollen. Die beiden Organisationen beantragten eine Verlängerung bis Ende März, während ein von Keystone-SDA zitierter Bericht besagte, dass eine Veröffentlichung frühestens Ende Januar erwartet werde.
Die Verzögerung fällt in eine Zeit, in der die Aufmerksamkeit zunehmend den Barbetreibern Jacques und Jessica Moretti gilt. Interne WhatsApp-Nachrichten aus dem Jahr 2019, die RTS vorliegen, zeigen, dass beide ihre Angestellten vor der Gefahr von Wunderkerzen in den Räumlichkeiten warnten. Anwälte mehrerer Opferfamilien sagen, diese Warnungen könnten wichtige Beweismittel dafür sein, ob die Betreiber es lediglich versäumten, einen vorhersehbaren Unfall zu verhindern, oder ein Risiko in Kauf nahmen, das tödlich enden konnte.
Warnungen aus dem Jahr 2019 rücken Betreiber ins Visier
Eine Nachricht vom 12. November 2019 warnte ausdrücklich davor, dass die Bar Feuer fangen könnte. Jacques Moretti rügte einen Angestellten, weil dieser einem Gast eine Wunderkerze gegeben hatte, die der Gast unbeaufsichtigt auf einem Tisch liegen liess. Er warnte das Personal, dass eine Wunderkerze, die auf den Boden oder die Sofas fällt, das Le Constellation in Brand setzen könnte.
Einen Monat später gab Jessica Moretti eine weitere Anweisung. Gäste dürften Wunderkerzen verwenden, teilte sie den Angestellten mit, doch das Personal müsse sie beaufsichtigen, bis sie erloschen seien. Sie verwies auch auf die Gefahr, dass eine Wunderkerze auf ein Sofa oder den Boden fallen oder in die Nähe des Schaums an der Decke gehalten werden könnte.
Die Nachrichten sind nun Teil der Strafuntersuchung. Anwälte mehrerer Opferfamilien argumentieren, sie zeigten, dass das Paar die Gefahr verstanden und sie dennoch in Kauf genommen habe. Ihre Position könnte eine Anklage wegen vorsätzlicher Tötung im Sinne des Eventualvorsatzes stützen. Diese Rechtsfigur kann nach Schweizer Recht vorliegen, wenn jemand erkennt, dass sein Handeln zum Tod führen könnte, und diese Möglichkeit in Kauf nimmt, auch wenn er das Ergebnis nicht will.
Die Nachrichten begründen für sich allein keine strafrechtliche Verantwortlichkeit. Die Staatsanwaltschaft muss ihren Wortlaut, das Verhalten der Betreiber, die Sicherheitsvorkehrungen in den Räumlichkeiten und die Beweise dazu beurteilen, wie das Feuer ausbrach und sich ausbreitete.
Verteidigung weist Vorwurf des Eventualvorsatzes zurück
Die Verteidigung der Morettis sagt, dieselben Nachrichten belegten Prävention und nicht Vorsatz. Die Anwälte Yaël Hayat, Nicola Meier und Patrick Michod erklärten gegenüber RTS, die Betreiber hätten ein bekanntes Risiko im Gastgewerbe erkannt und das Personal angewiesen, wie damit umzugehen sei. Sie wiesen zudem darauf hin, dass die Nachrichten freiwillig bei der Staatsanwaltschaft eingereicht worden seien.
Die Verteidigung bestreitet, dass die Nachrichten einen Eventualvorsatz belegten. Eine Brandgefahr zu erkennen, sei etwas anderes, als den möglichen Tod von Menschen in Kauf zu nehmen, argumentieren die Anwälte. Ihrer Auslegung nach zeigen die Anweisungen, dass die Betreiber den Gebrauch von Wunderkerzen regeln wollten, statt ihn zu ignorieren.
Diese rechtliche Unterscheidung hat erhebliche Auswirkungen auf die mögliche Strafe. Den Morettis drohen derzeit Anklagen mit Freiheitsstrafen von weniger als fünf Jahren. Eine erfolgreiche Anklage wegen vorsätzlicher Tötung im Sinne des Eventualvorsatzes könnte eine Höchststrafe von 20 Jahren nach sich ziehen.
Die Staatsanwaltschaft muss mehr nachweisen als die frühere Kenntnis einer Gefahr. Sie muss untersuchen, ob die Betreiber nach den Warnungen angemessene Massnahmen ergriffen, ob das Personal die Anweisungen befolgte und ob weitere Umstände im Le Constellation einen vorhersehbaren Weg von einem Funken zu einem sich rasch ausbreitenden Feuer schufen. Der verzögerte Expertenbericht könnte zu diesen Fragen entscheidende Beweise liefern.
Experten untersuchen die Ausbreitung des Brandes
Die Experten untersuchen den Schaum im Untergeschoss der Bar und dessen Verhalten im Brandfall. Das Forensische Institut Zürich und das Swiss Safety Center wurden beauftragt, den Ursprung und die Ursache des Brandes festzustellen. Ihre Erkenntnisse sollen der Staatsanwaltschaft helfen, zu rekonstruieren, wie sich das Feuer entzündete, wie schnell sich Flammen und Rauch ausbreiteten und ob sich in den Räumlichkeiten Materialien befanden, die die Katastrophe verschlimmerten.
Der Antrag auf mehr Zeit verdeutlicht die technischen Anforderungen der Untersuchung. Die Organisationen arbeiteten zunächst auf einen Bericht bis Ende August hin und beantragten dann eine Verlängerung bis Ende März. Pilloud bestätigte die Verzögerung, ohne einen detaillierteren Zeitplan für die Veröffentlichung zu nennen.
Die Erkenntnisse werden zusammen mit Zeugenaussagen, digitalen Nachrichten, Gebäudeunterlagen, Sicherheitsanweisungen und allen Beweisen zum Betrieb der Bar in der Brandnacht beurteilt. Eine technische Schlussfolgerung kann für sich allein nicht entscheiden, ob die Morettis fahrlässig oder mit Eventualvorsatz handelten. Sie kann jedoch den Ablauf des Brandes klären, den die Staatsanwaltschaft mit den Entscheidungen der Betreiber in Verbindung bringen muss.
Die Familien warten auf diese Erklärung, während das Strafverfahren weiterläuft. Die spätere Veröffentlichung des Berichts dürfte die nächste Phase der Walliser Untersuchung und die rechtlichen Auseinandersetzungen um die Verantwortung prägen.
Welche Fragen der verzögerte Bericht beantworten muss
Der verzögerte Bericht wird sowohl die Erklärungen zum Brandgeschehen als auch die rechtliche Aufarbeitung der Tragödie von Crans-Montana auf die Probe stellen. Für die Walliser Staatsanwaltschaft muss die Untersuchung klären, wie das Feuer ausbrach und ob seine Ausbreitung mit Materialien, der Raumaufteilung, Managemententscheidungen oder einer Kombination von Faktoren zusammenhing. Für die Opferfamilien werfen die Nachrichten aus dem Jahr 2019 eine andere Frage auf: Was wussten die Betreiber vor der Katastrophe über die Gefahr und wie reagierten sie darauf?
Im Schweizer Strafverfahren wird zwischen einer erkannten Gefahr am Arbeitsplatz und dem Inkaufnehmen eines tödlichen Ausgangs unterschieden. Die Anwälte der Betreiber sagen, ihre Warnungen belegten den Versuch, die Gäste zu schützen. Die Anwälte der Familien sagen, dieselben Warnungen könnten zeigen, dass das Risiko bekannt war und nicht ausreichend kontrolliert wurde.
Aus den Nachrichten allein lässt sich keine abschliessende Schlussfolgerung zu diesen gegensätzlichen Behauptungen ziehen. Die Staatsanwaltschaft benötigt weiterhin die Expertenbeweise und die übrigen Akten. Die Verzögerung des Berichts betrifft deshalb mehr als nur das Veröffentlichungsdatum. Sie verschiebt ein zentrales Beweismittel, das für die Beurteilung möglicher Anklagen und der Verantwortung erforderlich ist.
Der nächste Meilenstein ist der Abschluss der Expertenarbeiten, gefolgt von der Beurteilung der Beweise durch die Staatsanwaltschaft. Bis dahin stehen die 41 Todesopfer und 115 Verletzten im Zentrum eines Falls, der die Aufmerksamkeit der ganzen Schweiz auf den Brandschutz in Schweizer Gaststätten gelenkt hat.