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Swiss Observer

Ehemaliger Spitzenarzt kritisiert Spezialistinnen und Spezialisten wegen überhöhter Abrechnungen

Philippe Luchsinger, ehemaliger Präsident des Hausärzteverbands, hat eine Debatte über die Gesundheitskosten ausgelöst. Er wirft Spezialistinnen und Spezialisten vor, veraltete Tarifstrukturen zu nutzen, um mehr Zeit abzurechnen, als moderne technische Untersuchungen erfordern, und so das System übermässig zu belasten.

Ehemaliger Spitzenarzt kritisiert Spezialistinnen und Spezialisten wegen überhöhter Abrechnungen
AISWI swissinfo.ch

Der Konsens im Schweizer Gesundheitswesen gerät ins Wanken, weil eine der bekanntesten Stimmen der Ärzteschaft aus der Reihe tanzt und ein von Ineffizienz geprägtes System anprangert. Philippe Luchsinger, der ehemalige Präsident des Hausärzteverbands, hat Spezialistinnen und Spezialisten scharf kritisiert. Er wirft ihnen vor, veraltete Abrechnungsregeln auszunutzen, um sich auf Kosten der Schweizer Steuerzahlenden die Taschen zu füllen. Dabei geht es nicht bloss um einen beruflichen Streit, sondern um eine umfassende Auseinandersetzung über das Wesen des Schweizer Gesundheitswesens. Luchsingers Enthüllungen legen nahe, dass ein Teil der medizinischen Elite an einem «mangelhaften Tarifwerk» festhält, um finanziell davon zu profitieren, während Patientinnen und Patienten mit stark steigenden Prämien kämpfen. Das Schweigen, das die Ärzteschaft normalerweise prägt, ist gebrochen. An seine Stelle ist die Forderung nach Transparenz getreten, die sich nicht länger ignorieren lässt. Während die Krise der Tragbarkeit einen kritischen Punkt erreicht, markiert dieses Whistleblowing aus den eigenen Reihen einen entscheidenden Wendepunkt in der nationalen Debatte über die obligatorische Krankenversicherung.

Die Explosion auf sieben Milliarden Franken

Die Zahlen sind schlicht verblüffend: Die Abrechnungen von Spezialistinnen und Spezialisten sind von 3,7 Milliarden Franken im Jahr 2010 auf heute über 7 Milliarden Franken gestiegen. Dieser Kostenanstieg von fast 90 Prozent steht in scharfem und schmerzlichem Kontrast zur Stabilität der Grundversorgung. Während die Einnahmen der Spezialistinnen und Spezialisten in schwindelerregende Höhen gestiegen sind, bewegen sich die Hausärztinnen und Hausärzte weiterhin auf einem stabilen Niveau von 3,5 Milliarden Franken pro Jahr. Diese wachsende Kluft macht ein grundlegendes Ungleichgewicht in der Bewertung medizinischer Arbeit in der Schweiz sichtbar. Luchsinger nimmt kein Blatt vor den Mund und erklärt: «Die Solidarität hört beim Portemonnaie auf.» Die Daten deuten auf ein System hin, in dem technische Untersuchungen zu lukrativen Goldeseln geworden sind, während die unverzichtbare und zeitintensive Arbeit der Hausärztinnen und Hausärzte finanziell an den Rand gedrängt wird. Diese finanzielle Divergenz treibt die allgemeine Kostenspirale im Gesundheitswesen an und zwingt Schweizer Familien, einen immer grösseren Teil ihres Haushaltsbudgets für Krankenversicherungsprämien aufzuwenden, die scheinbar unaufhörlich steigen. Der Status quo ist nicht mehr nur unhaltbar, sondern geradezu provokativ.

Phantomminuten und Rechnungen aus den 1990er-Jahren

Schweizer Spezialistinnen und Spezialisten rechnen mit technischen Vorgaben, die seit den 1990er-Jahren nicht mehr aktualisiert wurden, faktisch «Phantomminuten» ab. In einer Zeit rascher technologischer Fortschritte ist die für komplexe Eingriffe benötigte Zeit stark gesunken, doch die Abrechnungssätze sind unverändert geblieben. Ein Beispiel ist der Herzultraschall: Schweizer Spezialistinnen und Spezialisten rechnen dafür 55 Minuten Arbeit ab. Die American Society of Echocardiography hält jedoch fest, dass eine Routineuntersuchung nur 30 Minuten und selbst eine komplexe Untersuchung nur 45 Minuten dauern sollte. Diese Differenz von 25 Minuten entspricht einer massiven, ungerechtfertigten Vermögensverschiebung von den Versicherungszahlenden zu den Leistungserbringenden. Luchsinger argumentiert, diese «Minutentarife» seien ein Relikt aus einer vergangenen Zeit und berücksichtigten die heutige Effizienz nicht. Indem Spezialistinnen und Spezialisten Zeit abrechnen, die sie tatsächlich weder mit den Patientinnen und Patienten noch mit den Geräten verbringen, treiben sie die Kosten jeder technischen Untersuchung im Land in die Höhe. Dieser systemische Fehler wird seit Jahrzehnten von jenen geschützt, die davon profitieren. Der Druck, die Tarife an die heutige Realität anzupassen, nimmt jedoch stark zu.

Die parlamentarische Keule droht

Die Zeit unkontrollierter Abrechnungen nähert sich ihrem Ende, denn im Parlament steht eine einschneidende Massnahme bevor. Eine von den Gesetzgebern genehmigte neue Vergütungsobergrenze soll nächstes Jahr in Kraft treten und bei den teuersten Spezialistinnen und Spezialisten eine «drastische Wirkung» entfalten. Hausärztinnen und Hausärzte sowie Kinderärztinnen und Kinderärzte dürften weitgehend unberührt bleiben. Spezialistinnen und Spezialisten, die von überhöhten Tarifen profitiert haben, steht hingegen eine finanzielle Abrechnung bevor. Luchsingers Intervention ist eine letzte Warnung an die Ärzteschaft: Sie soll sich reformieren, bevor der Staat es für sie tut. Die Tarifpartner stehen nun unter grossem Druck, eine Lösung zu finden, die den tatsächlichen Zeit- und Arbeitsaufwand in der modernen Medizin widerspiegelt. Scheitern sie, wird der Staat rasch eingreifen, was für jene an der Spitze der Abrechnungskette wahrscheinlich schmerzhaft sein wird. Die Zukunft des Schweizer Gesundheitswesens hängt davon ab, ob die Ärzteschaft ihren Sinn für Solidarität wiederentdecken kann oder ob weiterhin das «Portemonnaie» die Bedingungen für die Gesundheitsversorgung bestimmt. Die Zeit läuft, und bei den Spezialistinnen und Spezialisten werden die Minuten endlich korrekt gezählt.