Bildung
Anzeichen der Entlastung: Der Lehrpersonenmangel dürfte sich in mehreren Kantonen abschwächen
Kurz vor Beginn des neuen Schuljahrs melden Bildungsdepartemente in Kantonen wie Zürich und Basel-Landschaft einen positiven Trend bei der Besetzung offener Lehrstellen. Das deutet darauf hin, dass sich der akute Lehrpersonenmangel in der Schweiz abschwächen könnte. Die Behörden in Zürich raten inzwischen davon ab, für Regelklassen nicht qualifiziertes Personal einzustellen. In anderen Kantonen wie Bern bleibt die Lage jedoch schwierig.

Die Ära der «Notfall-Lehrperson» geht im wirtschaftlichen Herzen der Schweiz abrupt zu Ende. Das Zürcher Bildungsdepartement hat eine deutliche Entwarnung ausgegeben und die Gemeinden angewiesen, in Regelklassen keine nicht qualifizierten Mitarbeitenden mehr einzustellen. Dieser entschlossene Kurswechsel markiert einen historischen Wendepunkt in einer Krise, die Schweizer Schulen seit Jahren belastet. Während die Schweiz zuvor noch darum rang, irgendeine erwachsene Person vor eine Wandtafel zu stellen, hält Zürich nun an professionellen Standards fest. Das signalisiert, dass das Angebot an qualifizierten Lehrpersonen die Nachfrage endlich eingeholt hat. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine kleine Anpassung, sondern um eine vollständige Rückbesinnung auf Bildungsqualität, die für den Rest der Eidgenossenschaft hohe Massstäbe setzt. Die Botschaft ist klar: Der Notstand ist vorbei, und Exzellenz ist wieder der Massstab.
Basel-Landschaft halbiert die Zahl der offenen Stellen
Ein drastischer Rückgang der offenen Stellen verändert die Lage in Basel-Landschaft. Anfang Juni meldete der Kanton an seinen Primarschulen lediglich 17,1 offene Vollzeitstellen. Das ist weniger als die Hälfte des Vorjahresdefizits. Dieser starke Rückgang deutet darauf hin, dass gezielte Rekrutierungsstrategien und verbesserte Arbeitsbedingungen rasch konkrete Ergebnisse zeigen. Während andere Regionen noch auf der Stelle treten, macht Basel-Landschaft grosse Fortschritte. Der Kanton beweist damit, dass der Lehrpersonenmangel kein unüberwindbares Schicksal, sondern eine lösbare organisatorische Herausforderung ist. Das Tempo dieser Erholung hat viele überrascht und bietet ein Beispiel dafür, wie kantonale Behörden ihre Arbeitsmärkte mit gezielten Massnahmen und einer höheren Attraktivität des Berufs stabilisieren können.
Bern kämpft mit anhaltendem Mangel im sonderpädagogischen Bereich
Im deutlichen Gegensatz zum Optimismus im Norden steckt der Kanton Bern weiterhin in einer zermürbenden Auseinandersetzung mit dem Personalmangel. Die Bildungs- und Kulturdirektion räumt ein, dass die Krise längst nicht überwunden ist, besonders im Bereich des sonderpädagogischen Förderbedarfs und auf der Sekundarstufe I. Hier übersteigt die Nachfrage nach spezialisiertem Fachwissen weiterhin das verfügbare Angebot an Fachkräften, weshalb die Verantwortlichen in höchster Alarmbereitschaft bleiben müssen. Obwohl Bern verschiedene Massnahmen ergriffen hat, um das Ansehen des Berufs zu stärken, ist das regionale Gefälle deutlich. Während Zürich einen Überschuss feiert, kämpft Bern einen Abnützungskampf, damit kein Schüler und keine Schülerin zurückgelassen wird. Dieses geografische Spannungsfeld zeigt die Zersplitterung des Schweizer Bildungssystems, in dem die Postleitzahl nach wie vor darüber entscheidet, wie stabil das Klassenzimmer eines Kindes ist.
Demografischer Wandel führt zu einem Überschuss von 4500 Lehrpersonen
Eine demografische Welle wird bald das Schweizer Schulsystem erfassen, und ausnahmsweise bringt sie Erleichterung statt Schaden. Das Bundesamt für Statistik (BFS) prognostiziert ab diesem Jahr einen deutlichen Rückgang der Primarschülerzahlen um 7 Prozent, bedingt durch die sinkende Geburtenrate in der Schweiz. Diese Entwicklung hat weitreichende rechnerische Folgen: In den kommenden zehn Jahren dürfte die Schweiz 4500 Lehrpersonen weniger benötigen. Gleichzeitig verzeichnen die Pädagogischen Hochschulen einen beispiellosen Zulauf. An Institutionen wie der FHNW ist die Zahl der Studierenden auf über 3900 gestiegen. Wir erleben, wie eine sinkende Nachfrage und ein stark wachsendes Angebot zusammenkommen. Diese «demografische Dividende» könnte den nötigen Spielraum schaffen, um Notlösungen schrittweise abzubauen und den Status des Lehrberufs dauerhaft in allen 26 Kantonen zu stärken.
Qualität vor Quantität: Der strukturelle Kampf steht noch bevor
Trotz der erfreulichen Zahlen will der Schweizerische Lehrerverband keinen vollständigen Sieg verkünden. Beat Schwendimann, Leiter Bildung beim Verband, warnt, dass der Mangel eine «strukturelle und qualitative Herausforderung» bleibt, die sich nicht allein mit Zahlen lösen lässt. Er argumentiert, dass offene Stellen derzeit oft mit «Notlösungen» besetzt werden, etwa mit Studierenden und Personen ohne Lehrdiplom, die die grundlegenden Probleme im System verschleiern. Das langfristige Ziel der Schweiz darf nicht bloss sein, in jedem Klassenzimmer irgendeine Person zu haben. Vielmehr soll jede Lehrperson eine vollständig qualifizierte Fachkraft sein. Mit Blick auf das Jahr 2032 könnte sich der Druck zahlenmässig zwar verringern, doch der Kampf um die Bildungsqualität beginnt erst. Die Schweiz steht nun vor der Wahl: sich mit einer fragilen Stabilität zufriedenzugeben oder umfassend zu investieren, damit ihre Schulen Weltklasse bleiben.