Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Mehr als 700 Medikamente in der Schweiz von Engpässen betroffen

Mehr als 700 Medikamente sind in der Schweiz von Lieferengpässen betroffen. Dies führt zu erneuten Forderungen nach stärkeren Massnahmen des Bundes zur Sicherung der Versorgung.

Mehr als 700 Medikamente in der Schweiz von Engpässen betroffen
AILe News

Mehr als 700 Arzneimittelpackungen sind in der ganzen Schweiz von Lieferengpässen betroffen. Die von drugshortage.ch gemeldete Zahl bezieht sich auf einzelne Packungen und nicht nur auf verschiedene Medikamente. Sie bietet Patientinnen und Patienten, Apotheken und Spitälern einen umfassenden Überblick über Produkte, die möglicherweise nur schwer erhältlich sind.

Besonders problematisch sind Engpässe, wenn es nur wenige Ersatzprodukte gibt oder eine Behandlung nicht unterbrochen werden kann. Drugshortage.ch stuft 67 Medikamente mit 42 verschiedenen Wirkstoffen als kritisch oder sehr kritisch ein. Dazu gehören Produkte zur Behandlung von Krebs und Infektionen sowie für die Augenheilkunde, Bluterkrankungen, Neurologie, Schmerzlinderung und Herzerkrankungen. Weitere betroffene Bereiche sind Anästhesie, Geburtshilfe, Endokrinologie und unterstützende Behandlungen.

Der Spitalapotheker Enea Martinelli richtete die Plattform ein, nachdem er zum Schluss gekommen war, dass das System des Bundes kein umfassendes genuges Bild vermittelte. Die Schweizer Behörden überwachen Engpässe und Unterbrechungen, konzentrieren sich dabei jedoch hauptsächlich auf Medikamente, die als essenziell eingestuft werden. Martinellis Datenbank bezieht Informationen von Pharmaunternehmen und einem Grosshändler ein, der Gesundheitsdienstleister beliefert.

Das Ergebnis ist ein detaillierteres Warnsystem für ein Problem, das über die Beschaffung von Spitälern hinausgeht. Fehlt eine Packung, müssen Apotheken möglicherweise nach einer anderen Stärke, Darreichungsform oder einem anderen Lieferanten suchen. Für Patientinnen und Patienten kann das Verzögerungen, Ersatzmedikamente oder zusätzliche Konsultationen bedeuten.

Krebsmedikamente führen die Liste der kritischen Engpässe an

Krebsmedikamente bilden die grösste Gruppe unter den ermittelten kritischen Engpässen. Die Analyse von drugshortage.ch führt 10 Wirkstoffe auf, die in der Onkologie eingesetzt werden. Auf Infektionen, Augenerkrankungen und Bluterkrankungen entfallen jeweils fünf Wirkstoffe, auf die Neurologie vier.

Die Liste umfasst zudem drei Wirkstoffe zur Schmerzlinderung, drei für Herzerkrankungen und zwei zur Behandlung von Suchterkrankungen. Einer wird in der Psychiatrie eingesetzt. Mehrere weitere Engpässe betreffen die Endokrinologie, Geburtshilfe, Anästhesie und unterstützende Behandlungen. Diese Zahlen beziehen sich auf Wirkstoffe und nicht auf eine vollständige Zählung aller Arzneimittelpackungen oder betroffenen Therapieprodukte.

Diese Unterscheidung ist für Ärztinnen und Ärzte wichtig. Ein Wirkstoff kann in mehreren Marken, Stärken oder Darreichungsformen erhältlich sein, während bei einem Engpass für eine bestimmte Form eine andere weiterhin verfügbar sein kann. Umgekehrt kann eine geringe Zahl von Lieferanten dazu führen, dass eine einzige Unterbrechung viele Produkte gleichzeitig betrifft.

Ältere Generika, Antibiotika, injizierbare Krebsmedikamente und Opioide sind international besonders gefährdet, weil es für sie oft nur wenige Hersteller gibt oder ihre Produktion anspruchsvolle Verfahren erfordert. Ein Engpass ist deshalb nicht unbedingt ein Zeichen für einen fehlenden medizinischen Bedarf. Er kann auf ein anfälliges Produktionsnetzwerk hinter einem bekannten, kostengünstigen Medikament zurückzuführen sein.

Die globale Produktion macht die Schweiz verwundbar

Eine einzelne Störung im Ausland kann auf verschiedenen Wegen eine Schweizer Apotheke erreichen. Die pharmazeutischen Lieferketten haben sich in den Industrieländern stärker konzentriert. Viele Wirkstoffe und fertige Medikamente stammen heute nur noch von wenigen Herstellern.

Ein Qualitätsmangel, eine Produktionsverzögerung, ein Rohstoffmangel, ein Transportproblem oder ein plötzlicher Nachfrageanstieg bei einem einzelnen Betrieb kann die Versorgung in mehreren Ländern gleichzeitig beeinträchtigen. Ältere Generika und injizierbare Produkte sind besonders anfällig, weil ihre Herstellung komplex sein kann, während der kommerzielle Markt klein bleibt.

Die Schweiz ist mit zusätzlichen Einschränkungen konfrontiert. Ihre Bevölkerung und ihr Markt sind relativ klein, was es für Hersteller weniger attraktiv machen kann, mehrere Lieferanten aufrechtzuerhalten oder bei knappen Vorräten Lieferungen in die Schweiz zu priorisieren. Zudem ist das Land stark von der internationalen Produktion abhängig.

Der Staat gleicht bereits einige Schwächen der kommerziellen Lieferkette aus. Im Ausgangsbericht wird darauf hingewiesen, dass gewisse Medikamente auf der Schweizer Engpassliste aus Pflichtlagern geliefert werden. Diese Lager können Zeit und Kontinuität verschaffen, beseitigen aber nicht die zugrunde liegende Abhängigkeit von ausländischer Produktion, begrenzten Produktionskapazitäten oder privaten Entscheidungen darüber, wohin knappe Vorräte geliefert werden.

Für Spitäler kann der betriebliche Aufwand wiederholte Suchen nach Alternativen, überarbeitete Behandlungspläne und zusätzliche Absprachen mit Grosshändlern umfassen. Das Ausgangsmaterial beziffert die gesundheitlichen Schäden für Patientinnen und Patienten nicht, beschreibt aber die Bedingungen, die den Umgang mit Störungen erschweren können.

Das Parlament entscheidet über den politischen Weg

Das Parlament hat anerkannt, dass die Arzneimittelversorgung eine stärkere Reaktion des Bundes erfordert. Die Volksinitiative mit dem Titel Ja zur medizinischen Versorgungssicherheit wurde in der vom Bericht abgedeckten Woche im Nationalrat beraten. Lanciert wurde sie von einer breiten Koalition aus dem Gesundheitswesen; unterstützt wird sie von Enea Martinelli.

Der Nationalrat empfahl, die Initiative abzulehnen, unterstützte aber einen direkten Gegenentwurf des Bundesrates. Fünf der sechs Fraktionen waren sich einig, dass die Engpässe ein echtes Problem darstellen. Die meisten bevorzugten den Ansatz der Regierung, weil sie ihn für gezielter hielten.

Die Schweizerische Volkspartei lehnte sowohl die Initiative als auch den Gegenentwurf ab. Die Vorlagen werden nun dem Ständerat vorgelegt. Damit ist der parlamentarische Prozess noch nicht abgeschlossen, und der endgültige politische Rahmen steht noch nicht fest.

Im Zentrum der Debatte steht die Frage, wie weit der Bund gehen soll, um die Versorgung zu sichern. Das Ausgangsmaterial nennt nicht die vollständigen gesetzlichen Massnahmen, die in der Initiative oder im Gegenentwurf enthalten sind. Es macht jedoch die politische Spaltung deutlich: Das Versorgungsproblem wird breit anerkannt, doch über Umfang und Ausgestaltung der Reaktion des Bundes besteht Uneinigkeit.

Die Schweiz plant für die nächste Unterbrechung

Der nächste Entscheid wird prägen, wie sich die Schweiz auf die nächste Unterbrechung vorbereitet. Die aktuellen Zahlen zeigen sowohl das Ausmass der Herausforderung bei der Erfassung von Engpässen als auch die Grenzen einer engen Definition essenzieller Medikamente. Drugshortage.ch erfasst mehr Produkte als das Überwachungssystem des Bundes und unterscheidet zugleich zwischen kritischen und sehr kritischen Fällen.

Dieser umfassendere Überblick kann Gesundheitsdienstleistern helfen, einen steigenden Druck zu erkennen, bevor besonders heikle Behandlungen betroffen sind. Er zeigt auch, wie stark die Versorgung von Informationen der Hersteller und Grosshändler abhängt. Eine bessere Übersicht allein kann weder Produktionskapazitäten schaffen noch Lieferanten diversifizieren oder Lieferungen an einen kleinen nationalen Markt garantieren.

Der politische Prozess wird nun im Ständerat fortgesetzt. Die Ständerätinnen und Ständeräte werden die Initiative und den direkten Gegenentwurf des Bundesrates nach der Empfehlung des Nationalrates beraten. Ihre Entscheide bestimmen, ob die Schweiz einen neuen Rahmen einführt und wie die Zuständigkeiten zwischen den Bundesbehörden, Herstellern, Grosshändlern und Gesundheitsdienstleistern aufgeteilt werden.

Für Patientinnen und Patienten bleibt die unmittelbare Frage praktischer Natur: Ist ein verschriebenes Medikament verfügbar, wenn es benötigt wird, und gibt es eine klinisch geeignete Alternative? Für Spitäler und Apotheken ist die Engpassliste ein Planungsinstrument. Für die Politik ist sie ein Beleg dafür, dass Versorgungssicherheit Beschaffung, Pflichtlager, internationale Produktion und eine zuverlässige nationale Überwachung umfasst.