Klima
Schweizer Hitzewellen mit rund 600 zusätzlichen Todesfällen verbunden
Der bisher heisseste Sommer der Schweiz war zwischen Juni und September mit rund 600 zusätzlichen Todesfällen verbunden. Besonders tödlich war die erste Hitzewelle im Juni, von der auch Menschen unter 65 Jahren betroffen waren. Die Zahlen unterstreichen, wie stark die öffentliche Gesundheit des Landes zunehmend extremer Hitze ausgesetzt ist.

Zwischen Juni und September 2026 wurden in der Schweiz rund 600 zusätzliche Todesfälle verzeichnet, während das Land seinen heissesten Sommer seit Messbeginn im Jahr 1864 erlebte. Die wöchentlichen Sterblichkeitszahlen des Bundesamts für Statistik zeigen einen anhaltenden Anstieg, der mit zwei Perioden extremer Hitze zusammenfiel.
Die erste Hitzewelle Ende Juni führte zum stärksten Anstieg. Eine zweite, längere Hitzeperiode folgte Anfang August nach einer kurzen Pause im Juli. Zusammen liessen die beiden Ereignisse die sommerliche Sterblichkeit landesweit über die erwarteten Werte steigen.
Die Schätzung liegt über dem jüngsten saisonalen Durchschnitt von rund 500 hitzebedingten Todesfällen, den das Schweizerische Tropen- und Public-Health-Institut ermittelt hat. Sie liegt deutlich unter den rund 1’400 zusätzlichen Todesfällen des aussergewöhnlich heissen Sommers 2003. Dieser Vergleich dürfte den Verantwortlichen im Gesundheitswesen, die mit häufigeren Hitzeperioden rechnen müssen, jedoch kaum Trost bieten.
Die Zahlen zeigen auch, weshalb Hitze nicht allein als Wetterthema betrachtet werden kann. Ihre Auswirkungen betreffen Spitäler, Pflegeeinrichtungen, Arbeitsplätze und Haushalte, besonders wenn die hohen Temperaturen auch nachts anhalten und die Erholung des Körpers einschränken.
Die Junihitze trifft die Schweiz unvorbereitet
Die erste Hitzewelle des Sommers erwies sich als die tödlichste. Laut Martina Ragettli, Epidemiologin am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut, ist dies ein häufiges Muster. Wenn die erste grosse Hitzeperiode einsetzt, haben sich die Menschen physiologisch und in ihrem Verhalten noch nicht an die hohen Temperaturen angepasst.
«Zu Beginn des Sommers sind wir noch nicht an die Hitze angepasst», sagte Ragettli gegenüber SRF. Im Verlauf der Jahreszeit gewöhnt sich der Körper allmählich besser an die Hitze. Die Menschen lernen auch, ihren Alltag anzupassen, mehr Wasser zu trinken, körperliche Anstrengungen zu begrenzen und kühlere Orte aufzusuchen.
Diese Anpassung bietet nur teilweise Schutz. Die Hitzewelle im Juni setzte früh ein, als Haushalte, Arbeitgeber und Pflegeanbieter ihre umfassenden Hitzeschutzpläne möglicherweise noch nicht aktiviert hatten. Hohe Temperaturen können Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen verschlimmern, die Dehydrierung verstärken und den Körper zusätzlich belasten.
Auch der Zeitpunkt ist relevant, weil die Hitzebelastung in der Schweiz je nach Umgebung stark variiert. In dicht bebauten Stadtquartieren bleibt die Wärme nach Sonnenuntergang gespeichert. Personen, die im Freien arbeiten, sind tagsüber direkt der Hitze ausgesetzt. Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen sowie alleinlebende Menschen benötigen möglicherweise Unterstützung, um Symptome rechtzeitig zu erkennen, bevor sich ihr Zustand verschlechtert.
Die Augusthitze trifft die Menschen bei der Rückkehr zur Arbeit
Die zweite Hitzewelle ging mit einem Anstieg der Sterblichkeit bei Menschen unter 65 Jahren einher. Dieser Befund hat bei Schweizer Forschenden besondere Aufmerksamkeit erregt. Wie erwartet waren ältere Menschen weiterhin am stärksten betroffen. Der Anstieg im August bei jüngeren Erwachsenen zeigte jedoch, dass die Anfälligkeit weit über das Rentenalter hinausreicht.
Ragettli verweist auf eine mögliche Veränderung der Alltagsroutine. Die Hitzewelle im August fiel in die Zeit, als die Ferien zu Ende gingen und die Menschen an Baustellen, in Geschäfte, Büros und Pflegeeinrichtungen zurückkehrten. Viele nahmen ihren Arbeitsweg und ihre Arbeit im Freien wieder auf und hatten weniger Möglichkeiten, sich an kühleren Orten aufzuhalten.
«Es ging zurück in den Alltag, und die Menschen hatten weniger Möglichkeiten, sich vor der Hitze zu schützen», sagte Ragettli. Sie betonte, dies sei nur eine Hypothese. Auch Dauer und Intensität der Hitzewelle im August könnten eine Rolle gespielt haben. Mit den verfügbaren Daten lasse sich keine einzelne Ursache nachweisen.
Personen, die im Freien arbeiten, Zustellpersonal, Pendlerinnen und Pendler sowie Menschen ohne Zugang zu einer Klimaanlage können der Hitze über längere Zeit ausgesetzt sein. Arbeitgeber müssen bei gefährlichen Temperaturen für Ruhepausen, Schatten, genügend Flüssigkeit und angepasste Arbeitszeiten sorgen. Auch Menschen mit Herz- oder Lungenerkrankungen sind stärker gefährdet, selbst wenn sie deutlich jünger als 65 Jahre sind.
Die Zahl der Todesfälle ist in den Daten verborgen
Hitzetote werden auf Totenscheinen selten als solche ausgewiesen. Ärztinnen, Ärzte und Zivilstandsämter halten in der Regel die unmittelbare medizinische Todesursache fest, etwa einen Herzinfarkt, ein Atemversagen oder einen Kreislaufkollaps. Extreme Temperaturen können ein solches Ereignis auslösen oder beschleunigen, ohne in der offiziellen Diagnose zu erscheinen.
Die wöchentlichen Zahlen des Bundesamts für Statistik sind deshalb ein wichtiges Frühwarnsystem, aber keine abschliessende medizinische Erfassung. Die Daten können zeigen, dass die Sterblichkeit während der Hitzewellen ungewöhnlich stark anstieg. Für sich allein können sie jedoch weder belegen, wie viele Todesfälle durch Hitze verursacht wurden, noch die genauen Ursachen aufzeigen.
Forschende des Swiss TPH werden Sterbedaten mit Temperaturdaten kombinieren, um eine detailliertere Einschätzung zu erstellen. Die Ergebnisse werden im Frühjahr 2027 erwartet. Die bisherigen Erkenntnisse sprechen dafür, dass die Hitze der Hauptgrund für den Anstieg war, da kein anderes grösseres Ereignis bekannt ist, das ihn erklären könnte.
Der heisse Sommer belastete auch das Gesundheitswesen und die Umwelt zusätzlich. In der Schweiz herrschte zudem aussergewöhnliche Trockenheit. Zwischen dem 1. April und dem 31. Juli verzeichnete rund ein Fünftel der Messstationen für diesen Zeitraum die niedrigsten Wasserstände seit Messbeginn. Hitze, Trockenheit und angespannte Wasserversorgung bildeten eine Saison mit sich überschneidenden Risiken.
Die Schweiz muss sich vor der nächsten Hitzewelle vorbereiten
Die Zahlen für 2026 geben der Schweiz bereits vor der für 2027 erwarteten abschliessenden Analyse ein deutliches Signal für die öffentliche Gesundheit. Rund 600 zusätzliche Todesfälle in einem Sommer zeigen, dass Hitzeschutz über Notfallhinweise für ältere Menschen hinausgehen muss. Er muss auch Arbeitnehmende, Pendlerinnen und Pendler, Menschen mit chronischen Krankheiten und Bewohnerinnen und Bewohner von Gebäuden umfassen, in denen sich die Hitze staut.
Mehrere Schweizer Städte haben ihre Hitzeschutzmassnahmen ausgebaut, darunter öffentliche Warnungen, Empfehlungen zur Abkühlung und die Kontaktaufnahme mit besonders gefährdeten Menschen. Auf nationaler Ebene ist das Bild weniger einheitlich. Gemeinden, Kantone, Arbeitgeber, Pflegeheime und medizinische Dienste verfügen nicht alle über dieselben Mittel oder Verfahren.
Die Trockenheit des Sommers stellt eine zweite Herausforderung für die Planung dar. Niedrige Wasserstände beeinträchtigen die Landwirtschaft, die Ökosysteme und die lokale Wasserversorgung. Trockene Landschaften können die Belastung für Gemeinden verstärken, die bereits mit hohen Temperaturen zu kämpfen haben. Die alpine Geografie der Schweiz schützt nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner vor Hitze, insbesondere nicht in Städten und tiefer gelegenen Regionen.
Die detaillierte Studie des Swiss TPH wird die abschliessende Schätzung der Sterblichkeit klären. Die unmittelbare praktische Lehre ist in den wöchentlichen Daten bereits sichtbar: Die Behörden brauchen frühere Warnungen, klare Schutzmassnahmen am Arbeitsplatz, bessere Unterstützung für isoliert lebende Menschen und ein koordiniertes Vorgehen, bevor die erste grosse Hitzewelle einsetzt.