Gesundheitsversorgung
Schweizer Studie zeigt grosse kantonale Unterschiede in der kinderärztlichen Versorgung
Eine neue Studie der Universität Bern zeigt grosse regionale Unterschiede beim Zugang zu Kinderärztinnen und Kinderärzten: In Genf kommt eine Vollzeitstelle auf rund 750 Kinder, in Appenzell Ausserrhoden auf rund 4'750 Kinder. Hohe Teilzeitquoten, administrative Anforderungen und unterschiedliche Vergütungen gehören zu den Faktoren, die zum Mangel beitragen.

Der Zugang eines Kindes zu einer Kinderärztin oder einem Kinderarzt kann stark davon abhängen, in welchem Kanton die Familie lebt. Eine Studie der Universität Bern hat den landesweiten Mangel erfasst, der sich in der Schweiz sehr unterschiedlich zeigt. Gemäss den Ergebnissen der Universität kommt schweizweit eine Kinderärztin oder ein Kinderarzt auf rund 1'600 Kinder. Die Verteilung ist jedoch alles andere als gleichmässig.
In Genf kommt eine kinderärztliche Vollzeitstelle auf rund 750 Kinder. In Appenzell Ausserrhoden steigt das Verhältnis auf etwa 4'750 Kinder pro Stelle. Auch Obwalden weist eine geringe Personaldichte auf: Dort kommen rund 4'150 Kinder auf eine Vollzeitstelle. Diese Zahlen geben an, wie viele Kinder auf die Kapazität einer Vollzeitstelle entfallen, und zählen nicht einfach die in einem Register aufgeführten Ärztinnen und Ärzte.
Die Studie zeigt genauer, weshalb es manchen Familien schwerfällt, einen Termin zu erhalten. Ein Mangel an verfügbaren Kapazitäten kann die Wartezeiten verlängern, die Auswahl an Praxen einschränken und Eltern dazu bewegen, wegen Problemen, die normalerweise von Kinderärztinnen und Kinderärzten in der Grundversorgung behandelt würden, den Notfalldienst aufzusuchen. Die Ergebnisse wurden im Swiss Medical Weekly veröffentlicht und am 1. September 2026 von Keystone-SDA gemeldet.
Genf mit den am stärksten betroffenen Kantonen vergleichen
Die Personaldichte in Genf ist mehr als sechsmal besser als die in Appenzell Ausserrhoden ausgewiesene Zahl. Der Vergleich macht das Ausmass des regionalen Gefälles in der Schweiz sichtbar. In Genf kommt eine Vollzeitstelle auf rund 750 Kinder, in Appenzell Ausserrhoden auf etwa 4'750. In Obwalden sind es rund 4'150 Kinder pro Stelle.
Die kantonalen Unterschiede sind bedeutsam, weil die kinderärztliche Versorgung über lokale Praxen, Kliniken und Gesundheitssysteme organisiert ist. Familien in gut versorgten Gebieten haben möglicherweise mehr Möglichkeiten, wenn ein Kind eine Routineuntersuchung, eine Impfung oder einen Folgetermin benötigt. Wo es weniger Stellen gibt, können schon wenige Abwesenheiten oder reduzierte Arbeitspensen den Zugang stärker beeinträchtigen.
Die Studie zeichnet kein einheitliches landesweites Bild des Mangels. Ihre Zahlen zeigen, dass sich der Druck ungleich verteilt und die Personalsituation insbesondere in ländlichen und kleineren Kantonen anspruchsvoll ist. Der landesweite Durchschnitt von 1'600 Kindern pro Kinderärztin oder Kinderarzt verdeckt daher die grossen Unterschiede bei den Kapazitäten, die einzelnen Gemeinden zur Verfügung stehen. Für Eltern bleibt die entscheidende Frage eine lokale: Welche Praxis kann ein Kind aufnehmen, und wie bald?
Die Arbeitsbelastung hinter dem Mangel erfassen
Teilzeitarbeit prägt die im Rahmen der Studie ermittelte Arbeitssituation zu 87 Prozent. Die Forschenden der Universität Bern befragten praktizierende Mitglieder der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie, um zu untersuchen, weshalb das Angebot an Versorgung in Teilen des Landes nicht ausreicht. Die Umfrage weist auf mehrere gleichzeitig wirkende Belastungen hin.
Viele Kinderärztinnen und Kinderärzte arbeiten Teilzeit. Dadurch sinkt die Zahl der verfügbaren Vollzeitstellen, auch wenn die Ärztinnen und Ärzte weiterhin in Praxen tätig sind. Die Studie stellte zudem eine hohe administrative Belastung fest. Schreibarbeit, Koordination und andere nicht klinische Aufgaben beanspruchen Zeit, die sonst für Konsultationen oder die Weiterentwicklung der Praxis zur Verfügung stehen könnte.
Die Forschenden nannten ausserdem steigende Erwartungen der Eltern. Kinderärztinnen und Kinderärzte müssen mehr Anforderungen rund um Termine, Informationen und Beruhigung erfüllen und zugleich die Verantwortung für Diagnose und Behandlung tragen. Diese Belastungen können die allgemeine Kinder- und Jugendmedizin als langfristige Berufswahl weniger attraktiv machen und die Zahl der Stunden begrenzen, die Ärztinnen und Ärzte arbeiten können oder wollen.
Die Umfrage liefert eine Erklärung für die kantonalen Zahlen zur Versorgung. Die Anzahl praktizierender Ärztinnen und Ärzte bildet die Versorgungskapazität für Kinder nicht vollständig ab. Arbeitszeit, administrative Aufgaben und die Struktur der Praxen bestimmen mit, wie viele Termine Familien tatsächlich erhalten können.
Die Finanzierung hinter dem Zugang nachvollziehen
Die Vergütung beeinflusst, wo Kinderärztinnen und Kinderärzte praktizieren. Die Studie der Universität Bern ergab eine höhere Dichte an Kinderärztinnen und Kinderärzten in Kantonen, in denen medizinische Leistungen besser vergütet werden. Neben den in der Umfrage festgestellten Belastungen der Arbeitskräfte kommt damit eine finanzielle Dimension zum regionalen Gefälle hinzu.
Kantone mit besseren Vergütungsbedingungen können möglicherweise leichter Ärztinnen und Ärzte gewinnen, Praxen erhalten und das für deren Betrieb nötige Personal unterstützen. Kantone mit tieferen Vergütungen können grössere Schwierigkeiten haben, vergleichbare Kapazitäten aufzubauen, insbesondere wenn Ärztinnen und Ärzte bereits mit Teilzeitpensen und erheblichem Verwaltungsaufwand konfrontiert sind. Die Studie empfiehlt kein einzelnes Finanzierungsmodell, weist aber die Vergütung als einen Faktor aus, der mit der Dichte an Kinderärztinnen und Kinderärzten zusammenhängt.
Die Ergebnisse verorten die Verantwortung im gesamten Schweizer Gesundheitssystem. Kantonale Behörden, Berufsorganisationen und Versicherer beeinflussen alle die Bedingungen, unter denen kinderärztliche Praxen arbeiten. Jede Reaktion erfordert verlässliche Personaldaten, die zwischen der Anzahl Ärztinnen und Ärzte und Vollzeitstellen unterscheiden und die Bedürfnisse kleinerer Gemeinden berücksichtigen.
Für Familien zeigt sich die unmittelbare Auswirkung beim Zugang zur Versorgung. Ein landesweiter Durchschnitt kann die Situation des Landes beschreiben, sagt Eltern in Appenzell Ausserrhoden oder Obwalden aber nicht, wie schnell ihr Kind untersucht wird. Die Studie macht diese lokalen Unterschiede sichtbar und bietet den politischen Entscheidungsträgern eine Grundlage, um Unterstützung gezielt einzusetzen.
Die Versorgung am lokalen Bedarf ausrichten
Die Schweiz muss bei ihren nächsten Massnahmen die Versorgungskapazität dort messen, wo die Kinder leben. Die Studie ist eine landesweite Warnung und zeigt auf einer kantonalen Karte, wo der Druck besonders gross ist. Sie behauptet jedoch nicht, dass jede Gemeinde mit demselben Problem konfrontiert ist. Das Verhältnis in Genf zeigt, wie eine vergleichsweise gute Versorgung gemäss den Studiendaten aussieht. Appenzell Ausserrhoden und Obwalden zeigen, wie rasch der Zugang eingeschränkt sein kann.
Die Ergebnisse weisen auf mehrere praktische Handlungsfelder hin: bessere Vergütungen dort, wo die Personalsituation am schwierigsten ist, weniger administrative Arbeit und Rahmenbedingungen, die kinderärztliche Praxen mit den heutigen Arbeitsmodellen der Ärztinnen und Ärzte vereinbar machen. Die Teilzeitquote von 87 Prozent bedeutet, dass sich die Personalplanung auf die verfügbare klinische Arbeitszeit konzentrieren muss und nicht nur auf die Zahl der registrierten Fachpersonen.
Die Umfrage wurde unter praktizierenden Mitgliedern der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie durchgeführt und im Swiss Medical Weekly veröffentlicht. Sie benennt die Belastungen, die zum Mangel beitragen, während die regionalen Verhältniszahlen zeigen, wo diese Belastungen am deutlichsten sichtbar sind. Weitere politische Entscheide werden darüber bestimmen, ob sich die Lücke schliesst oder in der kantonalen Struktur des Schweizer Gesundheitswesens bestehen bleibt.
Vorerst dokumentieren die Zahlen präzise, wie ungleich der Zugang ist: 750 Kinder pro Vollzeitstelle in Genf, gegenüber 4'750 in Appenzell Ausserrhoden. Dieser Unterschied bildet den Ausgangspunkt für eine gezieltere Diskussion über die kinderärztliche Versorgung.