Volkswagen
Volkswagens Umbau rückt ausgewählte Schweizer Zulieferer in den Fokus
Der umfassende Umbau bei Volkswagen dürfte sich kurzfristig nur begrenzt auf die meisten Schweizer Automobilzulieferer auswirken. Feintool könnte jedoch stärker betroffen sein, weil das Unternehmen von der europäischen Fahrzeugproduktion abhängig ist. Der Artikel beleuchtet, wie sich der Wandel in der deutschen Autoindustrie auf Schweizer Hersteller auswirkt.

Volkswagens Plan umfasst 100'000 Stellen, doch Schweizer Zulieferer sind bisher von einem breit angelegten Marktschock verschont geblieben. Der Aufsichtsrat des deutschen Autobauers genehmigte am Donnerstag, 3. September 2026, einstimmig den «Plan für die Zukunft 2030». Das Programm sieht weltweit rund 50'000 weitere Stellenstreichungen vor, zusätzlich zu den 50'000 Stellen, deren Abbau in Deutschland ab 2024 bereits beschlossen wurde. Zusammen entsprechen die Kürzungen rund 15% der weltweiten Belegschaft von Volkswagen.
Die unmittelbaren Auswirkungen auf die Schweiz sind selektiv. Feintool mit Hauptsitz in Lyss im Kanton Bern ist am deutlichsten gefährdet, weil das Unternehmen Komponenten liefert, die eng mit der europäischen Fahrzeugproduktion verknüpft sind. Das Portfolio umfasst Antriebsstrang- und Sitzkomponenten sowie Teile für Elektromotoren und Batterien. Analysten sagen, diese Abhängigkeit mache das Unternehmen besonders anfällig für Veränderungen bei Volkswagens Produktionsvolumen und Fabrikstandorten.
Andere Schweizer Hersteller verfügen über eine stärker diversifizierte Kundenbasis oder verkaufen Ausrüstung, die auch während eines Fabrikumbaus gefragt bleiben könnte. Dieser Unterschied ist für eine Branche wichtig, die alles von Präzisionsbefestigungen bis zu Produktionsmaschinen liefert. Volkswagens Umbau wird deshalb einzelne Geschäftsmodelle auf die Probe stellen, statt der Schweizer Industrie einen einheitlichen Schlag zu versetzen.
Feintool steht besonders im Fokus
Feintool ist unter den von Analysten genannten Schweizer Unternehmen am stärksten direkt betroffen. Der Hersteller aus Lyss produziert Stanz- und Umformteile für Antriebsstränge und Sitze von Fahrzeugen sowie Komponenten für Elektromotoren und Batterien. Torsten Sauter von Kepler Cheuvreux sagte gegenüber AWP, Feintool sei der Schweizer Zulieferer, der am unmittelbarsten von den Produktionsvolumen der europäischen Automobilindustrie abhänge.
Diese Abhängigkeit verleiht Volkswagens Standortentscheidungen besondere Bedeutung. Eine Produktionskürzung, eine Änderung bei der Beschaffung oder Verzögerungen bei Modellprogrammen könnten die Bestellungen von Teilen beeinträchtigen, selbst wenn sich der deutsche Konzern nicht aus dem Markt zurückzieht. Feintools Aktien spiegelten diese Sorge am 4. September wider und verloren bis gegen Mittag 3,2%.
Die Einschätzung zur Betroffenheit stammt von Analysten und ist keine Prognose eines konkreten Auftragsverlusts. Volkswagen plant, ausgewählte Standorte zu schliessen und die Kapazitäten an anderen Orten auszubauen. Die endgültigen Auswirkungen auf die Zulieferer hängen davon ab, welche Werke ausgebaut werden, welche Modelle verlagert werden und wie die Beschaffungsverträge europaweit verteilt werden. Für Feintool rückt der europäische Marktbedarf in den Mittelpunkt, nicht nur die Schlagzeile über die Zahl der Stellen bei Volkswagen.
Diversifizierung federt die Auswirkungen auf die Zulieferer ab
Die meisten anderen börsenkotierten Schweizer Zulieferer sind durch Puffer weniger stark von Volkswagen abhängig. Arben Hasanaj von Vontobel schätzt, dass Autoneum aus Winterthur, spezialisiert auf Akustik- und Wärmemanagement in Fahrzeugen, nur 5% bis 7% seines Geschäfts mit Volkswagen macht. Die Aktien des Unternehmens stiegen am 4. September bis gegen Mittag um 0,6%, obwohl Volkswagen den Stellenabbau in grossem Umfang angekündigt hatte.
Auch SFS, Hersteller von Metallbefestigungslösungen und Montagekomponenten, Ems Chemie, ein Spezialchemieproduzent, und Komax, Hersteller von Maschinen für die Kabelverarbeitung, dürften vom Umbau kaum direkt stark betroffen sein. Ihre Produkte bedienen breitere Industrie- und Automobilmärkte, wodurch die Folgen der Standortentscheide eines einzelnen Kunden begrenzt bleiben.
Die Diversifizierung ist gezielt erfolgt. Hasanaj sagte, Schweizer Zulieferer hätten jahrelang auf die Schwäche der europäischen Industrie reagiert, indem sie ihre Betriebe umstrukturiert und in andere Märkte expandiert hätten, insbesondere nach China. Komax könnte von Volkswagens Bestrebungen nach mehr Automatisierung profitieren, da die Hersteller ihre Produktivität steigern und Kosten kontrollieren wollen. Die Aktien des Unternehmens gaben bis gegen Mittag dennoch 0,5% nach, während Ems Chemie 0,2% verlor und SFS unverändert blieb. Die Marktreaktion deutet auf eine differenzierte Entwicklung statt auf einen flächendeckenden Ausverkauf der Branche hin.
Schweizer Zulieferer beobachten, wo Kapazitäten angesiedelt werden
Durch die Neuordnung der Volkswagen-Werke könnte sich die Arbeit verlagern, statt wegzufallen. Walter Bamert von der Zürcher Kantonalbank sagte, der Umbau bedeute nicht automatisch einen Rückgang der Fahrzeugproduktion. Der Konzern plant, bestimmte Standorte zu schliessen und die Kapazitäten an anderen auszubauen. Die Zulieferer müssen sich daher an der neuen geografischen Verteilung der Produktion orientieren. Bei einem Rückgang von Volkswagens Produktion in Europa könnten zudem Konkurrenten Marktanteile gewinnen.
Der breitere Markt bietet eine gewisse Unterstützung. Die weltweite Fahrzeugproduktion bleibt der Quelle zufolge stabil, begünstigt durch die wachsende Mittelschicht in Entwicklungsländern. Dieses Wachstum schafft für Schweizer Hersteller einen Anreiz, den Absatz weiter aus dem schwachen europäischen Markt in schneller wachsende Regionen zu verlagern. Es beseitigt jedoch nicht den Druck durch hohe Kosten, den technologischen Wandel bei Antrieben oder Volkswagens Beschaffungsentscheide.
Für die Schweiz werden die nächsten Hinweise aus der Verteilung der Produktion auf die Werke, den Zulieferaufträgen und den Investitionsplänen kommen, nicht allein aus der Zahl der Stellen. Feintool bleibt das am stärksten exponierte Unternehmen der Gruppe. Autoneum, SFS, Ems Chemie und Komax gehen mit breiterem Schutz in den Umbau, während Komax von zusätzlicher Nachfrage profitieren könnte, falls die Automatisierung zu einem zentralen Bestandteil von Volkswagens Betriebsmodell wird. Schweizer Hersteller beobachten, wo Kapazitäten angesiedelt werden und welche Technologien Fördermittel erhalten.