Wirtschaft
Unternehmenskonkurse in der Schweiz erreichen höchsten Stand seit 1994
Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Unternehmenskonkurse um fast 55 Prozent und erreichten damit den höchsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten. Der Trend wird auf eine Kombination wirtschaftlicher Faktoren und eine Gesetzesänderung zurückgeführt, die öffentliche Gläubiger zu einer konsequenteren Betreibung verpflichtet.

Ein erschütternder Anstieg der Unternehmenskonkurse um 55 Prozent hat die Schweizerische Eidgenossenschaft erfasst und markiert die turbulenteste Phase für die einheimische Wirtschaft seit 1994. In nur sechs Monaten mussten 7’496 Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit einstellen. Die Wirtschaft sieht sich damit mit einem Ausmass an Konkursen konfrontiert, wie es seit drei Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen ist. Das ist kein langsames Tröpfeln, sondern eine Flut. Hält die aktuelle Entwicklung an, drohen der Schweiz bis Ende Jahr rekordhohe 15’000 Konkurse, deutlich mehr als die 11’900 Fälle im Jahr 2025. Die Stabilität, die den Schweizer Markt einst prägte, wird auf die Probe gestellt, während das Gastgewerbe, der Detailhandel und das Gewerbe die Hauptlast dieses finanziellen Sturms tragen. Die Weltwirtschaft bleibt fragil, doch die Stärke dieses Anstiegs deutet darauf hin, dass der Druck im Inland einen kritischen Punkt erreicht. Dies zwingt die Unternehmenslandschaft des Landes zu einer dramatischen Neuausrichtung.
Gesetzesverschärfung führt zur wirtschaftlichen Abrechnung
Der Rechtsstaat setzt sich mit unerbittlicher Effizienz durch. Eine entscheidende Gesetzesänderung, die 2025 in Kraft trat, verpflichtet öffentliche Gläubiger, insbesondere Steuer- und Sozialversicherungsbehörden, ausstehende Forderungen konsequent zu betreiben. Diese «systemische Bereinigung» des Marktes bringt Tausende von «Zombieunternehmen» ans Licht, die zuvor durch weniger strenge Betreibungspraktiken geschützt waren. Dirk Radetzki von Dun & Bradstreet weist darauf hin, dass diese Zahlen nicht mehr mit denen früherer Jahre vergleichbar sind, weil das Sicherheitsnetz weggezogen wurde. Unternehmen, die zuvor an ihrer wirtschaftlichen Belastungsgrenze arbeiteten, werden nun von jenen Institutionen über die Kante gedrängt, die sie früher weiterbestehen liessen. Diese politische Weichenstellung hat zusammen mit den hohen Finanzierungskosten und der schwächelnden Nachfrage einen perfekten Sturm geschaffen, der keinen Spielraum für finanzielle Ineffizienz lässt.
Etablierte Unternehmen geraten unter finanziellen Druck
Eine lange Unternehmensgeschichte schützt nicht mehr vor dem Konkurs. In einer überraschenden Umkehrung der bisherigen Marktweisheit gehen etablierte Unternehmen mit mehr als zehn Jahren Geschichte häufiger Konkurs als jüngere Firmen. Das Gewerbe führt die Liste mit 1’053 Konkursen an, gefolgt vom Gastgewerbe mit 770 und dem Detailhandel mit 626 Fällen. Von den belebten Strassen Zürichs bis zu den ruhigen Tälern Graubündens ist die Krise nahezu überall spürbar. Nur der Kanton Schwyz konnte sich dem Trend widersetzen, während alle anderen Regionen einen starken Anstieg der Unternehmenskonkurse meldeten. Die Daten zeigen eine ernüchternde Realität: Je länger ein Unternehmen am Markt tätig ist, desto grösser ist in diesem Umfeld mit hohen Kosten und starkem Druck sein Konkursrisiko. Es sind nicht nur Start-ups, die scheitern, bevor sie richtig loslegen können. Vielmehr werden die Säulen des Schweizer Mittelstands erschüttert.
Orientierung in der neuen Schweizer Wirtschaftslage
Die Schweiz steht vor einer entscheidenden Weichenstellung und muss sich mit einem systemischen wirtschaftlichen Wandel auseinandersetzen. Der gleichzeitige Einbruch in praktisch allen Branchen, darunter Druckereien, Versorgungsbetriebe und Verkehr, zeigt, dass es sich nicht um ein lokales Beben, sondern um einen umfassenden strukturellen Wandel handelt. Während sich die Baubranche ungewöhnlich widerstandsfähig zeigt, bleibt der Ausblick insgesamt verhalten. Die Gesetzesreform «spült» das System gewissermassen durch und bringt Fälle ans Licht, die seit Langem am Abgrund operieren. In der zweiten Hälfte des Jahres 2026 wird entscheidend sein, wie sich die verbleibenden Unternehmen auf eine Lage einstellen, in der öffentliche Gläubiger keine stillen Partner mehr sind. Die kommenden Monate werden zeigen, ob dieser Anstieg eine notwendige Korrektur ist, die den Weg für eine schlankere und widerstandsfähigere Wirtschaft ebnet, oder der Beginn einer längeren Phase des industriellen Rückgangs in der Schweiz. Die Ära der einfachen Kredite und aufgeschobenen Zahlungsverpflichtungen ist offiziell vorbei.