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Swiss Observer

Universitätsspital Zürich reicht wegen Herzchirurgie-Skandal Strafanzeige ein

Das Universitätsspital Zürich hat im Zusammenhang mit 11 Todesfällen und 13 Fällen eines möglichen missbräuchlichen Einsatzes von Medizinprodukten in seiner Klinik für Herzchirurgie Strafanzeige eingereicht. Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und schwere Körperverletzung. Damit erreicht der sich entfaltende Spitalskandal einen bedeutenden Wendepunkt.

Universitätsspital Zürich reicht wegen Herzchirurgie-Skandal Strafanzeige ein
AISWI swissinfo.ch

Elf Todesfälle und dreizehn Fälle eines missbräuchlichen Einsatzes von Medizinprodukten haben das Universitätsspital Zürich (USZ) in einen juristischen Sturm geführt. Der Spitalrat des USZ hat den beispiellosen Schritt unternommen, Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung und schwerer Körperverletzung einzureichen. Es handelt sich nicht mehr bloss um ein internes Verwaltungsversagen, sondern um eine umfassende strafrechtliche Untersuchung im Herzen der renommiertesten medizinischen Institution der Schweiz. Der Schritt folgt auf monatelange Spannungen, nachdem Unregelmässigkeiten in der Klinik für Herzchirurgie erstmals ans Licht gekommen waren. Das Spital hatte zuvor zwar «schwerwiegende Fehler» eingeräumt, doch die formellen Strafanzeigen gegen unbekannte Täterschaft markieren eine dramatische Wende hin zu mehr Rechenschaft. Die Zürcher Staatsanwaltschaft durchbricht nun die Mauer des Schweigens, die medizinische Institutionen oft umgibt, und untersucht nicht nur klinische Fehler, sondern auch einen möglichen Urkundenfälschungsverdacht. Dieses entschlossene Vorgehen sendet eine klare Botschaft: Die Unantastbarkeit des Operationssaals gewährt keine Immunität gegenüber dem Schweizer Strafgesetzbuch.

Eine tödliche statistische Abweichung

74 überzählige Todesfälle belasten die Akten der Zürcher Herzklinik. Der «Bericht Oberholzer», ein vernichtendes unabhängiges Gutachten, das Anfang Mai veröffentlicht wurde, zeigte, dass die Klinik zwischen 2016 und 2020 rund 4'500 Operationen durchführte. In diesem Zeitraum lag die Sterblichkeit um 68 bis 74 Todesfälle über den statistischen Erwartungen. Das ist keine geringfügige Schwankung, sondern eine systemische Auffälligkeit, die einer Erklärung bedarf. Hinter diesen Zahlen stehen Väter, Mütter und Kinder, deren Behandlungsergebnisse deutlich von den hohen Standards abwichen, die im Schweizer Gesundheitswesen erwartet werden. Der Bericht zeichnet das düstere Bild einer Abteilung, in der die Fehlergrenze wiederholt überschritten wurde. Chirurginnen und Chirurgen behandeln zwar oft Hochrisikofälle, doch die grosse Zahl dieser «unerwarteten» Todesfälle bildet die Beweisgrundlage für das laufende Strafverfahren. Die Ermittlerinnen und Ermittler müssen nun klären, ob diese Todesfälle die tragischen Folgen einer komplexen Medizin oder eine strafrechtliche Folge von Fahrlässigkeit und systemischem Fehlverhalten waren.

Interessenkonflikte und erschüttertes Vertrauen

Finanzieller Gewinn und medizinische Ethik prallten in einem Skandal aufeinander, der bis in die oberste Führungsebene der früheren Klinikleitung reicht. Francesco Maisano, der frühere Direktor der Klinik, steht im Zentrum von Vorwürfen im Zusammenhang mit einem Medizinprodukt, an dessen Entwicklung er mitgewirkt hatte. Die Ermittlerinnen und Ermittler prüfen, ob der Einsatz dieses Produkts dem Wohl der Patientinnen und Patienten oder dem persönlichen finanziellen Vorteil diente. Der mögliche Interessenkonflikt wird durch Vorwürfe der Urkundenfälschung verschärft. Sie legen nahe, dass gezielt versucht worden sein könnte, die tatsächlichen Behandlungsergebnisse zu verschleiern. Der Vertrauensbruch hat zwei Seiten: Die Patientinnen und Patienten glaubten, bestmöglich versorgt zu werden, während die Kontrollmechanismen der Institution den eigennützigen Charakter dieser Entscheidungen nicht erkannten. CEO Monika Jänicke hat der hinweisgebenden Person, die das Schweigen brach, öffentlich gedankt. Damit würdigte sie auf seltene Weise die wichtige Rolle interner Kritik für die Wahrung der Integrität einer Institution. Der Imageschaden für das Spital ist jedoch erheblich, denn die Untersuchung geht der Frage nach, wie private Gewinne überhaupt die sterile Umgebung einer Herzoperation beeinflussen konnten.

Die spezialisierte Taskforce übernimmt die Führung

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich überlässt nichts dem Zufall und setzt ein spezialisiertes «Einsatzteam» aus vier erfahrenen Staatsanwälten ein, das die Ermittlungen leitet. Das Team vereint umfassendes Fachwissen im Medizinalstrafrecht, in der Wirtschaftskriminalität und bei Straftaten im Zusammenhang mit Amtsträgern. Seine Einsetzung unterstreicht die Schwere und Komplexität des Falls, der Tausende Seiten Krankenakten und verwickelte Finanzspuren umfasst. Damit wird deutlich, dass der Staat die Untersuchung mit chirurgischer Präzision vorantreiben will. Während das Team klärt, ob genügend Beweise für formelle Anklagen vorliegen, verfolgt das Schweizer Gesundheitswesen den Fall mit grosser Spannung. Der Ausgang dürfte die Grenzen der medizinischen Haftung und die Transparenzanforderungen an klinische Leitungen im ganzen Land neu bestimmen. Für die Familien der Verstorbenen kommt die Justiz endlich in Gang, doch das Verfahren wird lange dauern. Diese Untersuchung ist ein Wendepunkt für die Schweizer Medizin: Sie zwingt das Land dazu, sich damit auseinanderzusetzen, wie seine vertrauenswürdigsten Institutionen geführt und zur Rechenschaft gezogen werden.