UNHCR
UNHCR-Chef warnt: Finanzierungslücke macht die Hilfe unmöglich
UNHCR-Chef Barham Saleh sagt, die Arbeit der Organisation sei «unmöglich» geworden, da die Finanzierung nur 35% ihres Aufrufs über 8,5 Milliarden Dollar für das laufende Jahr deckt. Die Hilfe für 50 000 Überlebende des Konflikts im Sudan ist gefährdet, während die Registrierung von Flüchtlingen in Äthiopien ausgesetzt wurde.

Bis zum 9. Oktober 2026 waren nur 35% des 8,5 Milliarden Dollar schweren UNHCR-Aufrufs finanziert. In Genf sagte Hochkommissar Barham Saleh, die Finanzierungslücke bringe die Organisation an den Rand einer «unmöglichen» Aufgabe, während sie versuche, Flüchtlinge und Vertriebene in zahlreichen Krisen zu schützen.
Saleh sprach am 13. Oktober an der Eröffnung der Sitzung des Exekutivkomitees der UNO-Flüchtlingsorganisation. Er räumte ein, dass die Mitgliedstaaten unter finanziellem Druck stehen, warnte aber zugleich, interne Einsparungen könnten fehlende Beiträge nicht unbegrenzt ausgleichen. «Effizienz hat ihre Grenzen», sagte er. «Es kommt ein Punkt, an dem sich ein Ressourcenmangel nicht mehr durch höhere Effizienz ausgleichen lässt.»
Die Folgen sind in den Einsätzen vor Ort bereits sichtbar. Die Hilfe für 50 000 Überlebende des Konflikts im Sudan ist von Kürzungen bedroht, während das UNHCR die Registrierung Zehntausender Flüchtlinge in Äthiopien ausgesetzt hat. Die Registrierung stellt Dokumente aus und hilft den Menschen, Zugang zu Schutz und Dienstleistungen zu erhalten. Ein Unterbruch kann dazu führen, dass Vertriebene keine formelle Verbindung zu dem System haben, das ihnen helfen soll.
Die Finanzierungslücke ist auch in Genf von Bedeutung, wo die Organisation einen weltweiten Einsatz koordiniert und gleichzeitig ihre eigenen Strukturen abbaut. Saleh fordert von den Geldgebern eine frühere, besser planbare und flexiblere Finanzierung.
Geldgeber hinterlassen wachsende Finanzierungslücke
Die Organisation hat ungefähr einen Dollar für jeweils drei beantragte Dollar erhalten. Mit dem UNHCR-Aufruf für 2026 sollen 8,5 Milliarden Dollar aufgebracht werden, doch die bis vergangenen Freitag verzeichneten Beiträge deckten nur 35% dieses Betrags. Die verbleibenden 65% stehen für Programme, die angesichts des weiter wachsenden Bedarfs verschoben, gekürzt oder aufgegeben werden müssen.
Salehs Warnung folgt auf jahrelangen Druck auf die humanitären Budgets. Das UNHCR rechnet derzeit für 2027 mit weniger als 2,7 Milliarden Dollar, auch wenn der Betrag vor Jahresende noch steigen könnte, wenn die Geldgeber zu einer Finanzierungskonferenz zusammenkommen. Die Organisation fordert die Regierungen auf, Mittel früher im Haushaltszyklus zuzusagen, verlässlichere mehrjährige Unterstützung zu leisten und den Teams vor Ort mehr Flexibilität bei der Verwendung der Gelder zu geben.
Zweckgebundene Spenden können dazu führen, dass das UNHCR Geld nicht rasch umverteilen kann, wenn sich eine Krise verändert. Flexible Beiträge ermöglichen es der Organisation, Mittel zwischen Notunterkünften, Registrierung, Schutz und Bargeldhilfe zu verschieben. Planbarkeit hilft ihr zudem, Mitarbeitende zu halten und Beschaffungen zu planen.
Die Zahlen zeigen, weshalb Saleh die Vorstellung zurückgewiesen hat, eine weitere Runde von Effizienzmassnahmen könne das Problem allein lösen. «Es ist ein Unterschied, mit weniger mehr zu leisten oder aufgefordert zu werden, das Unmögliche zu tun», sagte er dem Komitee.
UNHCR baut sich mit weniger Personal neu auf
Seit 2024 haben fast 8000 Personen das UNHCR verlassen. Gemäss Zahlen, über die Swissinfo im Oktober 2025 berichtete, ist die Belegschaft der Organisation von knapp 20 000 Mitarbeitenden auf knapp 12 000 gesunken. Diesen Kürzungen gingen Finanzierungskürzungen der Vereinigten Staaten und anderer Länder voraus.
Seit seinem Amtsantritt Anfang Januar hat Saleh eine unabhängige Bewertung der Arbeit des UNHCR in Auftrag gegeben. Er strebt eine agilere und nachhaltigere Organisation mit einer engeren Zusammenarbeit innerhalb des humanitären UNO-Systems an, insbesondere bei der Beschaffung. Die Änderungen werden an 31 Standorten eingeführt.
Die Umstrukturierung soll Strukturen vereinfachen, Zuständigkeiten klären und die Zahl der Direktorinnen und Direktoren, die direkt politischen Stellen unterstellt sind, von 12 auf 6 senken. Saleh plant zudem, künstliche Intelligenz stärker in den Einsätzen einzusetzen. Technologie kann jedoch weder die Präsenz vor Ort noch ausgebildete Fachkräfte im Bereich Schutz oder einen verlässlichen Zugang zu vertriebenen Gemeinschaften ersetzen.
Das UNHCR sagt, sein Betriebsmodell bringe bereits die meisten Mitarbeitenden und Ressourcen in die Nähe der Menschen, denen es dient. 88 Prozent der Mitarbeitenden arbeiten ausserhalb Genfs, rund 70% sind lokale Angestellte und etwa 95% der Ressourcen fliessen in die Hilfe in den Ländern, in denen die Organisation tätig ist. Diese Zahlen machen deutlich, woran sich die Reorganisation messen lassen muss: Einsparungen am Hauptsitz müssen zu anhaltender Einsatzfähigkeit vor Ort führen.
Die Kürzungen treffen zuerst die Einsätze vor Ort
Der Sudan und Äthiopien zeigen, wie eine Finanzierungslücke die Menschen erreicht, bevor sie in einem Jahresbericht auftaucht. Im Sudan ist die Hilfe für 50 000 Überlebende des Konflikts gefährdet. Das Land ist von einer der weltweit grössten Vertreibungskrisen betroffen, die hohe Anforderungen an Schutz, Unterkünfte und Nothilfe stellt.
In Äthiopien hat das UNHCR die Registrierung Zehntausender Flüchtlinge ausgesetzt. Die Registrierung ist ein Verwaltungsverfahren, hat aber praktische Folgen. Sie hilft, die Identität festzustellen, unterstützt die Vermittlung an Schutzangebote und verschafft Behörden und Hilfsorganisationen einen besseren Überblick darüber, wer Hilfe benötigt. Verzögerungen können es erschweren, gefährdete Menschen ausfindig zu machen und Dienstleistungen zu planen.
Die Entscheidungen der Organisation spiegeln einen umfassenderen operativen Druck wider. Die Mitarbeitenden müssen die dringendsten Fälle priorisieren und gleichzeitig Arbeiten aufschieben, die künftigen Schaden verhindern. Einen grossen Teil dieser Verantwortung tragen häufig die lokalen Teams. Gemäss den Zahlen der Organisation sind rund 70% der UNHCR-Mitarbeitenden lokale Angestellte. Sie kennen die Gemeinschaften, denen sie dienen, aus erster Hand und sind zugleich dem Druck lang anhaltender Krisen ausgesetzt.
Salehs Forderung nach flexibler Finanzierung hängt mit diesen Bedingungen zusammen. Plötzliche Vertreibungen richten sich nicht nach den Zeitplänen der Geldgeber, und die Büros vor Ort brauchen die Befugnis, Programme anzupassen, wenn Konflikte, Grenzbewegungen oder neu eintreffende Menschen die Lage verändern.
Genf blickt auf die nächste Bewährungsprobe für Geldgeber
Genf bleibt das Koordinationszentrum einer Organisation, deren Krise sich weit ausserhalb der Schweiz abspielt. An der Sitzung des Exekutivkomitees des UNHCR kommen Regierungen und Beamtinnen und Beamte zusammen, um zu entscheiden, wie die Flüchtlingsorganisation mit weniger Ressourcen arbeiten soll. Die Entscheidungen werden sich auf Büros vor Ort in Afrika, im Nahen Osten und in anderen Regionen auswirken, in denen Menschen Zuflucht suchen, nachdem sie ihre Heimat verlassen mussten.
Für die Schweiz hat die Finanzierungsdebatte auch eine lokale Dimension. In Genf sind das UNHCR und ein breiteres humanitäres Netzwerk ansässig, das internationale Mitarbeitende, Forschende, Dienstleistungsanbieter und diplomatische Vertretungen unterstützt. Frühere Einfrierungen von Finanzierungen haben bereits Arbeitsplätze reduziert und den Wettbewerb unter den in Genf ansässigen Organisationen verschärft, wie Swissinfo berichtete.
Salehs geplante Reformen sollen Doppelspurigkeiten zwischen dem Hauptsitz und den Regionalbüros abbauen und die Organisation näher zu den Menschen bringen, denen sie hilft. Zu seinen Plänen gehören eine engere Zusammenarbeit bei der Beschaffung mit anderen humanitären UNO-Organisationen und ein verstärkter Einsatz künstlicher Intelligenz. Das Ergebnis hängt davon ab, ob die Geldgeber rechtzeitig Mittel bereitstellen, damit diese Änderungen die Einsätze unterstützen, statt den Wegfall von Ressourcen auszugleichen.
Dem UNHCR stehen nun eine Geberkonferenz und eine schwierige Prognose für 2027 bevor. Die Regierungen werden entscheiden, ob die Organisation über unmittelbare Notlagen hinaus planen kann, während vertriebene Familien im Sudan, in Äthiopien und anderswo auf Dienstleistungen warten, die von diesen Entscheidungen abhängen.