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Swiss Observer

Akten zeigen: Schweizer Polizei bespitzelte Dutzende künftige Bundesratsmitglieder

Eine Überprüfung von Archivakten aus der Zeit des «Fichenskandals» hat ergeben, dass die Schweizer Polizei mindestens 39 Personen heimlich überwachte, die später als Bundesräte tätig waren. Zu ihnen gehörten bekannte Persönlichkeiten wie Ruth Dreifuss und Christoph Blocher.

Akten zeigen: Schweizer Polizei bespitzelte Dutzende künftige Bundesratsmitglieder
AISWI swissinfo.ch

Erstaunliche 39 künftige Mitglieder des Schweizer Bundesrats waren Opfer einer jahrzehntelangen Inlandspionage, die das Fundament des Vertrauens in der Schweiz erneut erschüttert hat. Neu aufgetauchte Unterlagen aus dem berüchtigten «Fichenskandal» zeigen, dass die Bundes- und Kantonspolizeien zwischen 1930 und 1989 heimlich Dossiers über genau jene Personen führten, die später das Land regieren sollten. Dabei ging es nicht um gezielte Ermittlungen gegen Kriminelle, sondern um ein systematisches Netz, in dem künftige Bundespräsidentinnen und Bundesräte bereits in ihren politischen Anfangsjahren erfasst wurden. Das Ausmass dieser Überwachung ist beispiellos und zeigt, dass der Schweizer Staat seinen engagiertesten Bürgerinnen und Bürgern während des gesamten 20. Jahrhunderts mit tiefem Misstrauen begegnete. Fast sechs Jahrzehnte lang arbeitete der Staatsapparat und dokumentierte die Bewegungen, Kontakte und das Privatleben von Persönlichkeiten wie Christoph Blocher und Elisabeth Kopp, lange bevor diese die Machtzentren erreichten. Diese Enthüllung verändert unser Verständnis der Zeit des Kalten Kriegs in der Schweiz und zeichnet das Bild einer paranoiden Verwaltung, die Überwachung über demokratische Transparenz stellte.

Von Aktivistinnen und Aktivisten zu Bundespräsidentinnen und Bundespräsidenten

Die Polizeidossiers wurden oft genau in dem Moment angelegt, in dem diese künftigen Führungspersönlichkeiten es wagten, eine politische Meinung zu äussern. Ruth Dreifuss, die später als erste Bundespräsidentin der Schweiz Schranken durchbrechen sollte, geriet allein wegen ihrer lautstarken Opposition gegen den Vietnamkrieg ins Visier der Polizei. Ihr Dossier ist ein wichtiges Beispiel dafür, wie legitimer Widerspruch als Sicherheitsbedrohung behandelt wurde. Elisabeth Kopp, die erste Frau im Bundesrat, wurde unterdessen wegen der geschäftlichen Investitionen ihres Vaters in Ungarn genau unter die Lupe genommen. Der Staat reichte weit, und sein Gedächtnis reichte noch weiter: Er verfolgte diese Personen von ihrer Jugend bis in ihr Berufsleben. Die Überwachung machte keinen Unterschied nach politischer Ausrichtung. Sie richtete sich sowohl gegen Dreifuss’ linkes Engagement als auch gegen Blochers konservative Bewegungen. Das offenbart eine beklemmende Realität: Für die Schweizer Polizei der Mitte des 20. Jahrhunderts bedeutete politisches Engagement gleichbedeutend potenzielle Umsturzbestrebungen. Der Wandel vom «überwachten Subjekt» zum «Mitglied des Bundesrats» verdeutlicht die dramatische Ironie in den Laufbahnen dieser Amtsträgerinnen und Amtsträger. Viele von ihnen mussten später genau jene Behörden führen, die sie einst bespitzelt hatten.

Erfindungen und Falschbehauptungen in den Archiven

Moritz Leuenberger, ein ehemaliger Bundesrat, der von 1995 bis 2010 amtierte, sieht sich in seinem eigenen Polizeidossier mit einem Erbe aus Lügen konfrontiert. Leuenberger, der ironischerweise die parlamentarische Kommission leitete, die genau diese Praktiken untersuchte, beschreibt die Akten als eine giftige Mischung aus Belanglosigkeiten und «bewussten Falschbehauptungen». Die Dossiers dienten nicht nur dazu, Bewegungen zu verfolgen, sondern konstruierten auch Schuld durch Verbindung und brachten Politikerinnen und Politiker mit Personen in Verbindung, die sie nie getroffen hatten. Diese «Mischung aus Misstrauen und falschen Anschuldigungen» war kein Fehler im System, sondern gehörte zu dessen Funktionsweise. Die Archive zeigen, dass die Polizei ideologische Voreingenommenheit häufig höher gewichtete als sachliche Genauigkeit und so eine verzerrte Realität schuf, die die Laufbahnen Dutzender künftiger Schweizer Führungspersönlichkeiten hätte zerstören können. Leuenbergers Erfahrung unterstreicht die Gefahr unkontrollierter Informationsbeschaffung, bei der «Belanglosigkeiten» als Waffen eingesetzt werden, um eine Erzählung der Unzuverlässigkeit zu konstruieren. Dass diese Dossiers Ungenauigkeiten und Erfindungen enthielten, deutet darauf hin, dass es bei der Überwachung weniger um die nationale Sicherheit ging als darum, den Status quo durch Einschüchterung und Rufmord zu bewahren.

Ein Erbe des Misstrauens und der Reformen

Die Einstellung der Überwachung und die Auflösung der Dossiers im Jahr 1989 waren kein freiwilliger Gnadenakt der Regierung, sondern wurden durch einen massiven öffentlichen Aufschrei erzwungen, der die Schweizer Politik für immer veränderte. Heute ist die Enthüllung, dass 39 Bundesratsmitglieder überwacht wurden, eine eindringliche Erinnerung daran, dass der «Fichenskandal» nicht bloss eine historische Fussnote ist, sondern bis heute Teil der politischen Identität der Schweiz bleibt. Während sich die Schweiz mit aktuellen Debatten über den Schutz der Privatsphäre im digitalen Raum und Anti-Terror-Gesetze auseinandersetzt, liefern diese Archive eine warnende Lehre. Der Übergang von den physischen Dossiers des Kalten Kriegs zu den digitalen Spuren von heute zeigt, dass sich die Methoden zwar weiterentwickelt haben, das Spannungsverhältnis zwischen staatlicher Sicherheit und individueller Freiheit aber weiterhin entscheidend ist. Diese Entdeckung zwingt das Land zur Auseinandersetzung mit einer grundlegenden Frage: Wie viel Macht sollten wir jenen zugestehen, die uns überwachen? Die Folgen liegen auf der Hand: Ohne strenge Kontrolle können Schutzinstrumente leicht zu Unterdrückungsinstrumenten werden. Auch mit Blick auf die Zukunft werfen die Schatten der Vergangenheit ihre Konturen weiterhin auf das Bundeshaus und erinnern alle Bürgerinnen und Bürger daran, dass der Preis der Demokratie ewige Wachsamkeit gegenüber jenen ist, die sie heimlich überwachen wollen.