Lebenshaltungskosten
Warum immer mehr Schweizer Haushalte der Mittelschicht Mühe haben, über die Runden zu kommen
Schweizer Haushalte geraten trotz stabiler Beschäftigung und Einkommen durch Fixkosten, Versicherungen und Alltagsausgaben zunehmend unter Druck.

Der Druck erreicht Haushalte, die weiterhin Arbeit und Lohn haben und ihre Rechnungen pünktlich bezahlen. Auf dem Markt in Vevey im Kanton Waadt beschreiben Kundinnen und Kunden alltägliche Einkäufe als zunehmend schwierig. Eine Kundin sagte, die Preise würden unerträglich. Eine andere verglich den Kauf von zwei oder drei Artikeln mit dem «Versuch, Gold zu kaufen». Ihre Aussagen spiegeln einen breiteren Druck wider, der durch Fixkosten, Versicherungsprämien, Lebensmittel, Treibstoff und Wohnkosten entsteht.
Die Belastung zeigt sich in Haushalten mit sehr unterschiedlichen finanziellen Verhältnissen. In Lucens verdienen die Pflegefachfrau Sabrina Meriem und der kommunale Landschaftsgärtner Mathieu Rochat zusammen netto CHF 11'200 pro Monat. Dennoch kosten Steuern, Hypothek, Krankenversicherung, Lebensmittel und Treibstoff mehr als CHF 7'000. Sie könnten die Rechnungen bezahlen, sagte Rochat, aber für Familienaktivitäten bleibe weniger Geld übrig.
Dieser Unterschied ist in der Schweiz wichtig, wo die Mittelschicht oft als wirtschaftlicher Motor des Landes gilt. Eine stabile Beschäftigung schützt Familien nicht vor einem Budget, das von wiederkehrenden Ausgaben dominiert wird. Steigen diese Kosten, haben die Haushalte nur wenig Spielraum. Sie verschieben Anschaffungen, schränken Freizeitaktivitäten ein und achten genauer auf den Kontostand am Monatsende.
Fixkosten schmälern den Spielraum
Mehr als CHF 7'000 pro Monat verschwinden aus dem Budget einer Familie in Lucens, bevor Ausgaben für Wünsche überhaupt beginnen. Die Zahlen von Meriem und Rochat zeigen, wie sich mehrere gewöhnliche Verpflichtungen zu einer hohen monatlichen Belastung summieren können. Steuern, Hypothek, obligatorische Krankenversicherung, Lebensmittel und Treibstoff müssen alle aus demselben Einkommen bezahlt werden. Keine dieser Ausgaben lässt sich einfach streichen, und mehrere sind wiederkehrende Verpflichtungen statt gelegentlicher Anschaffungen.
Heizöl ist für die Familie zu einem besonderen Sorgenpunkt geworden. Rochat hat beschlossen, den Tank des Hauses nicht vollständig zu füllen. Er hofft, dass der verbliebene Vorrat bis zum Ende des Winters reicht und die Preise sinken. Die Entscheidung zeigt, wie Familien neben den aktuellen Kosten auch mit Risiken umgehen. Ein Haushalt kann zahlungsfähig bleiben und dennoch stärker von einer Kälteperiode, einer Reparaturrechnung oder einer weiteren Erhöhung grundlegender Ausgaben betroffen sein.
Die emotionale Wirkung zeigt sich deutlich in Rochats Beschreibung des Familienlebens. Es geht nicht um eine unbezahlte Rechnung. Es geht um den schrumpfenden Betrag, der nach dem Bezahlen der Rechnungen übrig bleibt. Ferien, Restaurantbesuche und andere Aktivitäten gehören zu den ersten Ausgaben, die gekürzt werden. Für Haushalte mit Hypothek und Kindern kann dieser Verlust an Flexibilität die Entscheidungen über Monate hinweg prägen.
Familien sparen bei Freizeit und Lebensmitteln
89% der Befragten in der Romandie gaben an, ihre monatlichen Ausgaben inzwischen genau zu verfolgen. Die im Januar 2026 durchgeführte Umfrage von Qualinsight dokumentiert eine breite Veränderung im Verhalten der Haushalte. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, bei Freizeitaktivitäten und Ferien zu sparen. 47% sagten, sie machten Abstriche beim Essen.
Diese Entscheidungen zeigen, wo Familien noch Anpassungen vornehmen können. Eine Hypothek, eine Steuerrechnung oder eine Krankenversicherungsprämie lassen sich meist nicht kurzfristig senken. Restaurantbesuche, Wochenendausflüge und die Qualität oder Menge der eingekauften Lebensmittel bieten unmittelbarere Möglichkeiten, die Ausgaben zu kontrollieren. Diese Flexibilität geht zulasten des Alltags, besonders für Haushalte, in denen Vollzeit gearbeitet wird und die ohnehin nur wenig freie Zeit haben.
Dasselbe Muster zeigt sich auf dem Markt in Vevey, wo Kundinnen und Kunden erzählen, weniger Artikel zu kaufen und vor Ausgaben stärker abzuwägen. Die Umfrage legt nicht nahe, dass alle Haushalte gleich stark betroffen sind. Sie zeigt jedoch, dass finanzielle Vorsicht weit über die Gruppe mit den tiefsten Einkommen hinausreicht. Haushalte mit mittlerem Einkommen ändern ihr Konsumverhalten, weil höhere wiederkehrende Kosten weniger Raum für Entscheidungen lassen, die früher selbstverständlich schienen.
Für Unternehmen, die auf die Ausgaben der einheimischen Kundschaft angewiesen sind, haben weniger Restaurantbesuche, kürzere Ferien und kleinere Einkaufskörbe ebenfalls Folgen.
Transportentscheidungen haben ihren Preis
Transportkosten können Entscheidungen erzwingen, die die Lebensweise dauerhaft verändern. Eine Frau in Vevey, die eine staatliche Rente von CHF 1'700 pro Monat erhält, verkaufte ihr Auto, weil Parkplatz, Versicherung und weitere Betriebskosten unerschwinglich geworden waren. Dadurch entfällt zwar eine grosse Ausgabe, gleichzeitig kann der Zugang zu Geschäften, Gesundheitsversorgung, Arbeit und sozialen Kontakten eingeschränkt werden, besonders ausserhalb dicht besiedelter städtischer Gebiete.
Ihre Erfahrung steht neben den Entscheidungen berufstätiger Haushalte. In Lucens fliesst der Treibstoff in die monatliche Rechnung einer Pflegefachfrau und eines kommunalen Landschaftsgärtners ein. Im ländlichen Waadt, wo die täglichen Wege länger und die öffentlichen Verkehrsmittel weniger praktisch sein können, konkurrieren die Treibstoffkosten mit Ausgaben für Lebensmittel, Wohnen und Versicherungen.
Die vorliegenden Berichte enthalten keinen regionalen Vergleich des Autobesitzes oder der Nutzung des öffentlichen Verkehrs. Sie zeigen jedoch, dass der Transport Teil der Sparbemühungen der Haushalte geworden ist. Ein Auto kann für die Arbeit oder die Organisation des Familienalltags unverzichtbar sein, doch seine fixen und variablen Kosten können es zu einem der wenigen grossen Posten machen, auf die Menschen verzichten können.
Ein Fahrzeug zu verkaufen, weniger zu fahren oder den Unterhalt aufzuschieben, kann die Ausgaben rasch senken. Jede dieser Möglichkeiten kann den Handlungsspielraum eines Haushalts zugleich einschränken, besonders bei älteren Menschen und Familien, die ausserhalb grösserer Zentren leben.
Das Einkommen beendet den finanziellen Druck nicht
Ein Familienbetrieb in Poliez-Pittet gibt ein jährliches Bruttoeinkommen von rund CHF 280'000 und regelmässige Ausgaben von CHF 20'000 pro Monat an. Die Zahlen unterstreichen den Unterschied zwischen Einkommen und dem Geld, das im Alltag zur Verfügung steht. Im Bruttoeinkommen sind Steuern, Betriebskosten, Schulden, Versicherungen und weitere Ausgaben, die bestimmen, was ein Haushalt tatsächlich ausgeben kann, nicht berücksichtigt.
Aurore Carrard beschreibt es unverblümt: «Wir arbeiten, um die Rechnungen zu bezahlen, mehr nicht.» Die Erfahrungen ihrer Familie, die Entscheidung der Familie in Lucens zum Heizöl und der Autoverkauf der Rentnerin weisen auf dieselbe Anpassung in verschiedenen Teilen des Kantons Waadt hin. Die Menschen sichern zuerst die wichtigsten Zahlungen und kürzen danach Aktivitäten, Reisen, die Auswahl bei Lebensmitteln und Transport, wo immer möglich.
Die Umfrage vom Januar deutet darauf hin, dass solche Entscheidungen in der Romandie weit verbreitet sind. 89% verfolgen ihre monatlichen Ausgaben genau, mehr als die Hälfte schränken Freizeit und Ferien ein und 47% sparen bei Lebensmitteln. Diese Zahlen geben einen Einblick in das Verhalten, sind aber kein vollständiges Mass für die finanzielle Not der Haushalte. Sie zeigen dennoch, wie die Lebenshaltungskosten den Alltag verändern.
Der Druck wird weiterhin daran sichtbar sein, was die Menschen aufschieben oder aufgeben: ein Restaurantbesuch am Wochenende, einen vollen Heizöltank, ein Auto oder einen grösseren Lebensmitteleinkauf. Im Kanton Waadt stellen sich Haushalte diese Fragen bereits Monat für Monat.