öffentliche Gesundheit
Schweizer Tuberkulosefälle erreichen höchsten Stand seit sieben Jahren
Die Schweiz verzeichnete 2025 544 Tuberkuloseinfektionen, die höchste Zahl seit 2018. Der Anstieg konzentrierte sich auf im Ausland geborene Menschen sowie auf Jugendliche und junge Erwachsene. Dadurch stellen sich erneut Fragen zur Erkennung, Prävention und zum Zugang zur Versorgung.

Die Schweiz verzeichnete 2025 544 Tuberkuloseinfektionen, die höchste Jahreszahl des Landes seit 2018. Die vom Bundesamt für Gesundheit am 24. September veröffentlichten Zahlen schliessen Liechtenstein ein und zeigen einen Anstieg um 112 Fälle gegenüber 2024.
Die Melderate stieg von 4,8 auf 6,0 Fälle pro 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Damit setzt sich ein Trend fort, der 2022 begann und sich im vergangenen Jahr beschleunigte. Laut BAG verzeichnete die Schweiz weiterhin weniger Fälle als der europäische Durchschnitt von 8,4 pro 100'000.
Tuberkulose bleibt eine behandelbare Infektionskrankheit. Ihre Eindämmung hängt jedoch davon ab, Fälle rasch zu erkennen und sicherzustellen, dass die Patientinnen und Patienten die Therapie abschliessen. Die aktuellen Zahlen rücken beide Aufgaben in den Fokus. Bei 70,6 Prozent der Fälle war ein Behandlungsergebnis erfasst, deutlich weniger als der von der Weltgesundheitsorganisation festgelegte Richtwert von 90 Prozent.
Das BAG führt den Anstieg vor allem auf im Ausland geborene Menschen sowie auf Jugendliche und junge Erwachsene zurück. Damit erhält die nationale Gesamtzahl eine spezifische demografische Prägung. Zugleich erhöht sich der Druck auf Früherkennung, Übersetzungsangebote, Nachverfolgung und eine kontinuierliche Versorgung im schweizerischen Gesundheits- und Asylsystem.
Jugendliche treiben den stärksten Anstieg
Die Zahl der Fälle bei 15- bis 19-Jährigen hat sich innerhalb eines Jahres von 51 auf 102 verdoppelt. Diese Altersgruppe wies in den aktuellen Zahlen mit 22,3 Fällen pro 100'000 Personen die höchste Infektionsrate auf.
Das Altersmuster ist eines der deutlichsten Signale in den BAG-Daten. Jugendliche und junge Erwachsene kommen möglicherweise über Schulen, Empfangszentren, die Berufsbildung oder die reguläre medizinische Versorgung mit Gesundheitsdiensten in Kontakt. Jeder dieser Bereiche kann eine Gelegenheit bieten, Symptome zu erkennen, eine mögliche Ansteckung abzuklären und Betroffene mit einer Behandlung zu verbinden.
Auf Männer entfielen 366 Fälle, deutlich mehr als auf Frauen. Die Quelldaten liefern keine weitere Erklärung für diesen Unterschied. Allein anhand der Zahlen lässt sich nicht feststellen, weshalb eine Gruppe stärker betroffen ist als eine andere.
Tuberkulose kann nach einer früheren Infektion ausbrechen und über die Luft übertragen werden, wenn eine Person an einer aktiven Lungentuberkulose leidet. Anhaltender Husten, Fieber, Nachtschweiss, Müdigkeit und unerklärlicher Gewichtsverlust können eine ärztliche Abklärung erfordern, wobei die Symptome unterschiedlich ausfallen. Schweizer Ärztinnen und Ärzte sowie die Gesundheitsdienste müssen solche Anzeichen zusammen mit der Krankengeschichte und Reiseanamnese beurteilen, ohne die Nationalität als Diagnose zu behandeln.
Der starke Anstieg bei Jugendlichen macht die Früherkennung in Schulen, Jugendangeboten und Unterkünften besonders wichtig.
Migrationsmuster prägen das nationale Bild
Laut BAG hängt der Anstieg fast ausschliesslich mit im Ausland geborenen Menschen zusammen, während die Gesamtzahl bei Schweizer Staatsangehörigen stabil geblieben ist. Als Gründe nennt es die internationale Migration und Fluchtbewegungen sowie die weltweite epidemiologische Lage, nicht aber eine Zunahme der lokalen Übertragung.
Nach Schweizer Staatsangehörigen stammten die meisten gemeldeten Fälle von Menschen aus Eritrea, Somalia und Afghanistan. Diese Zahlen beschreiben, wo die Patientinnen und Patienten geboren wurden oder woher sie stammen. Sie bedeuten nicht, dass die Nationalität selbst Tuberkulose verursacht, und sollten nicht als Hinweis auf eine weitverbreitete Übertragung innerhalb der Schweizer Bevölkerung verstanden werden.
Diese Unterscheidung ist für die Planung im öffentlichen Gesundheitswesen wichtig. Menschen, die aus Ländern kommen, in denen Tuberkulose häufiger vorkommt, benötigen möglicherweise zeitnah eine Abklärung, insbesondere wenn sie Aufnahmeverfahren durchlaufen oder die Unterkunft wechseln. Die Angebote müssen zudem Sprachbarrieren, unterbrochene Reisewege und unterschiedliche Vertrautheit mit dem Schweizer Gesundheitswesen berücksichtigen.
Die Gesamtrate der Schweiz bleibt im europäischen Vergleich relativ niedrig. Dennoch braucht das Land Systeme, die aktive Erkrankungen rasch erkennen und Patientinnen und Patienten vor Unterbrüchen der Behandlung schützen können. Dafür müssen kantonale Behörden, Asylzentren, Spitäler, Hausarztpraxen und das BAG zusammenarbeiten.
Die Daten weisen auf eine gezielte Präventionsaufgabe hin, nicht auf einen landesweiten Ausbruch.
Die Nachverfolgung der Behandlung bleibt hinter dem Ziel zurück
Bei nur 70,6 Prozent der abgeschlossenen Fälle war ein Behandlungsergebnis erfasst, weniger als das Ziel von 90 Prozent der Weltgesundheitsorganisation. Das BAG sagt, die tatsächliche Rate könnte höher liegen, weil die verfügbaren Daten unvollständig sind. Die Lücke bleibt jedoch ein Warnsignal für die Kontinuität der Versorgung.
Bei 14,6 Prozent der abgeschlossenen Fälle fehlte die entsprechende Meldung. Das BAG nennt dafür mehrere mögliche Gründe, darunter die hohe Mobilität von Patientinnen und Patienten im Asylbereich. Eine Person kann zwischen Kantonen umziehen, eine Aufnahmeeinrichtung verlassen oder die Behandlung bei einer anderen Stelle fortsetzen. Dadurch wird es schwieriger, den Meldeprozess abzuschliessen.
Eine Tuberkulosebehandlung erfordert häufig, dass die Therapie über mehrere Monate konsequent eingehalten wird. Verpasste Termine, unklare Zuständigkeiten zwischen den Diensten und Schwierigkeiten beim Bezug von Medikamenten können den Behandlungsverlauf beeinträchtigen. Die Quelle beziffert nicht, wie viele Patientinnen und Patienten die Behandlung abgebrochen oder eine Medikamentenresistenz entwickelt haben. Die verfügbaren Zahlen erlauben deshalb keine weitergehenden Schlussfolgerungen.
Eine bessere Koordination würde sowohl die Versorgung der Patientinnen und Patienten als auch die Überwachung verbessern. Klare Überweisungsunterlagen, mehrsprachige Beratung und ein rascher Informationsaustausch zwischen kantonalen Gesundheitsämtern und Ärztinnen und Ärzten könnten helfen, fehlende Meldungen nachzureichen. Verlässliche Daten zu den Behandlungsergebnissen würden es den Behörden zudem ermöglichen, unvollständige Meldungen von nicht abgeschlossenen Behandlungen zu unterscheiden. Für diese beiden Probleme sind unterschiedliche Lösungen nötig.
Die Schweiz braucht eine schnellere Erkennung und eine bessere Versorgungskontinuität
Die Rate der Schweiz von 6,0 Fällen pro 100'000 Personen im Jahr 2025 liegt weiterhin unter dem europäischen Wert von 8,4, doch der nationale Trend erfordert anhaltende Aufmerksamkeit. Der Anstieg seit 2022 und die Häufung bei im Ausland geborenen Menschen und Jugendlichen zeigen den Gesundheitsbehörden konkrete Handlungsfelder auf.
Vordringlich sind praktische Massnahmen: Symptome früh erkennen, zugängliche Tests anbieten, die Behandlung in verständlichen Sprachen erklären und den Kontakt aufrechterhalten, wenn Menschen zwischen Einrichtungen oder Kantonen umziehen. Schulen, Jugendangebote, Flüchtlingsunterkünfte und Hausarztpraxen stehen den in den neuen Daten am stärksten vertretenen Gruppen besonders nahe.
Die Zahlen des BAG zeigen auch, weshalb die Gesamtzahlen in Schlagzeilen sorgfältig eingeordnet werden müssen. Die Schweiz hat keine Hinweise auf eine breite Zunahme der lokalen Übertragung gemeldet, und die Zahl der Fälle bei Schweizer Staatsangehörigen ist stabil geblieben. Gleichzeitig erschweren unvollständige Meldungen zu Behandlungsabschlüssen eine verlässliche Beurteilung der Ergebnisse.
Die kommenden Berichtsperioden werden zeigen, ob 2025 einen Höchststand markierte oder Teil eines länger anhaltenden Anstiegs war. Vorerst verzeichnet das Land einen messbaren Anstieg, eine besonders betroffene Altersgruppe und ein Versorgungssystem, das die Nachverfolgung verbessern muss. Das sind konkrete Eckwerte für die Planung im kantonalen und eidgenössischen Gesundheitswesen.