Armut
Caritas warnt, Armut trotz Erwerbstätigkeit werde unterschätzt
Caritas zufolge können rund 360’000 erwerbstätige Personen in der Schweiz ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten. Angesichts steigender Krankenkassenprämien fordert die Organisation gezielte Massnahmen.

Laut Caritas Schweiz können fast 360’000 erwerbstätige Personen in der Schweiz ihren regelmässigen Haushaltsbedarf nicht decken. Das entspricht 8,8% der erwerbstätigen Bevölkerung. Die Organisation sagt, der Wert sei seit der Einführung der aktuellen Messmethode im Jahr 2014 noch nie so hoch gewesen.
Caritas warnte am Montag, 28. September 2026, vor den angekündigten höheren Krankenkassenprämien. Steigende Prämien drohen einen noch grösseren Teil von Haushaltsbudgets zu beanspruchen, die bereits kaum Spielraum für Lebensmittel, Kinderbetreuung, Transport oder unerwartete Rechnungen lassen.
Werden die Familienmitglieder mitgezählt, zeigt sich ein noch grösseres Ausmass. Mehr als 820’000 Personen leben laut Caritas in Haushalten, die von Armut trotz Erwerbstätigkeit betroffen sind. Die Zahlen stellen die Annahme infrage, dass eine Erwerbstätigkeit allein in einem der wohlhabendsten Länder Europas vor Armut schützt.
Ein von der Organisation vorgestellter Fall veranschaulicht den Druck. Ein Vollzeit-Chauffeur im Kanton Zürich verdient kaum genug, um eine sechsköpfige Familie zu unterstützen. Der Beitrag für den Krippenplatz seines jüngsten Sohnes übersteigt das verfügbare Familienbudget.
Caritas fordert Bund und Kantone auf, gezielte Massnahmen für Menschen zu ergreifen, deren Einkommen über der Schwelle für Sozialhilfe liegt, die aber dennoch ihre grundlegenden Kosten nicht decken können.
Familien stossen an die Grenzen ihres Budgets
Mehr als 820’000 Personen sind betroffen, wenn die Haushaltsmitglieder mitgezählt werden. Damit wird aus einem Problem des Arbeitsmarkts auch eine Frage der Familien- und Sozialpolitik. Laut Caritas erhalten Menschen mit einem Einkommen knapp über der Armutsgrenze häufig keine Sozialhilfe, obwohl die Fixkosten fast ihr gesamtes Einkommen aufzehren.
Aline Masé, Leiterin des Bereichs Forschung und Politik bei Caritas Schweiz, sagte, dass Haushalte mit den tiefsten Einkommen fast ihre gesamten Mittel für Fixkosten und lebensnotwendige Ausgaben aufwenden. Dadurch bleibt kaum Spielraum, um höhere Prämien, steigende Mieten oder Betreuungskosten aufzufangen.
Besonders gross ist der Druck für Familien. Laut Caritas leben rund 180’000 armutsgefährdete Personen im Erwerbsalter mit Kindern. Ein Elternteil kann erwerbstätig sein und dennoch Mühe haben, die Betreuung zu bezahlen, die eine Erwerbstätigkeit erst ermöglicht. In solchen Fällen können die Kosten der Erwerbstätigkeit den Nutzen des verdienten Lohns zunichtemachen.
Krankenkassenprämien stellen landesweit eine Belastung dar, weil die Grundversicherung obligatorisch ist. Prämienverbilligungen helfen einigen Haushalten, doch Anspruch und Unterstützungshöhe unterscheiden sich je nach Kanton. Caritas argumentiert, dass die bestehenden Schutzmassnahmen erwerbstätige Haushalte nicht ausreichend erreichen, deren Einkommen für Sozialhilfe zu hoch, aber zu tief ist, um finanzielle Rücklagen zu bilden.
Die Warnung der Organisation kommt zu einem Zeitpunkt, da Kantone und Bund darüber beraten, wie sich die Lebenshaltungskosten eindämmen lassen, ohne den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen zu beeinträchtigen.
Unregelmässige Arbeit erschwert den Weg zu besseren Stellen
Schlecht bezahlte Arbeit, unregelmässige Arbeitszeiten und eine begrenzte Ausbildung verstärken sich gegenseitig, so Caritas. Menschen ohne nachobligatorische Ausbildung sind stärker von Armut trotz Erwerbstätigkeit bedroht. Wer jedoch in unsicheren Arbeitsverhältnissen beschäftigt ist, hat oft weder das Geld noch die Zeit für eine Weiterbildung.
Pierre-Alain Praz, Direktor von Caritas Waadt, sagte, viele der betroffenen Arbeitnehmenden hätten schlecht bezahlte Stellen mit unregelmässigen Arbeitszeiten. Arbeit auf Abruf und Stundenverträge können dazu führen, dass Beschäftigte auf Einsätze warten, ohne zu wissen, wie viele Stunden sie arbeiten werden. Diese Unsicherheit erschwert die Planung von Kinderbetreuung, Wohnkosten oder Schuldentilgungen.
Alleinerziehende müssen besonders knapp kalkulieren. Sie müssen Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung ohne zweites Einkommen im Haushalt miteinander vereinbaren. Ein abgesagter Einsatz kann das Einkommen schmälern, während zusätzliche Betreuungskosten höher ausfallen können als der Lohn für die verfügbare Arbeit.
Caritas fordert Stipendien, die mehr als nur die Kursgebühren abdecken. Die vorgeschlagene Unterstützung soll während der Ausbildung auch den Verdienstausfall und die Kinderbetreuungskosten ausgleichen. So könnten sich Menschen in schlecht bezahlten Beschäftigungen weiterqualifizieren, ohne ihre Familien noch tiefer in die Verschuldung zu treiben.
Die Sorge betrifft auch Schulen und die Zukunftschancen von Kindern. Eine aktuelle Analyse von UNICEF ergab, dass die familiäre Herkunft die Bildungschancen in der Schweiz stark beeinflusst. Caritas zufolge muss die Bekämpfung von Armut trotz Erwerbstätigkeit frühzeitig ansetzen, bevor eine Einkommenskrise die Bildung eines Kindes beeinträchtigt.
Caritas legt ein umfassenderes Massnahmenpaket vor
Caritas fordert als erste Elemente einer gezielten Antwort einen gesetzlichen Mindestlohn und besser planbare Arbeitszeiten. Die Organisation will ausserdem, dass Arbeitgeber für klarere Arbeitsabläufe und Einsatzpläne sorgen, um die Unsicherheit durch Arbeit auf Abruf und Stundenverträge zu verringern.
Die Vorschläge gehen über den Lohn hinaus. Caritas setzt sich für einen Ausbau der Ergänzungsleistungen für Familien und für Stipendien für erwerbstätige Menschen ein, die sich weiterbilden müssen. Diese Stipendien sollen Kursgebühren, Verdienstausfall und Kinderbetreuungskosten abdecken, drei Kostenpunkte, die schlecht bezahlte Arbeitnehmende daran hindern können, ihre Lage zu verbessern.
Ergänzungsleistungen für Familien gibt es laut Caritas bereits in fünf Kantonen. Die Organisation fordert einen breiteren Zugang, damit die Unterstützung nicht so stark davon abhängt, wo eine Familie lebt. Unterschiede zwischen den Kantonen sind ein wiederkehrendes Merkmal der Schweizer Sozialpolitik und betreffen Sozialhilfe, Kinderbetreuungskosten und Prämienverbilligungen.
Der Aufruf erhöht auch den Druck auf die Politik, zu prüfen, wie Unterstützungsleistungen schrittweise wegfallen. Ein Haushalt kann knapp zu viel verdienen, um Anspruch auf Sozialhilfe zu haben, während zugleich Leistungen wegfallen und obligatorische Ausgaben steigen. Diese Lücke kann dazu führen, dass sich zusätzliche Arbeitsstunden oder eine bescheidene Lohnerhöhung finanziell kaum lohnen.
Caritas schlägt keine einzelne Massnahme vor, die Armut trotz Erwerbstätigkeit beheben würde. Ihr Programm verbindet Löhne, Arbeitsbedingungen, Familienunterstützung und Bildung. Angesichts steigender Krankenkassenprämien sollten die Behörden diese Bereiche gemeinsam angehen, so die Organisation.
Höhere Prämien stellen das Schweizer Sicherheitsnetz auf die Probe
Die nächste Bewährungsprobe kommt, wenn höhere Krankenkassenprämien auf bereits stark beanspruchte Haushaltsbudgets treffen. Caritas zufolge sind jene Menschen am stärksten betroffen, die arbeiten, Kinder betreuen und knapp ausserhalb der bestehenden Sicherheitsnetze bleiben.
Die Schätzung der Organisation vermittelt der Politik einen umfassenden Eindruck von der Herausforderung: 8,8% der erwerbstätigen Bevölkerung können trotz Erwerbstätigkeit ihren regelmässigen Haushaltsbedarf nicht decken. Mehr als 820’000 Personen leben in den betroffenen Haushalten. Die Zahlen umfassen Arbeitnehmende, deren prekäre Lage in Arbeitslosenstatistiken oder herkömmlichen Sozialhilfestatistiken möglicherweise nicht sichtbar wird.
Bund und Kantone werden darüber entscheiden, in welchem Umfang Prämienverbilligungen, Familienleistungen und Unterstützung für Aus- und Weiterbildung Haushalte mit tiefen, aber steuerbaren Einkommen erreichen. Auch Arbeitgeber und Gesetzgeber müssen über Mindestlöhne, planbare Schichten und den Einsatz von Arbeit auf Abruf entscheiden.
Für Familien ist die unmittelbare Rechnung ganz praktisch. Eine höhere Prämie, eine Krippenrechnung oder ein ausgefallener Arbeitseinsatz kann den kleinen Betrag aufzehren, der nach Miete und Lebensmitteln übrig bleibt. Caritas argumentiert, dass die Politik diese Kosten berücksichtigen sollte, bevor ein Haushalt in die formelle Armut abrutscht.
Die Debatte wird den Schweizer Ansatz zum Sozialschutz auf die Probe stellen, insbesondere die starke Ausrichtung auf Erwerbstätigkeit als wichtigsten Weg zu finanzieller Sicherheit. Caritas fordert Massnahmen, die den tatsächlichen Budgets erwerbstätiger Haushalte Rechnung tragen und nicht nur ihrem Erwerbsstatus oder ihrem Anspruch auf Unterstützung.