Europa
Deutschland und Frankreich öffnen der Schweiz die Tür zu «Made in Europe»
Deutschland und Frankreich wollen, dass die Schweiz für die vorgeschlagene industrielle «Made in Europe»-Politik der EU infrage kommt, sofern sie strenge Bedingungen und eine formelle Assoziierung akzeptiert. Die Initiative könnte Schweizer Unternehmen einen besseren Zugang zur öffentlichen Beschaffung in Europa verschaffen.

Ein deutsch-französischer Vorschlag könnte Schweizer Unternehmen einen Platz im entstehenden System der industriellen Präferenz der EU verschaffen. Berlin und Paris sprechen sich dafür aus, die Schweiz in die vorgeschlagene Initiative «Made in Europe» aufzunehmen. Dies geht aus einem Positionspapier hervor, das am Donnerstag veröffentlicht wurde und der Nachrichtenagentur Keystone-SDA vorliegt. Die Politik würde die europäische Produktion bei der öffentlichen Beschaffung bevorzugen, einem Bereich mit direkten Folgen für Hersteller, Technologieunternehmen und Infrastrukturanbieter.
Der Vorschlag kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Schweiz gegenüber Brüssel und ihren europäischen Nachbarn auf Gleichbehandlung drängt. Schweizer Vertreterinnen und Vertreter setzen sich seit Monaten dagegen ein, von industriellen Massnahmen ausgeschlossen zu werden, die andere eng verbundene europäische Volkswirtschaften einschliessen. Gemäss dem deutsch-französischen Plan würde die Schweiz gleichberechtigt neben den Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums und dem Vereinigten Königreich stehen.
Diese Öffnung ist an Bedingungen geknüpft. Ein Diplomat in Brüssel sagte anonym, eine Teilnahme würde eine formelle Assoziierung voraussetzen. Zudem warnte er, dass nicht alle deutschen Parteien den Vorschlag gebilligt hätten. Die Initiative bietet der Schweiz somit einen möglichen Weg in das System, aber keinen garantierten Anspruch darauf. Die EU-Mitgliedstaaten müssen den endgültigen Geltungsbereich und die rechtlichen Bedingungen der Politik noch festlegen.
Schweizer Industrie auf die Ausschreibungsliste setzen
Die öffentliche Beschaffung ist der wichtigste mögliche Gewinn der Politik für die Schweizer Industrie. «Made in Europe» bezeichnet eine vorgeschlagene europäische Präferenz bei der öffentlichen Beschaffung. Die EU prüft, ob bei öffentlich finanzierten Aufträgen Waren und Dienstleistungen, die in Europa hergestellt beziehungsweise erbracht werden, stärker berücksichtigt werden sollen. Solche Regeln könnten Verkehrsprojekte, Energieinfrastruktur, verteidigungsbezogene Lieferketten und andere grosse Ausschreibungen betreffen.
Für Schweizer Unternehmen könnte die Teilnahme den Zugang zu Beschaffungsmöglichkeiten in der ganzen EU verbessern. Die Schweizer Industrie ist stark vom grenzüberschreitenden Handel und integrierten Lieferketten abhängig. Gleichzeitig konkurrieren viele Unternehmen in spezialisierten Branchen, in denen öffentliche Aufträge langfristige Nachfrage schaffen können. Der Vorschlag könnte zudem das Risiko verringern, dass Schweizer Zulieferer gegenüber Unternehmen aus dem EWR benachteiligt werden.
Die Quelle nennt weder die Schweizer Branchen, die infrage kämen, noch die Kriterien für die Präferenzregeln oder die Frage, ob Schweizer Unternehmen Zugang zu sämtlichen erfassten Ausschreibungen erhielten. Diese Einzelheiten werden den wirtschaftlichen Wert des Angebots bestimmen. Eine formelle Assoziierung könnte zudem voraussetzen, dass die Schweiz gemeinsame Regeln, Aufsichtsmechanismen oder gegenseitige Verpflichtungen akzeptiert. Solange sich die EU-Regierungen nicht auf den Rahmen geeinigt haben, bleibt der mögliche Nutzen vorläufig.
Politische Unterstützung in Regeln umsetzen
Die Schweizer Kampagne folgt auf eine Reihe von Auseinandersetzungen darüber, wie eng verbundene Partner von Brüssel behandelt werden. Die Schweiz hat protestiert, nachdem vorgeschlagene EU-Schutzmassnahmen für Stahl sie schlechter behandelten als Norwegen, Island und Liechtenstein, die drei EWR-Mitglieder. Bern hat auch Bedenken zu Teilen des Industrie-Beschleunigungsgesetzes der EU geäussert.
Diese Meinungsverschiedenheiten haben die Grenzen der Schweizer Position ausserhalb des Europäischen Wirtschaftsraums aufgezeigt. Schweizer Unternehmen sind häufig in europäische Produktionsnetzwerke eingebunden. Politische Entscheide können sie jedoch anders einstufen als Unternehmen mit Sitz in EWR-Staaten. Das kann für Exporteure, Zulieferer und Investoren zusätzliche Unsicherheit schaffen, wenn die EU Massnahmen zur Stärkung der europäischen Industrie konzipiert.
Das deutsch-französische Papier signalisiert, dass zwei der grössten Volkswirtschaften Europas die praktischen Gründe für eine Einbeziehung der Schweiz anerkennen. Es hebt den institutionellen Unterschied jedoch nicht auf. Der Hinweis des Diplomaten, dass die politische Unterstützung in Deutschland nicht vollständig sei, verdeutlicht die innenpolitischen Fragen rund um den Vorschlag. Die Voraussetzung einer formellen Assoziierung weist zudem auf eine auszuhandelnde Vereinbarung statt auf eine automatische Teilnahme hin.
Für Bern besteht die Aufgabe nun darin, die politische Unterstützung aus Berlin und Paris in eine präzise Vereinbarung umzuwandeln, die den Zugang der Schweiz sichert, ohne wichtige Branchen neuen Bedingungen auszusetzen.
Zugang aushandeln, ohne Einfluss zu verlieren
Die nächste Entscheidung hängt von den Bedingungen ab, an die eine formelle Assoziierung geknüpft wird. Die deutsch-französische Initiative eröffnet der Schweiz diplomatische Möglichkeiten. Das endgültige Ergebnis hängt jedoch von den Verhandlungen innerhalb der EU sowie zwischen Brüssel und Bern ab. Der Vorschlag muss sich noch der politischen Prüfung in Deutschland stellen. Ein Diplomat sagte, nicht alle Parteien hätten die Einbeziehung der Schweiz unterstützt.
Die Schweiz muss die Abwägung zwischen Zugang und Angleichung prüfen. Eine Assoziierung könnte Schweizer Unternehmen den Zugang zur öffentlichen Beschaffung in Europa erleichtern, aber auch Verpflichtungen hinsichtlich der Einhaltung von Vorschriften, der Überwachung und der Gegenseitigkeit mit sich bringen. Das vorliegende Positionspapier führt diese Pflichten nicht aus, und die EU hat den Rahmen für «Made in Europe» noch nicht endgültig festgelegt.
Die monatelange Lobbyarbeit der Schweizer Regierung hat zumindest ein klares Signal aus Berlin und Paris bewirkt. Dieses Signal verschafft Bern Einfluss, während die europäischen Regierungen über die Behandlung europäischer Staaten ausserhalb der EU beraten. Es gibt auch der Schweizer Industrie Anlass, die Verhandlungen aufmerksam zu verfolgen, denn der Unterschied zwischen uneingeschränkter Teilnahmeberechtigung und begrenztem Zugang könnte künftige Investitions- und Ausschreibungsentscheide beeinflussen.
Derzeit hat die Schweiz eine Einladung zu Verhandlungen erhalten, die Bedingungen sind aber noch nicht festgelegt.