Wirtschaft
Das globale Spiel der Schweizer Pharmaindustrie: Der Pharmastandort Basel kämpft um seine Stellung, während Unternehmen in den USA expandieren
Während sich Basels weltweit führender Pharmastandort an eine neue globale Ordnung anpasst, bauen grosse Schweizer Unternehmen wie Roche und Novartis ihre Präsenz in den USA, insbesondere in North Carolina, mit Nachdruck aus. Dies signalisiert eine strategische Neuausrichtung, um künftiges Wachstum zu sichern.

Basel-Stadt ist ein Wirtschaftsriese und kann ein beeindruckendes BIP pro Kopf von CHF 204,070 vorweisen, mehr als doppelt so viel wie der Schweizer Durchschnitt. Seit fast zwei Jahrhunderten gibt diese Enklave am Rhein den Takt der globalen Medizin vor. Die weissen Türme von Roche und der weitläufige Novartis-Campus sind Denkmäler der Schweizer industriellen Spitzenstellung. Heute steht diese Dominanz jedoch unter beispiellosem Druck. Basel-Stadt allein erwirtschaftet 36% der gesamten Schweizer Exporte. Doch während künstliche Intelligenz und geopolitische Instabilität die Regeln der Arzneimittelentwicklung neu schreiben, wird das Erbe der Stadt zunehmend zur Schwachstelle. Neue Konkurrenten von Suzhou bis Madrid agieren schneller und kostengünstiger und zwingen Basel, an mehreren Fronten um seine Stellung als weltweit führender Pharmastandort zu kämpfen. Die Branche steht an einem Wendepunkt, an dem die Vergangenheit künftigen Wohlstand nicht mehr garantiert.
Der Exodus in die USA: 200 Milliarden US-Dollar
Eine gewaltige Welle Schweizer Kapital fliesst über den Atlantik: Unternehmen haben bis 2028 Investitionen von insgesamt 200 Milliarden US-Dollar in den USA zugesagt. Das ist keine allmähliche Verlagerung, sondern ein strategischer Ansturm. Bis Ende 2026 werden bereits mehr als 67 Milliarden US-Dollar in den USA investiert sein. Angetrieben von einer «Zollklemme» und der Aussicht auf Zugang zu einem riesigen Markt, räumen Schweizer Branchenriesen dem Ausbau ihrer Präsenz in den USA Priorität ein, um ihr künftiges Wachstum zu sichern. Unternehmen wie Ypsomed halten zwar an Forschung und Entwicklung in der Schweiz fest, doch die Realität ist eindeutig: Die Produktion verlagert sich. Die Investition von 200 Millionen Franken in Holly Springs durch CEO Simon Michel ist ein klares Signal, dass die lokalen Märkte der USA und Chinas nun die wichtigsten Ziele für die Produktion sind. Die Schweizer Pharmaindustrie exportiert nicht mehr nur Medikamente, sondern ihre gesamte Infrastruktur.
North Carolinas aggressive Charmeoffensive
North Carolina hat sich zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten entwickelt. Mit Steueranreizen und spezialisierten Arbeitskräften wirbt der Bundesstaat gezielt um führende Schweizer Unternehmen. Gouverneur Josh Stein führt eine aggressive Kampagne, die bereits 80 Schweizer Unternehmen angezogen hat, bei denen mehr als 8’100 Einwohnerinnen und Einwohner beschäftigt sind. Roche und Novartis investieren derzeit Hunderte Millionen in grosse neue Produktionsstätten im Bundesstaat. Sie werden von der versprochenen Stabilität und einem Standort angezogen, von dem aus 150 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten innerhalb eines Tages mit dem Auto erreichbar sind. Anders als die traditionellen Standorte Boston oder Cambridge bietet Raleigh eine überzeugende Kombination aus Spitzenforschung und tieferen Betriebskosten. Die Botschaft aus dem Südosten der USA ist klar: Dort sucht man nicht nur Partner, sondern will Basel als Gravitationszentrum der nächsten Generation der Biowissenschaften ablösen.
Ein prekärer Wendepunkt am Rhein
Die Warnung der Branchenführer ist unmissverständlich: «Wenn wir nicht handeln, wird das goldene Zeitalter vorbei sein.» René Buholzer von Interpharma beschreibt eine Nation an einem entscheidenden Wendepunkt, an dem die alten Gewissheiten verschwunden sind. Die Schweiz mit ihrem hohen Kostenniveau muss sich auf eine Welt einstellen, in der KI-gestützte Arzneimittelentwicklung und eine von der nationalen Sicherheit getriebene Produktion zur neuen Norm werden. Basel bleibt zwar ein Innovationszentrum, doch der aggressive Ausbau der Auslandsgeschäfte seiner Vorzeigeunternehmen deutet auf eine Absicherung hin, die den politischen Entscheidungsträgern in Bern zu denken geben sollte. Um zu überleben, muss sich Basel über seine chemischen Wurzeln des 19. Jahrhunderts hinaus weiterentwickeln und einen radikalen digitalen Wandel vollziehen. Der Kampf um das nächste Jahrhundert der Medizin hat sich vom Rhein wegverlagert. Die Schweiz muss nun beweisen, dass sie in einer Welt, die nicht mehr auf sie wartet, weiterhin eine führende Rolle spielen kann.