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Swiss Observer

Ein Jahrhundert nach den ersten Experimenten kann die Schweiz den Hagel noch immer nicht bändigen

Die Schweiz war eine frühe Pionierin bei Wolkenimpfung und Hagelabwehrversuchen. Doch auch nach einem Jahrhundert voller Versuche ist nicht erwiesen, dass die Methode Schäden zuverlässig verhindert.

Ein Jahrhundert nach den ersten Experimenten kann die Schweiz den Hagel noch immer nicht bändigen
AISWI swissinfo.ch

Rund 6000 Kanonenschüsse in einem einzigen Sommer zeigen, wie ernst Schweizer Gemeinden einst die Gefahr vom Himmel nahmen. 1901 waren Hagelabwehrsysteme im ganzen Land verbreitet. Ein Jahr zuvor hatte man in Collina d’Oro im Tessin rund zehn grosse Metallkonus-Kanonen auf eine Gewitterfront gerichtet. Ihre Schockwellen sollten die Wolken stören, bevor sie das Dorf erreichten.

Die Ausrüstung hat sich verändert. Die Unsicherheit ist geblieben. Die Schweiz war eine Pionierin bei der Wolkenimpfung, einer Form der Wetterbeeinflussung, bei der Partikel mit Raketen, Flugzeugen oder bodengestützten Systemen in Wolken freigesetzt werden. Doch auch nach einem Jahrhundert voller Versuche ist nicht erwiesen, dass diese Eingriffe Hagelschäden zuverlässig verhindern.

Das Thema gewinnt praktisch an Bedeutung. Sommerlicher Hagel verursacht in der Schweiz bereits Schäden in Millionenhöhe und betrifft Kulturen, Gebäude und Fahrzeuge. Der Klimawandel erhöht den Druck zusätzlich, indem er die Atmosphäre erwärmt und die Aufwinde in heftigen Gewittern verstärkt. Diese aufsteigenden Luftströmungen können Eispartikel länger in der Luft halten und so die Bildung grösserer Hagelkörner ermöglichen.

Die Suche des Landes nach einer technischen Lösung bewegt sich heute zwischen etablierter Atmosphärenforschung und einem kostspieligen Glücksspiel. Forschende, Landwirte und Versicherer haben Gründe, die Untersuchungen fortzusetzen. Zugleich können sie auf eine lange Reihe von Ergebnissen verweisen, die sich nach wie vor nur schwer deuten lassen.

Bundesforscher testen die Raketen

Der erste Versuch des Bundes dauerte von 1948 bis 1952. Er war Teil eines umfassenderen Bestrebens, örtliche Hagelabwehrpraktiken durch kontrollierte Experimente zu ersetzen. Die Abteilung für Landwirtschaft des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements setzte eine eidgenössische Kommission ein, um die Entstehung von Hagel zu untersuchen und Forschung zu dessen Abwehr zu finanzieren.

Die Kommission organisierte vier Grossversuche. Die frühen Arbeiten konzentrierten sich auf Raketen und andere Methoden, die der Hagelbildung entgegenwirken sollten. Spätere Schweizer Versuche, darunter Forschungsarbeiten zwischen den 1950er- und den 1980er-Jahren, erweiterten das Wissen des Landes über hagelbildende Gewitter. Die Experimente machten zugleich deutlich, wie schwierig es ist, den Erfolg in einer von Natur aus chaotischen Umgebung zu messen.

Ein Hagelsturm tritt nicht unter Laborbedingungen auf. Gewitterzellen unterscheiden sich in Grösse, Bewegung und innerem Aufbau. In einem Tal können schwere Schäden entstehen, während sie nur wenige Kilometer entfernt gering sind. Bei einem Versuch muss festgestellt werden, was ohne Eingriff geschehen wäre, wobei Wind, Temperatur, Feuchtigkeit und der sich verändernde Zug des Gewitters berücksichtigt werden müssen.

Zu einem eindeutigen Ergebnis haben diese Belege nie geführt. Marco Gaia von MeteoSchweiz sagt, dass die getesteten Methoden ihre Wirksamkeit nicht schlüssig unter Beweis gestellt haben. Das schmälert nicht den Wert der Forschung. Es steckt klar ab, was die Schweiz derzeit behaupten kann.

Die Wissenschaft hinter kleineren Hagelkörnern

Silberiodid soll die Zahl der Eiskristalle in einem Gewitter erhöhen. Gemäss der von Schweizer Forschenden beschriebenen gängigen Theorie der Wolkenimpfung werden Partikel mit Raketen oder Flugzeugen in geeignete Wolken eingebracht. Silberiodid kann als Eiskeim wirken und unterkühltes Wasser zum Gefrieren bringen. Ziel ist es, viele kleinere statt weniger grosser Hagelkörner zu erzeugen.

Der erwartete Nutzen ist einfach: Kleinere Körner schmelzen eher oder fallen mit geringerer Zerstörungskraft zu Boden. Dieses Ergebnis in einem aktiven Gewitter zu erzielen, ist jedoch deutlich schwieriger. Das Impfmaterial muss zum richtigen Zeitpunkt in den richtigen Teil der Wolke gelangen, während sich die starken Aufwinde und die turbulente Zirkulation des Gewitters weiterentwickeln.

Ein erfolgreicher Eingriff müsste zudem von natürlichen Schwankungen unterscheidbar sein. Manche Gewitter schwächen sich ab, drehen ab oder ziehen an bewohnten Gebieten vorbei, ohne dass Menschen eingreifen. Andere bringen an einem Ort Hagel, während es in der Nähe regnet. Deshalb sind Vorher-nachher-Vergleiche unzuverlässig, sofern die Versuche nicht gross angelegt, sorgfältig kontrolliert und wiederholt werden.

Die Schweizer Bilanz spricht deshalb für eine vorsichtige Beschreibung der Wolkenimpfung. Unter bestimmten Bedingungen ist sie ein physikalisch plausibler Eingriff. Ein zuverlässig erwiesener Schutz für Schweizer Häuser, Rebberge oder Felder ist sie nicht.

Romoos stellt Raketen auf die Probe

Ein Raketenversuch von 1977 in Romoos rückte das Experiment ins öffentliche Blickfeld. Forschende der ETH Zürich testeten am 23. Juni jenes Jahres in der Region Luzern in Russland hergestellte «Oblako»-Raketen. Schwarz-Weiss-Fotografien zeigen zwei Männer, die eine Rakete in eine Abschussvorrichtung laden, während die Gewitterforschung aus dem Labor in die Schweizer Landschaft vordrang.

Die Szene veranschaulicht den praktischen Umfang des Eingriffs. Hagelabwehrraketen wurden vom Boden aus auf Gewitterwolken abgefeuert und transportierten Stoffe, die die Hagelbildung verändern sollten. Für solche Einsätze brauchte es geschulte Teams, geeignete Abschussplätze und ein Gewitter, das rechtzeitig erkannt und erreicht werden konnte.

Die gebirgige Geografie der Schweiz macht diese Aufgabe besonders anspruchsvoll. Täler und Bergkämme lenken das Wetter, während sich Gewitter rasch entwickeln und über Kantonsgrenzen hinweg verlagern können. Eine Technik, die bei einem Gewitter vielversprechend erscheint, ist für ein anderes mit anderen Feuchtigkeits-, Temperatur- oder Windverhältnissen womöglich kaum relevant.

Die Arbeiten in Romoos gehören zu den umfangreicheren Schweizer Experimenten, die von den 1950er- bis in die 1980er-Jahre durchgeführt wurden. Die Versuche erweiterten das Wissen, klärten aber die praktische Frage der Schadensminderung nicht. Die Raketen konnten die Wolke erreichen. Den Forschenden fiel es weiterhin schwer nachzuweisen, was die Wolke ohne sie getan hätte.

Ein wärmeres Klima befeuert die Suche

Der Klimawandel erhöht die Kosten der Unsicherheit. Das Hagelproblem der Schweiz hängt mit dem Verhalten heftiger Gewitter zusammen. Eine wärmere Atmosphäre kann stärkere Aufwinde begünstigen, die grössere Hagelkörner hervorbringen. Wenn Gewitter über das Land ziehen, sind dadurch Bauernhöfe, Häuser, Autos und anderes Eigentum stärker gefährdet.

Dieser Druck erklärt mit, weshalb die Wolkenimpfung trotz ihrer ungeklärten Bilanz weiterhin diskutiert wird. Versicherungsunternehmen und Forschende suchen weiterhin nach Möglichkeiten, Schäden zu begrenzen. Der Reiz liegt auf der Hand: Wenn viele kleine Hagelkörner eine geringere Zahl grosser Körner ersetzen könnten, wäre selbst eine teilweise Schadensminderung für Schweizer Gemeinden wichtig.

Die Beweislage verlangt Disziplin. Gaias Einschätzung bei MeteoSchweiz bietet keine Grundlage dafür, Raketen oder Silberiodid als verlässlichen nationalen Schutz darzustellen. Jüngere Experimente haben laut dem Ausgangsbericht nicht die gewünschten Ergebnisse erbracht, und auch jahrzehntelange frühere Arbeiten haben keinen schlüssigen Beweis geliefert.

Für die Schweiz könnte der kurzfristige Nutzen der Wolkenimpfung ebenso sehr in der Messung wie im Eingriff liegen. Bessere Beobachtungen des Gewitteraufbaus, der Hagelkorngrösse und der örtlichen Schäden können Prognosen und Risikoplanung verbessern. Die Wetterbeeinflussung dürfte weiterhin Investitionen anziehen, doch jeder Schutzanspruch muss sich in strengen Vergleichen mit Gewittern bewähren, die nicht geimpft wurden.