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Swiss Observer

Abkommen Schweiz-EU gefährdet: Parlamentskommission lehnt wichtige Lohnschutzmassnahmen ab

Die bevorstehenden Verhandlungen über die Abkommen der Schweiz mit der EU sind gefährdet, nachdem eine parlamentarische Kommission wichtige Lohnschutzmassnahmen abgelehnt hat. Die Gewerkschaften warnen deshalb, dass sie sich gegen das gesamte Abkommen stellen könnten.

Abkommen Schweiz-EU gefährdet: Parlamentskommission lehnt wichtige Lohnschutzmassnahmen ab
AILe News

Der heikle diplomatische Balanceakt der Schweiz mit Brüssel ist auf den Widerstand im Inland gestossen. Eine einzige Abstimmung in einer Kommission hat die Zukunft der Bilateralen III völlig ungewiss gemacht und droht, jahrelange sorgfältige Diplomatie zunichtezumachen. Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerats hat das Herzstück der Verhandlungen mit einer Ablehnung eines Eckpfeilers des Lohnschutzpakets praktisch in die Luft gesprengt. Das ist nicht bloss eine kleine gesetzgeberische Panne, sondern ein grundlegender Bruch des Konsenses, der nötig ist, um die Schweiz näher an ihren grössten Handelspartner heranzuführen. Ohne diese Schutzmassnahmen droht das gesamte Rahmenwerk des Abkommens zwischen der Schweiz und der EU zu scheitern, noch bevor es im Parlament zur Beratung kommt. Die Botschaft aus Bern ist unmissverständlich: Der Weg nach Europa ist derzeit durch einen erbitterten innenpolitischen Streit über die Rechte der Schweizer Arbeitnehmenden blockiert.

Massnahme 14: Der Verrat mit acht Stimmen, der einen Sturm entfachte

Mit einer entscheidenden Abstimmung von 8 zu 4 Stimmen wurde «Massnahme 14» gekippt, der hart erkämpfte Schutz für Arbeitnehmervertretende, der als Dreh- und Angelpunkt der Unterstützung durch die Gewerkschaften galt. Die Bestimmung sollte Arbeitnehmende in Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitenden vor einer missbräuchlichen Kündigung schützen. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hält diesen Schutz für unerlässlich, um die Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu erfüllen. Gegner unter der Führung von Fabio Regazzi, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands, bezeichnen die Massnahme hingegen als «trojanisches Pferd». Sie argumentieren, dieser Schutz habe nichts mit der EU zu tun und sei vielmehr ein Eingriff in die innerstaatliche Arbeitsmarktpolitik. Indem die Kommission die Massnahme aus dem 14 Punkte umfassenden Lohnschutzpaket strich, brachte sie einen Kompromiss ins Wanken, für den mehr als 80 zermürbende Verhandlungsrunden nötig waren. Was eine Brücke nach Brüssel werden sollte, ist stattdessen zum Schlachtfeld für innenpolitische Arbeitnehmerrechte geworden.

Gewerkschaften schlagen zurück: Ein grosses Nein-Bündnis droht

Die Gegenreaktion erfolgte umgehend und fiel unmissverständlich aus. Pierre-Yves Maillard, der einflussreiche Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, warnte scharf: Ohne Massnahme 14 seien die Gewerkschaften bereit, das Abkommen ganz aufzugeben. Diese Drohung wiegt schwer, denn im Schweizer System der direkten Demokratie bedeutet der Widerstand der Gewerkschaften oft das Aus für wichtige internationale Verträge. Maillard wirft den rechtsbürgerlichen Gegnern vor, die Massnahme gezielt «torpediert» zu haben, um die Gewerkschaften ins Nein-Lager zu treiben und so das gesamte EU-Paket stellvertretend zu Fall zu bringen. Die Anspannung ist spürbar, denn die Arbeitnehmendenvertretungen haben den Eindruck, dass die Arbeitgeberlobby Regeln missachtet, zu deren Einhaltung die Schweiz international verpflichtet ist. Sollten die Gewerkschaften ihre Basis mobilisieren, droht der Bundesverwaltung das Albtraumszenario einer Niederlage in einer Volksabstimmung, die die Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU für eine Generation einfrieren könnte.

Souveränität oder Stabilität: Was auf dem Spiel steht

Wenn die Debatte nächsten Monat in beiden Räten des Parlaments weitergeht, steht die Schweiz an einem Scheideweg. Bei der Ablehnung dieser Lohnschutzmassnahmen geht es nicht nur um Arbeitsrecht, sondern um die Frage, was die Schweizer Souveränität ausmacht und wie sie sich zur wirtschaftlichen Notwendigkeit der europäischen Integration verhält. Fabio Regazzi betont zwar, sein Verband wolle ein Abkommen, «aber nicht um jeden Preis». Der Preis eines Scheiterns könnte jedoch enorm sein. Ein Scheitern der Bilateralen III würde Schweizer Branchen mit wachsenden regulatorischen Hürden und einem schwindenden Marktzugang zurücklassen. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob sich aus den Trümmern dieser Kommissionsabstimmung ein neuer Kompromiss schmieden lässt oder ob sich die Schweiz in eine Phase isolationistischer Ungewissheit zurückzieht. Brüssel beobachtet die Entwicklung, doch das eigentliche Drama spielt sich in den Korridoren von Bern ab, wo die Zukunft der Schweizer Wirtschaft am seidenen Faden hängt.