Politik
Historischer «Fichenskandal» weitet sich aus: Polizei spionierte Dutzende Bundesratsmitglieder aus
Eine neue Untersuchung von Bundesarchiven zeigt, dass die Schweizer Polizei zwischen 1930 und 1989 mindestens 39 Bundesratsmitglieder heimlich überwachte, darunter spätere Bundespräsidenten wie Christoph Blocher und Ruth Dreifuss. Die Überwachung war Teil des berüchtigten «Fichenskandals». Dossiers wurden aufgrund der politischen Aktivitäten der Amtsträger in ihrer Jugend angelegt.

Unglaubliche 39 Mitglieder des Schweizer Bundesrats wurden Opfer einer jahrzehntelangen geheimen Spionageoperation, die das Herz der Alpenrepublik erfasste. Neue Erkenntnisse aus den Bundesarchiven haben in Bern für Aufsehen gesorgt und das Ausmass des «Fichenskandals» offengelegt, der die Schweiz von 1930 bis 1989 heimsuchte. Fast sechs Jahrzehnte lang setzten Bundes- und Kantonspolizeien die Überwachung gegen genau jene Personen ein, die dazu bestimmt waren, das Land zu führen. Dabei handelte es sich nicht bloss um routinemässige Aktenführung, sondern um einen systematischen Eingriff in das Privatleben der politischen Elite des Landes. Während die Öffentlichkeit den Skandal bisher als breit angelegte Überwachung von Aktivistinnen und Aktivisten verstanden hatte, bestätigen die neuen Erkenntnisse, dass sich der misstrauische Blick des Staates fest auf seine künftigen Bundesratsmitglieder richtete. Die schiere Datenmenge ist überwältigend: Journalistinnen und Journalisten haben Hunderttausende von Dossiers durchforstet und dabei ein Erbe des Misstrauens aufgedeckt, das das Bild der Schweizer Neutralität und inneren Stabilität grundlegend infrage stellt. Das ist nicht bloss Geschichte, sondern eine Auseinandersetzung mit einem Schattenstaat, der über mehr als ein halbes Jahrhundert am Rand der Schweizer Demokratie agierte.
Die künftigen Führungspersönlichkeiten im Visier
Niemand war vor den neugierigen Augen des Staates sicher, nicht einmal spätere Bundespräsidentinnen wie Ruth Dreifuss oder Schwergewichte der Politik wie Christoph Blocher. Die Überwachung begann oft schon in ihrer Jugend und wurde durch so einfache Handlungen wie politisches Engagement ausgelöst. Ruth Dreifuss, die später als erste Bundespräsidentin der Schweiz eine gläserne Decke durchbrechen sollte, geriet allein wegen ihres Protests gegen den Vietnamkrieg ins Visier der Polizei. Elisabeth Kopp, die erste Frau, die in den Bundesrat gewählt wurde, wurde hingegen wegen der geschäftlichen Investitionen ihres Vaters in Ungarn überwacht. Dieses Muster offenbart eine alarmierende Wahrheit: Der Schweizer Sicherheitsapparat betrachtete abweichende Meinungen und internationale Verbindungen als inhärente Bedrohungen der nationalen Sicherheit. Die Dossiers begleiteten diese Personen durch ihre Laufbahnen und wuchsen zu umfangreichen Akten über persönliche Kontakte und politische Bewegungen an. Während diese Persönlichkeiten in der Schweizer Politik aufstiegen, konstruierten die Polizeibehörden eine parallele Darstellung ihres Lebens, die oft auf nichts als ideologischen Vorurteilen beruhte. Der Kontrast ist frappant: Während man diesen Politikerinnen und Politikern die Zukunft des Landes anvertraute, behandelte der Staat sie wie potenzielle Umstürzlerinnen und Umstürzler.
Das Lügengeflecht entwirren
Die Dossiers waren nicht nur ein Eingriff in die Privatsphäre, sondern strotzten laut dem ehemaligen Bundesrat Moritz Leuenberger auch vor «Belanglosigkeiten, Ungenauigkeiten und sogar bewussten Unwahrheiten». Leuenberger, der die parlamentarische Kommission leitete, die der Überwachung 1989 schliesslich ein Ende setzte, stellte fest, dass auch sein eigenes Dossier voller erfundener Angaben war. Die Polizei brachte ihn häufig mit Personen in Verbindung, denen er nie begegnet war, und schuf so eine «Mischung aus Verdächtigungen und falschen Anschuldigungen», die dazu diente, seine politische Stellung zu untergraben. Dieses systemische Versagen macht einen gefährlichen Mangel an Aufsicht deutlich. Der Überwachungsapparat agierte nahezu völlig ungestraft und füllte Archive mit wertlosem Datenmaterial, das jederzeit dazu verwendet werden konnte, den Ruf einer Person zu ruinieren. Der Skandal brach schliesslich unter dem Gewicht seiner eigenen Absurdität zusammen, als der öffentliche Aufschrei 1989 die Regierung dazu zwang, die Überwachung zu beenden. Der Schaden für das Vertrauen der Öffentlichkeit wirkt jedoch bis heute nach. Dass ausgerechnet der Mann, der mit der Untersuchung des Skandals beauftragt war, selbst überwacht worden war, unterstreicht den inzestuösen und paranoiden Charakter der Schweizer Nachrichtendienste während des Kalten Kriegs.
Die Auseinandersetzung mit einer paranoiden Vergangenheit
Die Schweiz steht nun vor einer entscheidenden Frage: Wie kann eine moderne Demokratie mit einer derart ausgeprägten Geschichte der inneren Spionage umgehen? Der «Fichenskandal» bleibt ein prägender Moment der Schweizer Geschichte, eine Zeit, in der der Staat seine Schutzinstrumente gegen die eigenen Bürgerinnen und Bürger richtete. Mit dem Auftauchen dieser neuen Einzelheiten war der Ruf nach Transparenz noch nie dringlicher. Der Übergang vom Kalten Krieg ins digitale Zeitalter hat die Überwachungsmethoden verändert, nicht aber den zugrunde liegenden Kontrollimpuls. Indem die Schweiz die 39 überwachten Bundesratsmitglieder untersucht, muss sie anerkennen, dass ihre Stabilität einst durch eine Kultur der Angst und des Misstrauens aufrechterhalten wurde. Diese historische Aufarbeitung ist eine ernüchternde Erinnerung daran, dass selbst in den stabilsten Demokratien die Grenze zwischen Sicherheit und übermässigem Eingreifen gefährlich schmal ist. Künftig muss das Erbe der Proteste von 1989 als Schutz für die Grundrechte dienen. Die Dossiers mögen geschlossen sein, doch die Lehren daraus sind heute relevanter denn je, während sich die Schweiz mit den komplexen Fragen moderner Anti-Terror-Gesetze und des digitalen Datenschutzes auseinandersetzt. Die Geister des Kalten Kriegs fordern in den Berner Amtshallen weiterhin Rechenschaft.