SNB
Warum die Schweiz die Zinssätze bei null hält, während andere sie erhöhen
Der Leitzins der Schweiz bleibt bei 0% und liegt damit weit unter den Zinssätzen in den USA und der Eurozone. Vor dem nächsten Zinsentscheid der Schweizerischen Nationalbank am 24. September verschärft die zunehmende Divergenz die Debatte über die Inflation, den Franken und die Frage, wie lange aussergewöhnlich günstige Kredite noch möglich sind.

0% ist nach wie vor die Zahl, die die Kredit-, Spar- und Wohnkosten in der Schweiz prägt. Die Schweizerische Nationalbank hält ihren Leitzins seit mehr als einem Jahr bei null, während wichtige Zentralbanken deutlich höhere Zinssätze beibehalten. Die nächste Bewährungsprobe folgt am 24. September 2026, wenn die SNB entscheidet, ob die Lage im Inland eine Änderung rechtfertigt.
Der Unterschied ist deutlich. Der Zinssatz der Europäischen Zentralbank beträgt 2.25%, während die US-Zinssätze zwischen 3.5% und 3.75% liegen. Gemäss dem Ausgangsartikel wird allgemein erwartet, dass die EZB ihren Zinssatz an ihrer Sitzung vom 10. September erhöht. Diese Schritte haben die ungewöhnlich günstigen Finanzierungskonditionen der Schweiz stärker in den Fokus gerückt.
Für Haushalte wirkt sich die Geldpolitik auf Hypothekarangebote, Sparkonten und Pensionskassenrenditen aus. Zehnjährige Hypotheken kosteten in der Schweiz durchschnittlich 1.9%, gemäss Comparis. Kreditnehmende zahlen nach wie vor mehr, als die Schlagzeile zum SNB-Leitzins vermuten lässt, denn Banken legen die Kreditzinsen anhand der Marktfinanzierungskosten, des Risikos und der Hypothekarlaufzeit fest.
Der Entscheid der SNB wird auch in Finanzzentren von Zürich bis Genf aufmerksam verfolgt. Investoren wägen ab, ob die Schweiz die tiefen Zinssätze beibehalten kann, während der Franken stark bleibt und die Inflation gedämpft ist.
Tiefe Inflation gibt Bern Spielraum
Die Schweizer Inflation betrug im August 2026 gerade einmal 0.8%. Dieser Wert gibt der SNB Spielraum, die Zinssätze tief zu halten, während andere Zentralbanken auf stärkeren Preisdruck reagieren. Die durchschnittliche Inflation in europäischen Ländern lag im Juli bei 2.9%, diejenige in den USA bei 3.4%, gemäss dem Ausgangsartikel.
Zentralbanken nutzen Zinssätze, um die Nachfrage zu dämpfen und zu verhindern, dass sich die Inflation in Löhnen, Dienstleistungen und Erwartungen festsetzt. Wenn die Preise nur langsam steigen, kann eine aggressive Straffung unnötigen Schaden anrichten, indem sie die Kreditkosten für Haushalte und Unternehmen erhöht.
Caroline Hilb, Leiterin Anlegen und Vorsorge bei der Raiffeisen Bank, sagte, die tiefe Inflation und der starke Franken verringerten den Bedarf an einer Zinserhöhung. «Der Inflationsdruck ist derzeit noch zu gering und der Schweizer Franken zu stabil, als dass eine Anpassung der Zinssätze nötig wäre», sagte sie.
Daniel Kalt, Chefökonom der UBS, kam zu einem ähnlichen Schluss. «Dafür ist die Inflation noch zu niedrig», sagte er zur Frage, ob die Schweiz unter Druck stehe, die Zinssätze anzuheben. Die Zahlen erklären die Divergenz. Die SNB reagiert auf die Bedingungen in der Schweiz, auch wenn die geldpolitischen Entscheidungen in Washington und Frankfurt die Wechselkurse, Kapitalflüsse und Importgüter beeinflussen.
Der starke Franken leistet einen wichtigen Beitrag
Der Franken bleibt eine der wichtigsten geldpolitischen Grössen für die SNB. Die Schweizer Währung gilt seit Langem als sicherer Hafen und ist gefragt, wenn Investoren Stabilität suchen. Ein starker Franken senkt die Kosten für importierte Energie, Lebensmittel und Industriegüter und hilft so, die Konsumentenpreise einzudämmen.
Dieser Währungseffekt verändert die Zinsabwägung. Eine Zinserhöhung könnte den Franken weiter stärken und Schweizer Exporte für ausländische Kundinnen und Kunden verteuern. Schweizer Hersteller, Tourismusanbieter und Unternehmen mit internationalen Einnahmen gerieten dadurch unter Druck, selbst wenn die Inflation im Inland begrenzt bliebe.
Caroline Hilb sagte, der Franken sei «zu stabil», als dass eine geldpolitische Anpassung nötig wäre. Ihre Einschätzung spiegelt die umfassendere Gratwanderung der SNB wider. Die Zentralbank muss die Inflation in der Schweiz beobachten und zugleich berücksichtigen, wie Zinsunterschiede die Währung und die Finanzmärkte beeinflussen.
Der Wechselkurs schirmt die Schweiz nicht vollständig ab. Hilb wies darauf hin, dass höhere US-Zinssätze die Schweizer Zinssätze nach oben drücken können, weil die Finanzmärkte grenzüberschreitend funktionieren. Die Preise für Schweizer Hypotheken sind bereits leicht gestiegen, allerdings weniger stark als in vielen europäischen Ländern und in den USA.
Für Exporteure in Kantonen wie Waadt, Basel-Stadt und Zürich können Währungsschwankungen ebenso wichtig sein wie der SNB-Leitzins. Ein stabiler Franken entlastet die Konsumentinnen und Konsumenten bei den Preisen, während seine Stärke die Margen von Unternehmen schmälern kann, die ins Ausland verkaufen.
Schulden-Disziplin verschafft der Schweiz Zeit
Die Haushaltsdisziplin der Schweiz stärkt das Umfeld mit tiefen Zinssätzen. Die öffentliche Verschuldung des Landes ist im internationalen Vergleich relativ gering. Zudem gilt eine in der Verfassung verankerte Schuldenbremse, die verhindern soll, dass die Staatsausgaben längerfristig die Einnahmen übersteigen.
Das System verpflichtet den Bund, in wirtschaftlich starken Zeiten Überschüsse zur Schuldenreduktion zu verwenden. In schwächeren Jahren erlaubt es zusätzliche Ausgaben, sofern die Rechnung über den Konjunkturzyklus hinweg ausgeglichen ist. Daniel Kalt, Chefökonom der UBS, sagte, dieser Mechanismus trage dazu bei, die Schulden zu begrenzen und zu verhindern, dass der Staat leichtfertig Steuergeld ausgebe.
Diese Finanzlage ist für die Geldpolitik wichtig, weil die SNB nicht mit derselben Kombination aus Inflation und öffentlichem Finanzierungsdruck konfrontiert ist wie einige grössere Volkswirtschaften. Die Schweiz kann die wirtschaftliche Stabilität sichern, ohne auf hohe staatliche Kreditaufnahme angewiesen zu sein, während die tiefe Inflation den Bedarf der Zentralbank verringert, die Nachfrage zu dämpfen.
Die Vorteile reichen über die Bundesfinanzen hinaus. Kantone und Gemeinden unterliegen eigenen Budgetvorgaben, und die öffentlichen Finanzen beeinflussen die Einschätzung Schweizer Vermögenswerte durch Investoren. Der Ruf, die Schulden im Griff zu haben, kann dazu beitragen, die Finanzierungskosten für den Staat und private Kreditnehmende tief zu halten.
Damit verschwinden nicht alle Risiken. Die Immobilienpreise bleiben hoch, und Haushalte mit grossen Hypotheken sind gefährdet, falls die Marktzinsen steigen. Die Schuldenbremse schränkt zudem ein, wie frei Bern auf Schocks reagieren kann. Vorerst stärkt der finanzpolitische Rahmen jedoch die Argumente dafür, dass die SNB abwartet.
Haushalte stellen sich auf den nächsten Schritt ein
Der Entscheid vom 24. September wird zeigen, wie lange günstiges Geld noch möglich ist. Die SNB ist nicht verpflichtet, der US-Notenbank oder der EZB zu folgen. Ihr Auftrag verlangt, die Preisstabilität und die wirtschaftliche Lage in der Schweiz zu berücksichtigen. Hier liegt die Inflation weiterhin deutlich unter den für Europa und die USA gemeldeten Werten.
Die internationale Zinsdivergenz hat dennoch Folgen. Höhere ausländische Zinssätze können Investitionen von Schweizer Vermögenswerten abziehen oder die Marktfinanzierungskosten für Schweizer Banken erhöhen. Diese Auswirkungen können Hypothekarschuldnerinnen und -schuldner erreichen, selbst wenn die SNB nichts an ihrem Zinssatz ändert. Comparis beziffert den durchschnittlichen Zinssatz für zehnjährige Hypotheken bereits auf 1.9%. Das zeigt, dass sich die Kreditzinsen für Kundinnen und Kunden nicht im Gleichschritt mit dem Leitzins bewegen.
Sparerinnen und Sparer erleben die andere Seite der Gleichung. Bei einem Leitzins von null werfen gewöhnliche Bankeinlagen wenig oder gar keinen Zins ab, während Pensionskassen und konservative Anleger in einem Niedrigzinsumfeld nach Rendite suchen. Kreditnehmende profitieren von erschwinglichen Darlehen, aber Haushalte, die Festhypotheken erneuern, müssen die Marktpreise genau beobachten.
Caroline Hilb erwartet, dass der nächste Schritt der US-Notenbank ungewiss bleibt, unter anderem weil Zinsentscheide in der Vergangenheit nicht in der Zeit vor den US-Zwischenwahlen getroffen wurden. Daniel Kalt rechnet mit einer Erhöhung in den USA. Ihre unterschiedlichen Einschätzungen verdeutlichen die Unsicherheit an den Märkten. Solange die Schweizer Inflation tief bleibt, kann die SNB den Leitzins bei null belassen. Die globalen Zinssätze werden den Spielraum für diesen Entscheid jedoch weiterhin begrenzen.